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Politik im Rest der Welt Japans weiter Weg zur Ehe für alle
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18:22 05.08.2017
Bunt und laut: Teilnehmerinnen der Tokyo Rainbow Pride Parade ziehen im Mai dieses Jahres durch Tokio. Quelle: Foto: Shizuo Kambayashi/dpa

. Als sein Freund vor Jahren auf der Intensivstation eines Tokioer Krankenhauses mit dem Leben rang, behandelten die Ärzte Kunihiro Maeda wie Luft. Kein Kommentar zum Zustand seines langjährigen Lebenspartners. Zu ihm gelassen wurde der japanische Politiker erst, als die Eltern seines Freundes erklärten, dass Maeda ein Familienmitglied sei. „Sogar in einem Notfall haben Homosexuelle in Japan nicht die gleichen Rechte wie Heterosexuelle“, sagt der 51-Jährige, der seit 18 Jahren als Abgeordneter im Parlament des Tokioer Bezirks Bunkyo sitzt.

Ehe ist in Japan die Ehe von Mann und Frau. Quelle: Foto: Kimimasa Mayama/dpa

Gemeinsam mit vier weiteren Politikern will er das nun ändern.

Die fünf Männer haben Japans erste parlamentarische Arbeitsgruppe auf lokaler Ebene gegründet, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender einsetzt. Auf nationaler Ebene hat sich bislang kein Politiker öffentlich geoutet oder für die Rechte der sogenannten LGBT stark gemacht.

Im Gegenteil: Die Regierung ihres Landes habe für die LGBTCommunity bislang sehr wenig getan, argumentieren die fünf Politiker. Japan sei der einzige G-7-Staat, der weder eingetragene Lebenspartnerschaften noch die Heirat für gleichgeschlechtliche Paare akzeptiere. Überhaupt komme es in ihrer Heimat sehr selten vor, dass sich Menschen zu einer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität bekennten, die von der Norm abweicht. LGBT steht für die englischen Begriffe Lesbian (lesbisch), Gay (schwul), Bi (bisexuell) und Trans.

Die Gruppe, die im Austausch mit LGBT-Communities in Taiwan, Hongkong und Südkorea steht, wurde Anfang Juli gegründet – nur wenige Tage nach der historischen Entscheidung des Bundestags in Berlin zur Ehe für alle. Deutschland war damit das 15. Land in der EU, das die Homosexuellen-Ehe erlaubt hat. Italien hat 2016 eingetragene Lebenspartnerschaften für Homosexuelle anerkannt, die Ehe für alle gibt es aber nicht. In den USA ist sie nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs seit 2015 möglich, in Kanada bereits seit 2005.

In Japan hingegen falle es der LGBT-Community noch immer sehr schwer, sich zu outen, sagt Tomoya Hosoda. Der 25 Jahre alte Transgender ist Mitglied der Stadtversammlung in Iruma, etwa 40 Kilometer von Tokio entfernt. Einige Politiker in seiner Heimat hätten noch bis vor Kurzem geglaubt, dass es in Iruma schlicht keine Homo- oder Bisexuellen und Transgender gebe. „Ich selbst hatte keine Vorbilder und habe mich oft voller Sorge gefragt, wie ich mein Leben leben soll“, sagt Hosoda. Er habe sich schließlich für die Politik entschieden, „weil ich nicht wollte, dass andere das durchmachen, was ich durchmachen musste“.

Ähnlich ging es auch Taiga Ishikawa. Der 43 Jahre alte Abgeordnete im Bezirksparlament von Toshima in Tokio war einer der ersten Politiker Japans, die sich öffentlich zu ihrem Schwulsein bekannten. Bis zu seinem 25. Lebensjahr habe er keinen einzigen anderen Homosexuellen getroffen, erzählt er – obwohl er nicht in der Provinz aufwuchs, sondern im kosmopolitischen Tokio.

2010 sorgte der damalige Gouverneur der Präfektur Tokio, Shintaro Ishihara, international für Aufruhr, als er Lesben und Schwule als „irgendwie fehlerhaft“ bezeichnete. „Es könnte genetisch bedingt sein“, hatte er gesagt. Sie täten ihm leid, weil sie eine Minderheit darstellten.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat Japan aufgefordert, seine Einwohner nicht mehr länger aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zu diskriminieren. 2020 ist das Land Gastgeber der Olympischen Spiele.

Einen Lichtblick gibt es allerdings: 2015 haben die Tokioer Bezirke Shibuya und Setagaya damit angefangen, gleichgeschlechtlichen Paaren ein Dokument auszustellen, das ihnen ihre Partnerschaft bescheinigt. In Setagaya wurden bis April 50 dieser Zertifikate vergeben. Und auch wenn dieser Schritt weit davon entfernt ist, Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen die gleichen Rechte und Pflichten einzuräumen wie Heterosexuellen, er beweist „die Existenz von gleichgeschlechtlichen Paaren“, wie der Lokalpolitiker Maeda sagt. „Sie sind nicht länger unsichtbar.“

Reich und tödlich

Japan hat knapp 130 Millionen Einwohner und ist nach Angaben der Weltbank die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde. Die vorherrschenden Religionen sind Shintoismus und Buddhismus. Der Inselstaat ist eine parlamentarische Demokratie, Staatsoberhaupt aber ist der Kaiser.

Die Todesstrafe ist in Japan nicht abgeschafft und wird auch vollzogen, zuletzt im März dieses Jahres an zwei Männern. In der knapp fünfjährigen Amtszeit von Regierungschef Shinzo Abe sind damit bereits 19 Menschen hingerichtet worden. Derzeit befinden sich laut dem Auswärtigem Amt 124 zum Tode Verurteile in japanischen Gefängnissen.

Takehiko Kambayashi

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