Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Politik im Rest der Welt Mordanklage gegen Mursi: Prozess nach Tumulten vertagt
Nachrichten Politik Politik im Rest der Welt Mordanklage gegen Mursi: Prozess nach Tumulten vertagt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:30 04.11.2013
Demonstration von Mursi-Anhängern in Kairo. Ihr Erkennungszeichen sind vier Finger — weil Mursi der vierte Präsident Ägyptens sei. Quelle: Fotos: dpa/AFP
Kairo

Mit einem Prozess im üblichen Sinn hatte Tag eins des Verfahren gegen den Anfang Juli vom Militär abgesetzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi gestern wenig zu tun.

Berichterstatter mussten Bild- und Tonaufzeichnungsgeräte abgeben; sie mussten folglich ohne derartige Hilfsmittel vom „absoluten Chaos“ im behelfsmäßg hergerichteten Saal in der Polizeiakademie in Neu-Kairo im Osten der ägyptischen Hauptstadt ab berichten — jenem Raum, in dem auch dem 2011 gestürzten Herrscher Husni Mubarak der Prozess gemacht worden war.

Sie erlebten einen Hauptangeklagten, der jede Anerkennung der Rechtmäßigkeit des Verfahrens zurückwies. „Ich bin der legitime Präsident der Republik!“, schleuderte der 62-jährige den Muslimbrüdern nahestehende Mursi dem Vorsitzenden Richter Ahmed Saber entgegen. Der hatte Mursi, der im dunklen Anzug erschienen war, auf die Pflicht hingewiesen, in heller Häftlingskleidung für Untersuchungsgefangene zu erscheinen.

Seine 14 Mitangeklagten von der Muslimbruderschaft — und auch deren Anwälte — riefen derweil im Chor: „Nieder mit der Militärherrschaft!“ Journalisten aus dem Anti-Mursi-Lager forderten gleichzeitig die Todesstrafe. „Es gab Raufereien zwischen verschiedenen Anwälten“, twitterte Patrick Kingsley vom britischen „Guardian“, „und irgendjemand versuchte, einen Schuh zu werfen" — im islamischen Raum ein Zeichen höchster Missbilligung.

Das Gericht versuchte, mit einer Pause die Lage in den Griff zu bekommen — vergeblich. Es vertagte sich auf den 8. Januar; ob Mursi dann noch einmal selbst vor Gericht erscheint, blieb offen.

Möglicherweise wird er dann auch nur von seinem Anwalt vertreten.

Für heute sind nach bereits gestern erfolgten Demonstrationen erneut Protestkundgebungen von Muslimbrüdern angekündigt. Die Übergangsregierung hat 20 000 Polizisten mobilisiert. Panzer der Armee riegelten bereits gestern auch die beliebtesten Demonstrationsorte von Kairo ab, darunter den Tahrir-Platz im Zentrum sowie den Platz vor der Raba-al-Adawija-Moschee im Osten der Stadt. Dort hatten die Muslimbrüder nach dem Sturz Mursis wochenlang demonstriert, bis ihre Dauerkundgebung von den Sicherheitskräften blutig aufgelöst wurde.

Mursi, der im Juni 2012 als Präsident vereidigt worden war, muss sich mit seinen Mitangeklagten wegen „Anstiftung zum Mord“ verantworten, weil er tödliche Einsätze gegen Demonstranten angeordnet haben soll. Ihnen drohen lebenslange Haft oder sogar die Todesstrafe.

Seit dem Sturz Mursis sind in Ägypten mehr als tausend Menschen getötet und Tausende Islamisten festgenommen worden — der Prozess dürfte die noch nicht im Ansatz vernarbten Wunden in der ägyptischen Gesellschaft erneut aufreißen; schon gestern bewarfen sich Mursi-Anhänger und solche des Generals Abdel Fattah al-Sisi mit Steinen, die Polizei rückte mit Tränengas an. Die Bundesregierung wie auch andere westliche Staaten forderten Ägypten zur Wahrung rechtsstaatlicher Prinzipien auf.

Frommer Ersatzmann ohne politischen Instinkt

1951 wurde Mohammed Mursi in einem Dorf der Provinz Scharkija als Sohn eines Bauern geboren. Einen Teil seiner akademischen Laufbahn absolvierte er in den USA. Der fromme Maschinenbau-Ingenieur gilt als eher bodenständig und gehört dem konservativen Flügel der Muslimbruderschaft an. Präsident wurde er im Juni 2012, nachdem ihn seine Organisation in letzter Minute als Ersatzmann ins Rennen um die Nachfolge des 2011 gestürzten Präsidenten Husni Mubarak geschickt hatte. Die Wahlkommission hatte zuvor das Bruderschafts-Schwergewicht Chairat al-Schater aus formalen Gründen von der Wahl ausgeschlossen.


Mursis Präsidentschaft war von Konflikten mit Militär, Justiz und Revolutionsjugend gekennzeichnet. Mursi reagierte konfrontativ und verspielte den guten Willen jener Wählerschichten, die nicht islamistisch sind. Am Ende blieben seine Muslimbrüder isoliert.

LN

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Hans-Christian Ströbele hat offenbar mehr brisante Informationen aus Moskau mitgebracht als bisher publik ist: Hat der US-Geheimdienst NSA auch die Handys von Ex-Kanzler Gerhard ...

04.11.2013

Merkel: Keine Mehrbelastung für deutsche Autofahrer.

04.11.2013

Koalitions-Verhandlungen: Öffentliches WLan in allen Gemeinden geplant.

04.11.2013