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Berlin/Frankfurt am Main Maus-Klick statt Marschier-Marathon?

Der Flüchtlingskrise könnte die Tradition der Ostermärsche wiederbeleben. Doch als Protest ist Online-Aktivismus für viele zeitgemäßer.

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Auch in den Vorjahren ein zentrales Thema: Beim traditionellen Ostermarsch in Stuttgart, zu dem das Friedensnetz Baden-Württemberg aufgerufen hatte, gingen die Menschen für Frieden in Syrien auf die Straße.

Quelle: Fotos: Franziska Kraufmann/dpa, Imago, Afp

Berlin/Frankfurt am Main. . Eigentlich gibt es genug Gründe, für Frieden auf die Straße zu gehen. Bürgerkrieg in Syrien, Konflikt in der Ukraine, so viele deutsche Waffenlieferungen wie nie zuvor, Kämpfe im Jemen. Und zum ersten Mal seit langem sind die Auswirkungen eines verheerenden Krieges auch akut in Deutschland zu spüren — in Form der Flüchtlingskrise. Viele Deutsche reagieren und mobilisieren sich: Es wird gespendet, organisiert, unterstützt; mit Aktionen, Apps und Initiativen wird Flüchtlingen geholfen. Doch gehen die Menschen wie in Zeiten von Wiederbewaffnung oder Nachrüstung mit atomar bestückten Mittelstreckenraketen über die Ostertage zu Zehn- oder Hunderttausenden auch demonstrieren?

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Der Flüchtlingskrise könnte die Tradition der Ostermärsche wiederbeleben. Doch als Protest ist Online-Aktivismus für viele zeitgemäßer.

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„Es steht nicht der große Aufschwung der Ostermärsche bevor“, sagt der Berliner Protestforscher Dieter Rucht. Denn der Charakter von Konflikten heutzutage habe sich verändern: Früher habe es in Kriegen meist eine klare Zuordnung des moralisch Guten und moralisch Bösen gegeben. Dagegen seien Konflikte heutzutage komplex und verworren.

Abgesehen von einfachen Parolen gebe es etwa im Syrien-Krieg kaum einheitliche Lösungsansätze, so Rucht. „Das erschwert die Mobilisierung.“ Zudem hätten viele Menschen den Eindruck, dass man mit Aktionen in Deutschland das Kriegsgeschehen im Irak oder in Syrien nicht verändern könne, sagt Thorsten Bonacker vom Zentrum für Konfliktforschung an der Marburger Universität.

„Die meisten Menschen haben keine Hoffnung, dass Dinge anders gemacht werden“, sagt Willi van Ooyen vom Ostermarschbüro in Frankfurt am Main. Zwar sei eine Mehrheit der Gesellschaft für Frieden — die Politik derzeit lasse aber viele daran zweifeln, dass man mit Protesten die Regierung zum Beenden von Kriegen bewegen könne.

„Das war damals anders“, sagt van Ooyen. Der Politiker und Aktivist war bei den Anfängen der Ostermärsche in den 1960ern dabei. Damals lösten Vietnam-Krieg und atomare Bewaffnung die erste große Welle der Friedensbewegung aus; Rucht zufolge gingen 1968 rund 300 000 Menschen auf die Straße. „Es gab Hoffnung, dass man die atomare Bewaffnung verhindern kann“, erinnert sich van Ooyen.

Zumindest für die Bundeswehr war die Verfügungsgewalt über eigene Nuklearwaffen dann auch tatsächlich kein Thema mehr.

Das gleiche galt aus seiner Sicht für die zweite große Welle in den frühen 1980ern. Die Ostermärsche richteten sich gegen den  Nato-Doppelbeschluss, der unter anderem die Stationierung von Kurz- und Mittelstrecken-Atomwaffen in der Bundesrepublik vorsah. Damals hatten die Märsche klare Botschaften. Und die Menschen hätten tatsächlich vor der atomaren Aufrüstung und den Konflikten im seinerzeit wieder aufgelebten Kalten Krieg unmittelbare Angst gehabt, so Bonacker. „Das war eine reale Bedrohung.“

Auf große Resonanz stoßen die Ostermärsche heutzutage nicht mehr. Bundesweit waren am Wochenende rund 80 Aktionen geplant, die Organisatoren rechneten mit einer Gesamtzahl von 10 000 Teilnehmern.

Beim bundesweit größten Ostermarsch in Berlin zählte die Polizei rund 1600 Teilnehmer, in Kiel fanden sich 500 Marschierer zusammen. In Hannover sowie in Bremen gingen jeweils nur noch etwa 250 Menschen auf die Straße.

Sind also die jüngeren Generationen weniger politisch? „Man sollte nicht den Fehler machen, mit alten Kategorien politischen Handelns zu messen“, sagt Bonacker. Junge Menschen würden zwar weniger in die Parteien und nicht unbedingt auf die Straße gehen. „Es gibt aber sogar eine stärkere Politisierung.“ Diese drücke sich heute einfach anders aus: etwa durch Soziale Netzwerke, Internet-Petitionen, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Projekte, für die man sich passgenau, aber nicht unbedingt dauerhaft, engagiert.

Auch Demonstrationen und Proteste seien keineswegs überholt, meint Rucht. „Straßenproteste werden nicht durch Mausklicks ersetzt.“ Bei Online-Aktivismus sei die Investition gering, ein Protest dagegen fordere ein größeres Opfer — etwa stunden- und tagelanges Marschieren oder wochenlanges Ausharren an einem Ort, wie bei der „Occupy“-Bewegung — von der inzwischen wenig zu hören ist.

Zudem können Rucht zufolge Massenmobilisierungen nach wie vor schnell passieren. Tausende Menschen gingen auf die Straße, um gegen den Irak-Krieg, TTIP und Pegida zu demonstrieren — mit klaren Botschaften und klaren Adressaten. Rucht ist überzeugt: Die derzeitige Form der Ostermärsche — als jährliche Wiederholung mit Kundgebungen, Reden und Musik — habe teilweise ausgedient; Straßenproteste aber nicht.

Ostermarsch

Die Wurzeln des Ostermarsches liegen im Protest gegen das atomare Wettrüsten während des Kalten Krieges. Begonnen hat die Tradition Ende der 1950er Jahre in Großbritannien. Zum ersten Ostermarsch in der Bundesrepublik kamen 1960 etwa 1000 Menschen.

1968 und 1983 erlebten die Ostermärsche hierzulande ihre Höhepunkte mit Hunderttausenden Demonstranten. In den Jahren danach verloren sie an Zulauf.

Von Gioia Forster

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