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Politik im Rest der Welt Mittelmeer-Drama: Schlepper zwangen Flüchtlinge unter Deck
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22:10 07.08.2015
Unter Verdacht: Ein mutmaßlicher Menschenschmuggler wird im sizilianischen Palermo an Land gebracht. Quelle: Fotos: Marcello Paternostro/afp, Dpa, Afp
Palermo

Zwei Tage nach dem Untergang eines Flüchtlingsbootes vor der libyschen Küste sind in Italien fünf mutmaßliche Schleuser festgenommen worden. Den drei Libyern und zwei Algeriern werde mehrfacher Mord und Menschenschmuggel vorgeworfen, teilte die Polizei von Palermo. mit. Überlebende schilderten Horrorszenen. Die festgenommenen Verdächtigen sollen demnach Passagiere geschlagen und mit Messern attackiert haben, damit sie den Frachtraum nicht verlassen.

Seit der Tragödie am Mittwoch werden noch mehr als 200 Menschen vermisst, sie sind vermutlich tot. Das Flüchtlingsboot war am Mittwoch binnen kurzer Zeit gesunken, als sich Rettungsboote näherten — offenbar weil sich die Flüchtlinge massenhaft auf eine Seite bewegten. Mehr als 370 Flüchtlinge wurden zwar gerettet und am Donnerstag nach Sizilien gebracht, allerdings wurden auch die Leichen von 25 Todesopfern geborgen.

Unterdessen gelang es Hilfsorganisationen, mehr als 600 Einwanderer von einem anderen kenternden Fischerboot zu retten. „Wir haben gerade unseren gefährlichsten und kompliziertesten Rettungseinsatz beendet“, teilten die Ärzte ohne Grenzen und die maltesische Organisation Moas in der Nacht zum Freitag über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Moas und die Ärzte ohne Grenzen waren am Vortag mit ihren Schiffen „Phaenix“ und „Bourbon Argos“ zu einem völlig überladenen Flüchtlingsboot gefahren, das ebenfalls in Libyen aufgebrochen war. Um ein Kentern des gefährlich schwankenden Bootes zu verhindern, wurden zunächst diejenigen, die schwimmen können, überzeugt, ins Wasser zu springen. Dort konnten sie sich an aufblasbaren Bojen festklammern. Die Flüchtlinge hätten vor Angst geschrien, berichtet Ärzte ohne Grenzen. Nun seien aber alle 613 Menschen in Sicherheit. Sie kamen der Organisation zufolge aus Syrien, Eritrea, Bangladesch und vielen anderen Ländern.

Ärzte beklagen unterdessen unhaltbare Zustände in der Dresdner Zeltstadt für Flüchtlinge. Dort würden medizinische und hygienische Mindeststandards nicht eingehalten, sagten die Mediziner Gerhard Ehninger und Kai Loewenbrück zu „Zeit online“. Die Mediziner vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden arbeiten als Freiwillige in dem Flüchtlingscamp.

„Im Ambulanzcontainer herrscht eine Temperatur von 35 Grad“, sagte Ehninger. „Medikamente können nicht vernünftig gelagert werden, teils stammt das Material aus im Jahr 2007 abgelaufenen Verbandskästen.“ Es gebe keine Möglichkeit, Männer und Frauen getrennt voneinander zu untersuchen. Auch gebe es zu wenige Toiletten, zunächst seien diese sogar ohne fließendes Wasser gewesen, fügte er hinzu. „So konnten sich virale Durchfallerkrankungen und die Krätze ausbreiten.“

Es habe an einfachsten Utensilien wie Untersuchungsliegen, Blutdruckmessgeräten, Stethoskopen und sogar an Desinfektionsmitteln gefehlt. Viele Flüchtlinge seien erst im Camp krank geworden.

„Dort spielt sich eine humanitäre Katastrophe ab, während ein paar hundert Meter weiter die Leute am Elbufer baden“, sagte Loewenbrück. Die sächsischen Behörden betreiben das für 1100 Menschen ausgelegte Zeltlager seit Ende Juli als Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge.

Bundeswehr errichtet Zeltdorf in Hamburg
Die Bundeswehr hat gestern damit begonnen, ein weiteres Zeltdorf für Flüchtlinge in Hamburg zu errichten. Im Hamburger Stadtteil Wohldorf-Ohlstedt sollen insgesamt 44 Zelte für bis zu 420 Flüchtlinge entstehen. Die ersten Flüchtlinge sollen in den nächsten Tagen einziehen.



Die Anwohner waren am Donnerstag mit Handzetteln informiert worden. Am Freitagmorgen beobachtete ein knappes Dutzend Menschen die Arbeiten. Einige kritisierten, dass sie die Stadt erst einen Tag vorher informiert habe. Die Stadt und das Bezirksamt Wandsbek wollen den Menschen demnächst bei einer Informationsveranstaltung Rede und Antwort stehen.



Auch in der zentral gelegenen Messehalle B6 sind die ersten Flüchtlinge eingezogen. Bis zu 1000 Menschen sollen hier vorübergehend wohnen. Bis Ende September steht die Halle zur Verfügung. Am Donnerstagabend hatten Johanniter das provisorische Lager eingerichtet. Die Halle B6 ist mit 13000 Quadratmetern die größte der Messehallen.
Im Dithmarsen Park in Albersdorf (Kreis Dithmarschen) wird eine provisorische Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge für bis zu 400 Menschen eingerichtet. Die Unterkunft soll schon heute bezugsfertig sein.


Die Ärztekammer berichtete von einer Welle der Hilfsbereitschaft. Dem Aufruf an Hamburger Allgemeinmediziner, Internisten und Kinderärzte, sich für die Versorgung von Flüchtlingen zu melden, seien viele Ärzte gefolgt, so Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery.

LN

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