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Politik im Rest der Welt Letzte Reise eines großen Europäers
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22:14 01.07.2017

Helmut Kohl hätte sich wohl etwas anderes gewünscht. Vielleicht einen Aufmarsch junger Europäer aus den Ländern, für deren heutige Freiheit der verstorbene deutsche Kanzler gesorgt hat und deren Integration in die EU im Jahre 2004 ohne ihn undenkbar wäre. Oder eine Abordnung europäischer Bürger, die während der Trauerfeier an diesem Sonnabendmorgen in der Straßburger Innenstadt beim Shoppen unterwegs sind – und dabei mit der Währung bezahlen, die ihnen nicht zuletzt Helmut Kohl brachte: den Euro. Doch außer einer Handvoll Besuchern, die in diesem hermetisch abgeriegelten Stadtviertel von Straßburg wirken, als hätten sie sich verlaufen, ist niemand da – abgesehen von weit über tausend Polizisten und schwer bewaffneten Soldaten.

Fast eineinhalb Stunden lang rasen die Wagenkolonnen von französischen Motorradpolizisten eskortiert durch leergefegte Straßen. Nein, Europa hält nicht den Atem an. In diesen zwei Stunden, in denen Weggefährten, politische Freunde und Widersacher Abschied nehmen, sich noch einmal erinnern, verneigt sich nicht die Welt. Aber viele, die die Welt prägten.

Ob Staats- oder Regierungschef, amtierend oder längst auf dem Altenteil – für alle beginnt der Besuch gleich. Einzeln werden sie in ein Protokollzimmer geführt, wo sie sich von Kohl verabschieden können. Keine deutsche, sondern eine Europa-Fahne liegt über dem Sarg. Abgeordnete der drei Waffengattungen des Wachbataillons der Bundeswehr halten die Ehrenwache. Nach einem Moment des Schweigens geleitet eine Art Zeremonienmeister die Gäste nach nebenan zum Eintrag in das Kondolenzbuch.

Und dann sitzen sie im weiten Rund des Europäischen Parlamentes – die Führer der Welt: Frankreichs früherer Staatspräsident Nicolas Sarkozy neben dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, Spaniens pensionierter Monarch König Juan Carlos mit Frau Sophia neben dem Wiener Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen. Der russische Regierungschef Dimitri Medwedew und der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton neben Europas junger Generation, verkörpert durch Frankreichs Staatsoberhaupt Emmanuel Macron.

Sie alle verabschieden nicht nur einen deutschen Bundeskanzler. „Ich nehme Abschied von einem treuen Freund, der mich über Jahrzehnte liebevoll begleitet hat. Hier spricht nicht der Kommissionspräsident, sondern ein Freund, der Kommissionspräsident wurde“, sagt Jean-Claude Juncker.

Es ist viel vom Freund, vom deutschen Europäer, von dem Staatsmann die Rede. Aber es spricht wohl niemand so bewegend und zugleich würdevoll von einem Freund wie der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton. Es sei Kohls Leidenschaft gewesen, die ihn überzeugte. Clinton: „Ich liebe diesen Mann. Denn er hatte einen Appetit. Und der ging deutlich über das Essen hinaus. Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand dominieren würde, eine Welt, in der Zusammenarbeit besser wäre als die Entscheidung individueller Diktatoren.“ Deswegen, so Clinton weiter, „sind wir heute alle hier: Danke, dass du uns die Chance gegeben hast, an etwas teilzunehmen, dass größer ist als wir selbst. ,Schlaf gut, mein Freund’“, gibt er seinem verstorbenen Freund Helmut mit. Tosender Applaus verschluckte die letzten Worte seine Rede. Als Clinton an dem Sarg vorbeigeht, salutiert er.

Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gelingt gleich ein mehrfacher Brückenschlag mit dem Mann, der ihr politischer Ziehvater war – „ohne Sie stünde ich heute nicht hier“ – und dem sie deshalb versprach: „Ihr Vermächtnis werden wir weiter tragen.“ Sie ist die Einzige, die Kohls verstorbene erste Ehefrau Hannelore erwähnt. Und obwohl Merkel wusste, wie verbittert Kohls Frau Maike ihre Rede zu verhindern versucht hatte, erhebt sie sich nach ihrer Ansprache noch einmal, um der Witwe die Hand zu geben. Eine Geste, die in der Trauer verbinden soll, aber Kohl-Richter bleibt sitzen.

Es ist diese private Unversöhnlichkeit, die einen Schatten auf alle Schwüre von Freundschaft und Größe wirft. Ex-US-Präsident Clinton bleibt der Einzige, der alle drei Angehörigen „Maike, Michael und Walter“ anspricht und mit Vornamen nennt. Doch auch er kann die Erinnerung an die bitteren Bilder der beiden Kohl-Söhne, die von der Witwe nicht zu ihrem kurz zuvor verstorbenen Vater gelassen werden, nicht auslöschen.

Mirjam Moll und Detlef Drewes

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