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Hannover/Berlin Lehrer für die Lehrer gesucht

Deutschlehrer für Flüchtlinge werden gebraucht – aber der Staat kommt nicht hinterher mit der Ausbildung.

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„Es ist wichtig, dass sie die Sprache lernen“: Zuwanderer vor einem Hinweisschild in Berlin.

Quelle: Fotos: Imago/dpa/samantha Franson

Hannover/Berlin. Britta Laing sitzt in einem kahlen Raum der katholischen Familienbildungsstätte in Hannover, und sie wünscht, sie säße schon viel länger hier. Der Referent spricht über einen Deutschtest für Zuwanderer. Auf eine graue Wand sind Folien mit Grammatikaufgaben und Bildergeschichten projiziert. „Einige Aufgaben sind wirklich schwer. Ihr müsst euren Schülern beibringen, zuerst die leichten zu lösen“, sagt Referent Michael Flach. Laing nickt zustimmend. 13 weitere Teilnehmer nicken mit.

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Deutschlehrer für Flüchtlinge werden gebraucht – aber der Staat kommt nicht hinterher mit der Ausbildung.

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Vor mehr als einem Jahr hat Britta Laing den Entschluss gefasst: Ich will Flüchtlingen und Migranten Deutsch beibringen. Aus ganz praktischen Erwägungen: Die 35-Jährige ist Pflegepädagogin in Hannover, und in der Pflege werden dringend neue Kräfte gebraucht. Die Branche setzt auf Flüchtlinge und Migranten. Britta Laing will helfen, diese Menschen in den Arbeitsmarkt zu bringen. „Es ist wichtig, dass sie die Sprache lernen“, sagt Laing. Außerdem habe sie Deutsch als Zweitfach studiert. „Das kann ich sonst nicht viel einsetzen.“ Der Kursus Deutsch als Zweitsprache ist wie geschaffen für sie.

Trotzdem ist Laing verärgert. Wäre es nach ihr gegangen, wäre sie schon längst als Deutschlehrerin ausgebildet. Doch der Bewerbungsprozess hat sich ewig hingezogen. Im April 2015 hat sich die Pflegepädagogin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) beworben. Sie musste nachweisen, dass sie die Voraussetzungen wie beispielsweise ein Germanistik- oder ein Pädagogikstudium erfüllt. Erst mit der Zulassung vom Bamf konnte sie sich für einen Volkshochschulkursus bewerben. Ein ganzes Jahr hat es gedauert bis sie die Zusatzqualifizierung beginnen konnte. „Man sollte doch meinen, dass der Bedarf da ist. Trotzdem hängt man in der bürokratischen Warteschleife.“

Tatsächlich gibt es für die neuen Deutschlehrer genug zu tun: 350000 Flüchtlinge brauchen nach Schätzungen des Bamf 2016 einen Sprachkurs bei Volkshochschulen oder gemeinnützigen Trägern. Machen sie den Kurs nicht, riskieren sie womöglich ihren Aufenthaltsstatus. Kürzlich hat das Kabinett bei seiner Klausurtagung im Schloss Meseberg das neue Integrationsgesetz von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) verabschiedet. Flüchtlinge, die sich nicht um einen Deutschkurs bemühen, sollen demnach leichter ausgewiesen werden. Das dürfte den Bedarf noch weiter steigern.

Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Die Lehrer für Deutsch als Zweitsprache helfen ihren Schülern, sich in Deutschland eine Zukunft aufzubauen. 660 Stunden pauken sie mit ihnen Grammatik und Vokabeln, bringen ihnen auch die deutsche Kultur näher. Danach können die Flüchtlinge alleine einkaufen gehen oder eine Bewerbung schreiben. Das Ziel ist, am Ende einen Sprachkurs zu bestehen. Die gute Nachricht ist, dass es derzeit viele Interessenten für diese Aufgabe gibt. Auch Sprachwissenschaftler und Pädagogen haben die Chance erkannt. Seit Anfang 2015 haben 5470 Männer und Frauen eine Lehrzulassung bekommen, mit der Auflage, eine entsprechende Fortbildung zu machen.

Der Bedarf ist allerdings deutlich höher. Doch wenn Bewerber ein Jahr und länger warten müssen, bis sie entsprechend ausgebildet sind, kann nicht von einer schnellen Mobilisierung qualifizierter Lehrkräfte die Rede sein. „Das ganze Integrationskurssystem war jahrelang chronisch unterfinanziert“, erklärt Dr. Kay Sulk vom Verband der Volkshochschulen in Niedersachsen. Die 18 bundesweit akkreditierten Träger haben nicht die Kapazitäten, so viele Lehrer auszubilden, wie sich jetzt anmelden. „Die Plätze sind bis ins erste Quartal 2017 belegt – obwohl der Verband die Anzahl der Kursstunden bereits verdoppelt hat“, sagt Sulk. In Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Berlin, überall gibt es dieselben Probleme.

Im vergangenen Jahr fanden bundesweit 80 Kurse statt, für 2016 könnten es laut Bamf 100 bis 120 werden. Doch es dürfen nicht mehr als 16 „Schüler“ in einer Klasse sitzen. Also können im Jahr 2016 nicht mehr als 1920 neue Lehrer in Zusatzqualifizierungen ausgebildet werden. Viel zu wenige.

Ein Grund, warum es nicht mehr Ausbildungskurse geben kann, ist der Mangel an Referenten. Viele sind in den vergangenen Jahren in andere Bereiche abgewandert. Denn die Arbeitsbedingungen sind nach wie vor schlecht. Deutschlehrer für Integrationskurse werden nur selten fest angestellt, häufig müssen sie als Honorarkräfte anheuern. Der Verband für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache kämpft seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen. „Sie leben häufig an der Einkommensuntergrenze“, sagt Gabriele Kniffka vom Vorstand. Dabei würden sie auch in Kindergärten oder Altersheimen gebraucht. Auch heute verdienen studierte Lehrer für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache nur 20 bis 26 Euro pro Stunde. Kosten wie die Krankenversicherung müssen sie selbst tragen.

Auch da muss vielleicht bald nachgerüstet werden.

So viele Flüchtlinge lernen im Norden Deutsch

4400 Flüchtlinge und Migranten haben in Schleswig-Holstein im Jahr 2015 an einem Integrationskurs teilgenommen. In Niedersachsen waren es 11496 neue Kursteilnehmer. Für die Ausbildung zum Lehrer für Deutsch als Zweitsprache gibt es im Norden nur einen vom Bundesamt für Migration akkreditierten Träger, der die Fortbildungen anbietet: Der Landesverband der Volkshochschulen Niedersachsen. Bundesweit gibt es 18 Träger.

Durch Integrationskurse sollen Zuwanderer die deutsche Sprache lernen. Ihnen soll aber auch die Kultur, Geschichte und Rechtsform der Bundesrepublik nähergebracht werden. Der Integrationskurs besteht daher aus einem Sprachteil und einem Orientierungsteil. Er umfasst etwa 660 Unterrichtstunden. Am Ende sollen die Kursteilnehmer einen Abschlusstest bestehen, für den es ein Zertifikat gibt. Der Integrationskurs wurde 2005 eingeführt.

Das Bundesamt für Migration entscheidet, wer an dem Kurs teilnehmen kann. Bisher war das nur mit einer Aufenthaltsgenehmigung möglich. Seit November hat sich diese Regelung für Menschen mit einer guten Bleibeperspektive geändert. Das gilt für Syrer, Eritreer, Iraker und Iraner. Asylbewerber, die nach dem Asylgesetz aus sicheren Herkunftsländern stammen, sind von der Teilnahme an einem Integrationskurs ausgeschlossen. Das betrifft beispielsweise Afghanen, Somalier oder Pakistaner.

DREI FRAGEN AN...

1 Frau Tepe, potenzielle Lehrkräfte für Deutsch als Zweitsprache müssen lange auf ihre Fortbildung warten. Haben Sie von diesem Problem gehört?

Ja, das erzählen uns Mitglieder aus den verschiedenen Städten und Bundesländern, die im Bereich der Erwachsenenbildung arbeiten. Es ist nicht ganz klar, wie viele Menschen einen Kurs gemacht haben. Aber nach unserer Einschätzung gibt es bei Weitem nicht genug Lehrkräfte.

2 Was müsste sich am System der Integrationskurse ändern? Für uns sind zwei Stränge wichtig. Zum einen müssen die Kollegen mehr Geld verdienen und besser abgesichert sein. Dafür sollten Dauerstellen geschaffen werden. Zum anderen müssen die Konzepte für die Integrationskurse dringend überarbeitet werden. Die Kurse sollten pädagogisch so aufgebaut sein, dass die Leute unser Grundgesetz und die moralischen Verpflichtungen, die sich daraus ergeben, kennenlernen.

3 Gibt es Probleme mit Flüchtlingen, die Kurse verweigern? Bisher habe ich nur solche Berichte gehört, dass die Menschen auf einen Kurs warten, dass sie loslegen wollen. Interview: Alessandra Röder

Alessandra Röder

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