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Politik im Rest der Welt Barley lehnt Schonung von NS-Mittätern ab
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07:42 30.11.2018
Justizministerin Katarina Barley (SPD). Quelle: imago/Emmanuele Contini

Die letzten NS-Angeklagten stehen derzeit vor Gericht. Wie beurteilen Sie die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Deutschland?

Es hat zu lange gedauert, bis in Deutschland die juristische Aufarbeitung der Nazizeit ernsthaft begann. Das lag daran, dass im Verwaltungsapparat überwiegend frühere Verantwortliche an den wichtigen Stellen saßen und sich gegenseitig deckten. Im Bundesjustizministerium waren Ende der 50er Jahre noch drei Viertel der höheren Beamten ehemalige NSDAP-Mitglieder. Mit der zentralen Stelle der Länder zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg erfolgten die Ermittlungen ab 1958 kontinuierlich und systematisch. Die Ausschwitz-Prozesse führten, vorangetrieben durch den damaligen hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, in der Bundesrepublik 20 Jahre nach Kriegsende zu einer regelrechten juristischen Zäsur. Ohne den persönlichen Mut und die Standfestigkeit Bauers wären wir nie so weit gekommen wie wir jetzt sind.

Wo stehen wir heute?

Heute leben nur noch wenige Täter. Die meisten von ihnen waren kleine Räder in dem großen Getriebe der NS-Diktatur, häufig Wachleute in Konzentrations- und Vernichtungslagern. Das ist manchmal unbefriedigend, gerade vor dem Hintergrund, dass viele Verantwortliche ohne Strafe davongekommen sind. Trotzdem ist es nicht zuletzt für die Opfer und ihre Nachkommen wichtig, dass der Staat auch heute noch alle Täter und Mittäter zur Rechenschaft zieht.

Nun steht in Münster ein 95-Jähriger vor Gericht, der als Teenager in einem Konzentrationslager Wache schieben musste. Ihm wird Beihilfe zum Massenmord vorgeworfen. Hat das Sinn?

Die deutsche Justiz hat eine besondere Verantwortung, die Menschheitsverbrechen des NS-Staats aufzuklären. Wir dürfen dabei nicht nur auf einzelne Verfahren blicken. Hier findet eine Aufarbeitung der Geschichte mit juristischen Mitteln statt. Selbst wenn Verurteilte ihre Haft nicht mehr antreten können – der Holocaust ist solch ein einmaliges Verbrechen, dass sich alle, die persönliche Schuld auf sich geladen haben, Prozessen stellen müssen.

Sehen Sie auch andere Möglichkeiten, sich mit den früheren Tätern oder Mittätern auseinanderzusetzen?

Andere Länder, etwa Ruanda, haben Völkermord eher unter dem Versöhnungsaspekt aufgearbeitet. Deutschland hat sich für den juristischen Weg entschieden, was angesichts der monströsen Verbrechen konsequent war. Die noch lebenden Täter sind hochbetagt. Wenn wir wissen wollen, warum sie sich damals in das System haben einbinden lassen, sind wir darauf angewiesen, dass sie reden. Auch die Täter sind Zeitzeugen, wir können aus ihren Geschichten lernen.

Welche Bedeutung hat die Aufarbeitung für die junge Generation?

Ein solch unfassbares Verbrechen wie der Holocaust darf nie wieder geschehen. Junge Menschen sollen erfahren, wie die Nationalsozialisten ihre Diktatur errichten und Millionen Menschen ermorden konnten. Dafür ist es wichtig, dass die Nazizeit kein anonymer Geschichtsblock ist, sondern Opfer wie Täter als konkrete Menschen sichtbar werden. In diesem Jahr war ich mit meinen beiden Söhnen im Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Solche Orte erleichtern den Zugang zur Geschichte. Sie machen es rechten Hetzern schwerer, junge Menschen mit ihrer Ideologie zu erreichen.

Von Thoralf Cleven/RND

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