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Köln nach Anschlag im Schockzustand

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Parteilose OB-Spitzenkandidatin niedergestochen — weil sie Flüchtlingen half? Wahl soll trotzdem stattfinden.

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Tatort auf dem Wochenmarkt: Beamte sichern den Schauplatz des Messerangriffs in Köln, bei dem kurz zuvor am Wahlstand der CDU die parteilose Spitzenkandidatin Henriette Reker und vier weitere Personen verletzt wurden.

Quelle: Federico Gambarini/dpa

Köln. Schockierte Wähler, entsetzte Politiker — der Messerangriff eines 44-jährigen Mannes auf Henriette Reker, parteilose Kandidatin für die Kölner Oberbürgermeisterwahl, wühlte die Menschen in der Domstadt am Rhein einen Tag vor der Abstimmung auf. Trotzdem soll die Wahl heute stattfinden.

Rot-weißes Absperrband am Tatort, einem Wochenmarkt im Stadtteil Braunsfeld, im Wind klappernde Sonnenschirme vom Wahlstand der CDU, an dem Reker ihren Wahlkampfschlusstag gestern Morgen beginnen wollte, kündeten von der Gewalttat, die Reker überlebte — ihr Zustand sei stabil, aber sie sei noch nicht „über den Berg“, erklärte Stunden nach der Tat der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers.

Während Reker und ihre Sympathisanten von der CDU, die sie wie auch FDP und Grüne bei der Wahl unterstützen, war ein Mann mit Rucksack auf die 58-jährige Reker zugegangen und hatte schließlich ein Messer mit 20 Zentimeter langer Klinge gezogen und auf sie eingestochen. Umstehende warfen sich dazwischen, schlugen mit den Standschirmen auf den Täter ein, ein Bundespolizist in Zivil überwältigte den Mann schließlich, der sich nach Eintreffen der Polizei widerstandslos festnehmen ließ.

Offenbar sah sich der Mann auf einer Mission. Der Kölner CDU-Chef Bernd Petelkau, der bei der Attacke dabei war, sagte, der Täter habe gesagt: „Ich musste es tun. Ich schütze euch alle.“ „Die ersten Anzeichen sprechen für eine politisch motivierte Tat, erklärte NRW-Innenminister Ralf Jäger. Der Mann soll die flüchtlingsfreundliche Politik der Sozialdezernentin als Motiv für seine Tat genannt haben.

Reker wurde operiert; als offenbar keine unmittelbare Lebensgefahr mehr bestand, einigte man sich darauf, die zunächst in Frage gestellte Wahl nun doch stattfinden zu lassen. Aus der Politik kam neben zahlreichen entsetzten Stellungnahmen von Politikern aller Parteien in Bund und Land ein einstimmiges: Jetzt erst recht!

Eine ganz normale Abstimmung ist die Wahl in der viertgrößten deutschen Stadt aber nicht mehr. Eine Frage, die gestern unvermeidlich auftauchte: Könnte die Messerattacke auf eine Kandidatin das Ergebnis beeinflussen?

Der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann glaubt, dass Reker nach dem Angriff in der Wählergunst noch einmal zulegen kann. „Sie wird wohl einen tragischen Bonus bekommen“, sagte der Professor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. Allerdings sei Reker ohnehin die Favoritin gewesen, so dass die Wahl wohl nicht entscheidend verfälscht werde.

Eine Verschiebung wäre laut Angaben der Stadt Köln im Gesetz nur vorgesehen, wenn ein Kandidat vor der Wahl stirbt — bei einer schweren Verletzung aber nicht.

Abgesehen davon waren sich die Akteure einig, mit der Wahl heute auch ein Zeichen zu setzen: „Wir dürfen uns durch ein solches Attentat nicht die Knie zwingen lassen“, betonte Kölns scheidender Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD). Und CDU-Landeschef Armin Laschet sagte, gerade jetzt „muss die Stadt zeigen, dass sie sich von verrückten und möglicherweise politischen Extremisten nicht beeindrucken lässt“.

In den sozialen Netzwerken wurde heiß diskutiert. Viele riefen dazu auf, mit der Wahlteilnahme ihre Solidarität mit Reker zu zeigen. „Demokratie lässt sich niemals niederstechen!“, schrieb eine Nutzerin. Doch einigen war dabei nicht ganz wohl: „Irgendwie würde es sich besser anfühlen, morgen kein Kreuz machen zu müssen.“

Mit Messern und Pistole
In Deutschland gab es schon mehrere Attentate auf Politiker.



Oskar Lafontaine (SPD): Eine verwirrte Frau verletzt den damaligen Kanzlerkandidaten im April 1990 in Köln mit einem Messer lebensgefährlich.

Wolfgang Schäuble (CDU): Ein geistig verwirrter Mann schießt im Oktober 1990 auf den Innenminister. Schäuble bleibt querschnittsgelähmt.

Walter Momper (SPD): In Berlin schlagen Vermummte den Bürgermeister im August 1991 mit einem Holzknüppel, sprühen ihm Reizgas ins Gesicht.

Joschka Fischer (Grüne): Auf einem Sonderparteitag in Bielefeld wird der Außenminister im Mai 1999 mit einem Farbbeutel beworfen — Trommelfellriss.

Angelika Beer (Grüne): Ein Unbekannter greift die Parlamentarierin in Berlin im Juni 2000 mit einem Messer an und verletzt sie am Arm.
Die Favoritin in Köln
Die 58-jährige Juristin Henriette Reker (Foto) ist als parteilose Kandidatin aussichtsreiche Bewerberin bei der Oberbürgermeisterwahl in Köln. Sie wird unterstützt von CDU, FDP und Grünen. Reker versprach im Wahlkampf einen „tiefgreifenden Wandel in Köln“ und kündigte an, nach mehreren Skandalen in Köln verlorenes Vertrauen in Politik und Verwaltung durch mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung zu stärken.


Reker wurde in Köln geboren und wuchs dort auf. Nach dem Jurastudium arbeitete sie in Bielefeld, Münster und Gelsenkirchen, bevor sie 2010 nach Köln zurückkehrte. Zuvor sammelte sie zehn Jahre lang Verwaltungserfahrung als Dezernentin in Gelsenkirchen. Seit fünf Jahren leitet sie in Köln das Dezernat für Soziales, Integration und Umwelt.

LN

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