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Politik im Rest der Welt Interner Polizeibericht: „100 Vermummte suchen Ausländer“
Nachrichten Politik Politik im Rest der Welt Interner Polizeibericht: „100 Vermummte suchen Ausländer“
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23:00 11.09.2018
Auf politischer Ebene wird gestritten: Was ist bei den rechtsgerichteten Demonstrationen in Chemnitz passiert? Ein interner Polizeibericht soll eine intensive Bedrohungslage dokumentieren. Quelle: imago/MichaelxTrammer
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Chemnitz

Neue Details zu den rechtsgerichteten Demonstrationen in Chemnitz widersprechen bisherigen Darstellungen von Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen und dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer.

Ein interner Bericht der Polizei in Chemnitz skizziert das Bild einer intensiven Bedrohungslage am Montag, 27. August. In internen Aufzeichnungen der Polizei, über die das ZDF-Magazin „Frontal 21“ am Dienstagabend berichtet, sei detailreich beschrieben, wie nach Demonstrationen der AfD und der rechten Bewegung „Pro Chemnitz“ rechte Gewalttäter in der Stadt wüteten. In dem Polizeibericht sei die Rede von „Vermummten“, die sich „mit Steinen bewaffnen“, die „Ausländer suchen“ und ein jüdisches Restaurant überfallen. Anlass der Ausschreitungen war der Tod des 35-Jährigen Daniel H., der am 26. August durch Messerstiche ums Leben gekommen war. Tatverdächtig sind drei Asylbewerber aus Syrien und dem Irak, von denen zwei in Untersuchungshaft sitzen. Nach dem dritten Mann wird gefahndet.

Maaßen hatte erst die Echtheit eines Videos angezweifelt, auf dem Menschen bedroht werden. Später war er laut Medienberichten zurückgerudert. In einem Schreiben an Innenminister Horst Seehofer soll stehen, er sei falsch verstanden worden. Jedoch soll darin auch stehen, dass Maaßen Zweifel für angebracht hält, ob das Video „authentisch“ eine Menschenjagd zeige. Dies habe er mit seiner Kritik gemeint, berichten verschiedene Medien, darunter die „Süddeutsche Zeitung“. Kretschmer hatte nach Ausschreitungen gesagt, in Chemnitz habe es „keinen Mob, keine Hetzjagd und keine Progrome“ gegeben.

„Zwei Personen mit Eisenstangen in Richtung Brückenstraße unterwegs“

Den Recherchen des TV-Formats zufolge liefen jedoch am 27. August ab 19 Uhr bei der Polizei mehrere Meldungen darüber ein, dass gewaltbereite Hooligans aus anderen Bundesländern ins sächsische Chemnitz anreisen: „Vermutlich handelt es sich um Personen, die intensiv Kampfsport betreiben, gewaltsuchend sind“, heißt es in dem Einsatzbericht. Zu der Zeit sei es am Bahnhofsvorplatz schon zu Handgemengen gekommen. Weiter zitiert das Format aus dem Bericht: „Zwei Personen mit Eisenstangen am Bahnhofsvorplatz in Richtung Brückenstraße unterwegs.“

Die vor Ort agierenden Polizisten sollen gegen 20.30 Uhr im Einsatzstab nachgefragt haben, welche Maßnahmen sie ergreifen sollen, wenn der Hitlergruß gezeigt wird. Die Antwort der Zentrale lautete demnach: „1. Beweissicherung, 2. Strafverfolgung, 3. Einschreiten vor Ort nur bei Nichtgefährdung des Gesamteinsatzes.“

„100 vermummte Personen (rechts) suchen Ausländer.“

Aus dem Polizeibericht geht demnach auch hervor, dass es zwischen 21 und 22 Uhr mehrfach Versuche rechtsgerichteter Gewalttäter gab, linke Demonstranten oder Ausländer zu attackieren. Für den Zeitpunkt 21.42 Uhr steht geschrieben: „100 vermummte Personen (rechts) suchen Ausländer.“ Die Polizei habe nach ihnen gesucht, aber nur deren abgestellte Autos gefunden. Um 21.47 Uhr vermeldet der Bericht laut dem ZDF: „20 bis 30 vermummte Personen mit Steinen bewaffnet in Richtung Brühl, Gaststätte ’Schalom’.“

Der Angriff auf das jüdische Restaurant ist bereits bekannt. Der Wirt erstattete Anzeige. Demnach wurde das Restaurant von etwa einem Dutzend Neonazis überfallen. Die vermummten, in schwarz gekleideten Täter hätten „Hau ab aus Deutschland, Du Judensau“ gerufen und das Lokal mit Steinen, Flaschen und einem abgesägten Stahlrohr beworfen. Der Besitzer sei während des Angriffs von einem Stein an der rechten Schulter verletzt worden. Die Ermittlungen laufen.

Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma soll gewalttätig geworden sein

Auch einen Tag zuvor, am 26. September, ist es zu einer spontanen Demonstration gekommen, zu der die rechte Hooligan-Gruppe „Kaotic Chemnitz“ aufgerufen hatte. Ein Mann, der dabei aus der Menschenmenge heraus ausländisch aussehende Menschen attackiert haben soll, war dem Bericht zufolge Mitarbeiter einer bundesweit tätigen Sicherheitsfirma. Ein Sprecher der Firma Securitas habe das bestätigt. Der Vorfall und der Mitarbeiter seien dort bekannt. Schon Ende August habe man sich „mit sofortiger Wirkung von dem Mitarbeiter getrennt, weniger als zwölf Stunden, nachdem uns das Video bekannt wurde“, wird der Sprecher zitiert.

++Lesen Sie hier die Chronologie: Was geschah wirklich in Chemnitz+++

Auf dem Video vom 26. August, dessen Echtheit Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen zunächst angezweifelt hatte, ist zu sehen, wie Männer hinter anderen Menschen herrennen. Dabei sind Rufe zu hören wie „Haut ab! Was ist denn, ihr Kanaken?“ und „Ihr seid nicht willkommen!“. „Securitas Deutschland hat gegenüber rechtsradikaler oder fremdenfeindlicher Gesinnung eine Null-Toleranz-Politik“, sagte der Unternehmenssprecher laut ZDF.

Von RND/ngo/dpa

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