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Politik im Rest der Welt Nigeria: Das nächste Flüchtlingsdrama
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20:16 24.06.2017
Nirgends sicher: Menschen laufen nach einem Anschlag in Maiduguri (Nigeria) durch ein zerstörtes Aufnahmelager für Flüchtlinge. Quelle: Foto: Jossy Ola/ap/dpa

Tausende Flüchtlinge ertrinken auch in diesem Jahr bei dem Versuch, in überfüllten Schlauchbooten oder seeuntüchtigen Holzkähnen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. 65 Millionen Menschen, so viele wie noch nie, sind weltweit auf der Flucht (siehe unten) – und schon fürchtet die Uno neue Großkrisen, die weitere Flüchtlingswellen auslösen könnten, die auch Europa träfen, So tobt im Nordosten von Nigeria bereits eine dramatische Hungerkrise. „Wenn wir das jetzt nicht in den Griff bekommen, ist meine große Angst, dass Zehntausende Richtung Europa aufbrechen werden“, sagt die nigerianische Koordinatorin für humanitäre Hilfe, Ayoade Alakija. Die Region erfahre derzeit eine Krise von bislang ungekanntem Ausmaß, doch fehle es an den nötigen Mitteln, den Betroffenen zu helfen.

Eine Hungerkrise in Nigeria und Gewaltexzesse im Südkongo könnten die Massenflucht nach Europa noch weiter anfachen.

Infolge der Gewalt der islamistischen Terrormiliz Boko Haram sind im Nordosten des Landes bereits zwei Millionen Menschen auf der Flucht. Den Menschen im Nordosten müsste jetzt rasch geholfen werden, fordert Alakija. „Sonst lassen wir ihnen kaum eine andere Wahl, als das Land zu verlassen.“

Eine weitere blutige Krise bahnt sich aber auch im Kongo an. Die Gewalt im Süden des riesigen Landes hat den UN zufolge grauenhafte Ausmaße angenommen. Eine von Kongos Regierung ausgerüstete Miliz überfalle gezielt Angehörige bestimmter Volksgruppen in der Kasai-Region, sagte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Seid Ra’ad al-Hussein. Flüchtlinge hätten von brutalen Massakern berichtet, bei denen Zweijährigen die Gliedmaßen abgehackt und Schwangeren Föten aus dem Leib geschnitten worden seien. Andere Opfer seien lebendig angezündet worden. Beim Überfall auf ein Krankenhaus seien alle 90 Patienten und Ärzte ermordet worden.

An einigen Massakern der Miliz, die Bana Mura genannt wird, beteiligten sich Seid zufolge auch Polizisten und Soldaten. Der Hochkommissar forderte den Menschenrechtsrat auf, eine unabhängige Untersuchung der Verbrechen zu beschließen. Aber auch die Milizen unter dem Dach der Rebellenbewegung Kamuina Nsapu, die gegen die Armee kämpft, seien für zahlreiche Menschenrechtsverbrechen verantwortlich.

Schon älter ist der Bürgerkrieg im neuen Staat Südsudan. Dort herrscht seit der Sezession vom Sudan seit über drei Jahren ein Bürgerkrieg, der eine Hungersnot ausgelöst hat und die inzwischen größte Flüchtlingskatastrophe Afrikas. Fast vier Millionen Menschen – etwa jeder dritte Südsudanese – sind vor der Gewalt geflohen, etwa die Hälfte davon in Nachbarländer. Die größte Last trägt Uganda, wo rund eine Million Südsudanesen Zuflucht gefunden haben.

Zwar wurde dank intensiver Hilfe der internationalen Gemeinschaft die akute Hungersnot inzwischen für beendet erklärt. Dennoch herrscht in dem ostafrikanischen Land weiter eine üble Hungerkrise: Etwa die Hälfte der Bevölkerung, rund sechs Millionen Menschen, haben dort nicht genug zu essen, wie UN-Organisationen gerade mitteilten. Im Februar waren es 4,9 Millionen. Zudem stehen inzwischen 1,7 Millionen Menschen an der Schwelle zur Hungersnot.

Eine neue Studie des UN-Welternährungsprogramms (WFP) fand Belege für einen direkten Zusammenhang zwischen Ernährungsunsicherheit und Migration. Demnach treibt jedes Prozent, das die Versorgungslage der Menschen sich verschlechtert, 1,9 Prozent mehr Menschen dazu, ihr Land zu verlassen. Mit jedem weiteren Jahr wanderten zudem weitere 0,4 Prozent der Bevölkerung aus.

Wenn die Krisen weiter anhalten, könnte es also durchaus zu neuen Fluchtbewegungen kommen. Die UN fordern daher mehr Mittel. Zunächst brauche es Nothilfe, um zu verhindern, dass aus der gegenwärtigen Hungerkrise eine Hungersnot mit Massensterben werde, zudem brauche es auch Unterstützung für den Wiederaufbau. UN-Angaben zufolge sind für den Hilfseinsatz für dieses Jahr allein in Nigeria 1,1 Milliarden Dollar nötig. Bislang ist aber weniger als ein Drittel der Mittel eingegangen.

Die humanitäre Krise im Nordosten von Nigeria wurde durch den Terrorfeldzug von Boko Haram ausgelöst. Seit 2009 terrorisieren die islamistischen Extremisten die Region. Sie wollen dort und in den angrenzenden Gebieten der Nachbarländer einen sogenannten Gottesstaat errichten. Bei Anschlägen und Angriffen der Terrormiliz kamen seither mindestens 20 000 Menschen ums Leben.

65 Millionen Flüchtlinge weltweit – und die Hälfte ist unter 18, sagt Terre des Hommes

Weltweit sind mehr Menschen auf der Flucht als je zuvor. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR stieg die Zahl der Flüchtlinge zuletzt noch weiter an: Ende 2016 waren es 65,6 Millionen. Damit lag die Zahl noch einmal um 300000 höher als im Jahr zuvor. Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, betonte, die globale Flüchtlings- und Vertriebenenkrise habe eine Dimension angenommen, die unter keinen Umständen zu akzeptieren sei. Die Weltgemeinschaft müsse sich stärker für die Vermeidung möglicher Kriege und die Lösung bestehender Konflikte einsetzen.

Das Kinderhilfswerk Terre des Hommes verwies auf den großen Anteil minderjähriger Flüchtlinge. Etwa die Hälfte der Menschen auf der Flucht sei unter 18. Auch der stellvertretende UN-Flüchtlingshochkommissar Volker Türk appellierte an die Aufnahmeländer, Familienzusammenführungen zu ermöglichen. Die Trennung von Familien sei eines der großen Probleme auf der Flucht.

Deutschland hat im vergangenen Jahr das Recht auf Familiennachzug für die Gruppe der subsidiär Schutzberechtigten ausgesetzt. Nach den jüngsten UNHCR-Angaben sind gut 40 Millionen Menschen innerhalb ihres Heimatlandes auf der Flucht. Als Flüchtlinge im völkerrechtlichen Sinne bezeichnet das UNHCR weitere 22,5 Millionen Menschen. Sie sind vor Gewalt und Verfolgung aus ihrer Heimat geflohen. Zudem zählt das Hilfswerk 2,8 Millionen Menschen, die sich um Asyl beworben haben. Aufnahmeland Nummer eins ist weiterhin die Türkei: Sie beherbergte Ende 2016 2,9 Millionen Flüchtlinge. Pakistan folgte mit 1,4 Millionen Flüchtlingen, im Libanon hielten sich laut UNHCR Ende 2016 gut eine Million Flüchtlinge auf.

mw

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