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„Kleine Rente heißt nicht Altersarmut“

Hannover „Kleine Rente heißt nicht Altersarmut“

Die Präsidentin der Renten- Versicherung warnt vor Panikmache im Wahlkampf.

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Ein finanziell gesicherter Lebensabend? Derzeit können 97 Prozent der Älteren ihren Lebensunterhalt aus eigenem Einkommen bestreiten.

Quelle: Foto: Fotolia

Hannover. Wahlkampf kann für Gundula Roßbach richtig teuer werden. Ein paar Milliarden Euro werden da schnell mal versprochen – und manchmal werden sie nach dem Urnengang auch ausgegeben. So war das 2014, als das Rentenpaket den Wählern unter anderem die Rente mit 63 (SPD) und die Mütterrente (Union) bescherte. Das kostet pro Jahr elf Milliarden Euro. Bezahlen muss die Deutsche Rentenversicherung. Deren Präsidentin ist Gundula Roßbach.

Seit 1. Januar ist sie die Chefin von 15000 Beschäftigten, sie verwaltet einen Etat von 280 Milliarden Euro. Unruhig scheint sie das nicht zu machen. Freundlich verweist sie darauf, dass große Ausgabenblöcke ja fest vorgegeben sind, vor allem natürlich die reguläre Altersrente. Dass sie von politisch verordneten Zusatzgeschenken nicht sonderlich viel hält, macht sie gleichwohl deutlich:

„Es gibt gesamtgesellschaftliche Ziele und Aufgaben, die durchaus nachvollziehbar sein können, die aber aus dem Steuertopf bezahlt werden sollten.“ Dies gelte umso mehr, wenn den künftigen Rentenzahlungen keine durch Arbeit erwirtschafteten Rentenbeiträge gegenüberstünden – so wie bei der Mütterrente, die jährlich rund sieben Milliarden Euro kostet. Ähnlich kritisch sieht sie die vorgezogene Angleichung der Ost-Renten bis 2025.

Roßbach kennt die Zahlen. Seit gut 20 Jahren arbeitet die Juristin und Diplom-Verwaltungswirtin bei der Rentenversicherung. Die 53-Jährige ist die erste Frau an der Spitze der 126 Jahre alten Institution. „Wir haben einen sehr großen Zahlen- und Datenschatz, deshalb wissen wir relativ genau, wie sich Reformen auswirken“, sagt sie. Sie kennt auch die Warnungen von Sozialverbänden und Parteien vor Altersarmut, das Szenario, dass vielleicht in einigen Jahren schon viele Rentner sich Wohnung oder Essen nicht mehr leisten können. Ihre Zahlen belegen das nicht. „Man muss sich natürlich den Einzelfall anschauen“, sagt Roßbach. „Ich warne aber vor Übertreibungen. Derzeit können 97 Prozent der älteren Menschen ihren Lebensunterhalt aus eigenem Einkommen finanzieren, rund drei Prozent sind auf die Grundsicherung angewiesen.“ Bei Kindern seien es dagegen 15 Prozent, die in Hartz-VIHaushalten leben.

Beim Thema Altersarmut ist die Datenlage allerdings nicht eindeutig. Es kann Ältere geben, die den Gang zum „Amt“ scheuen. Andere könnten jedoch neben der Rente weitere Einnahmequellen haben, was vor allem im Westen oft der Fall sein dürfte. „Man kann nicht einfach sagen, dass eine kleine Rente gleichbedeutend mit Altersarmut ist“, betont Roßbach. Gemeinsam mit dem Arbeitsministerium lässt die Rentenversicherung gerade untersuchen, wie sich die Lebensverläufe der 40- bis 60-Jährigen entwickelt haben, wie gut sie vorgesorgt haben und über wie viel Geld sie verfügen. Dabei wird auch das Haushaltseinkommen in den Blick genommen.

85 Prozent der Deutschen fürchten, die Altersarmut in Deutschland könnte sich in den kommenden zehn Jahren ausweiten. Das geht aus einer gestern veröffentlichten Umfrage des Forsa-Instituts in Berlin für den Lions-Club hervor. 50 Prozent der Befragten stimmten der Aussage, die Altersarmut in Deutschland werde weiter zunehmen, voll und ganz zu; weitere 35 Prozent stimmten eher zu.

Roßbach freut sich, dass die Rente in den vergangenen Jahren deutlich erhöht wurde. Weil es derzeit so viele Erwerbstätige gibt, profitieren Rentner stärker als sonst von Lohnangleichungen. Auf mittlere Sicht wird das Rentenniveau jedoch sinken, dafür sorgt ein Bremsklotz in der Rentenformel: Weil immer mehr Menschen in Rente gehen und immer älter werden, können die Arbeitnehmer dies durch ihre Beiträge nicht mehr finanzieren – deshalb sollen die Renten langsamer steigen als die Löhne. Bis zum Jahr 2030 ist ein Rentenniveau von 43 Prozent erlaubt, derzeit sind es 48 Prozent. Gemeint ist damit das Verhältnis von „Standardrente“ (ca. 1200 Euro) zum Durchschnittseinkommen (etwa 2500 Euro).

Roßbach warnt vor Panikmache im Wahlkampf: „Ich würde mir wünschen, dass es im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Rente einen möglichst großen parteiübergreifenden Konsens gibt.“ Horrorszenarien hält sie für kontraproduktiv. „Je mehr man bei der Altersvorsorge die Menschen verunsichert, umso weniger kümmern sie sich um das Thema.“ Vielleicht, weil sich dann ein gewisser Fatalismus einstellt.

Zumal junge Leute eh immer mehr Probleme hätten, langfristige Entscheidungen zu fällen.

Dafür gibt es für die Zahlenexpertin zu viele Variablen. Noch völlig unklar sei etwa, wie sich die Digitalisierung der Wirtschaft auswirkt. Verschwindet dann das klassische Arbeitsmodell? Gehen Millionen Jobs verloren? Oder entstehen sie an anderer Stelle neu? Am Ende, ahnt Gundula Roßbach, könnte es für die Rentenversicherung wieder teuer werden.

Udo Harms

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