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Politiker — Partner, aber auch Freunde?

Berlin/Washington Politiker — Partner, aber auch Freunde?

Der NSA-Abhörskandal wirft Fragen auf: Die Chemie zwischen den Staatslenkern muss stimmen, aber das allein reicht nicht.

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Abschieds-Kuss? Die deutsch-amerikanische Freundschaft, hier inszeniert durch Angela Merkel und Barack Obama, hat zuletzt schwer gelitten.

Berlin. Wenigstens den Spöttern in den USA ist das Lachen noch nicht vergangen. Wo denn das Problem liege im Fall des abgehörten Merkel-Handys, witzelte Jon Stewart, der Oliver Welke der amerikanischen „Daily Show“: „Amerika macht doch bloß, was gute Freunde so tun, nämlich genau zuhören.“

Andere erinnern sich angesichts des Einbruchs an der deutsch-amerikanischen Freundschaftsbörse eher an den „most English Prime Minister“, den englischsten aller Premierminister des 19. Jahrhunderts, Lord Palmerston: „Große Mächte haben weder permanente Freunde noch permanente Feinde, sie haben nur permanente Interessen“, lautete dessen Erkenntnis, die sich ein Jahrhundert später auch der französische Exil-General des Zweiten Weltkriegs und spätere Staatspräsident Charles de Gaulle zu Eigen machte.

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Wandel durch Annäherung: Der erste Nachkriegs- SPD-Kanzler Willy Brandt trug mit Sowjetherrscher Leonid Breschnew zum Tauwetter im Kalten Krieg bei.

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Zwar haben Beziehungen zwischen Staaten immer auch auch mit dem Verhältnis ihrer jeweiligen Repräsentanten zueinander zu tun. Wenn „die Chemie stimmt“, fällt manches leichter, wusste nicht nur Kanzler Helmut Kohl. Doch auch die herzlichsten persönlichen Beziehungen dürften wohl kaum fundamentale politische und ökonomische Differenzen einebnen.

Erbfeindschaft schadet

beiden Ländern

Hätte etwa der erbitterte Deutschland-Gegner de Gaulle nicht verstanden, dass eine scheinbar ewige Erbfeindschaft mit dem rechtsrheinischen Nachbarn auch die Grande Nation auf Dauer instabil sein lassen würde, und hätte nicht der erste deutsche Nachkriegskanzler Konrad Adenauer schon zu Zeiten der Weimarer Republik, noch als Oberbürgermeister von Köln, begriffen, dass Deutschland ohne gutes Auskommen mit Frankreich nie politische Ruhe im Zentrum Europas finden konnte: Beide hätten sich kaum in den 50ern auf de Gaulles privatem Landsitz in Colombey- les-deux-Eglises getroffen.

Aber dass die beiden alten Herren ganz ohne großes Gefolge die Grundlagen für den 1963 unterzeichneten deutsch-französischen Freundschaftsvertrag schufen, hatte vielleicht auch damit zu tun, dass sie einander vertrauten — spätestens nachdem sie am Abend vor dem Kamin die Welt- und vielleicht auch ihre Seelenlage ergründet hatten und nachdem der greise Deutsche in de Gaulles Turmzimmer genächtigt hatte.

Dass es sowohl in Frankreich als auch im diplomatisch waidwunden Westdeutschland tatsächlich begeisterte Menschenmengen gab, die den beiden Protagonisten der Annäherung und Aussöhnung zujubelten, zeigt, dass sie ausführten, was ihre Nationen ersehnten — und dass sie dabei tatsächlich persönliche Zuneigung demonstrierten, beschleunigte den Prozess.

Der womöglich als umso notwendiger empfunden wurde, weil die permanenten Interessen von Deutschen und Franzosen Alliierte gegen übermächtige Feinde wie die damalige Sowjetunion einerseits, aber auch die USA und Großbritannien andererseits erforderten. Als Adenauer-Erbe Willy Brandt seine auf friedliche Koexistenz mit der UdSSR ausgerichtete Ostpolitik einleitete und gutes Einvernehmen mit dem sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew inszenierte, kühlte sich das nach Adenauers Abdankung ohnehin weniger innig gewordene Verhältnis zu Paris ab. Dort bangte man um die privilegierte Partnerschaft und den damit verbundenen Einfluss, sollte sich die Bonner Republik emanzipieren. Dass zwischen de Gaulles Nachfolger Pompidou und Brandt die „persönliche Chemie“ nicht gestimmt habe, wie der deutsche Botschafter Sigismund von Braun beobachtete, dürfte nur Begleiterscheinung, nicht Ursache dieser politischen Entwicklungen gewesen sein.

Die Ölkrise nach dem Yom-Kipur-Krieg 1973 mit der damit verbundenen Rette-sich-wer-kann-Politik, die die europäische Einigung zu unterminieren drohte, brachte die Ökonomen und Vernunftmenschen Giscard d‘Estaing und Helmut Schmidt zusammen — synchrone politische Einschätzungen erleichterten wie bei de Gaulle und Adenauer auch die persönliche Annäherung; die bis heute demonstrierte politische und wohl auch persönliche Freundschaft war aber wohl auch hier eher Folge als Ursache für ihre immer gekonnter gezeigte Inszenierung.

Die neue Eiszeit zwischen Ost und West sorgte für das ungewöhnliche Doppel Helmut Kohl/François Mitterrand; der deutsche Konservative und der französische Sozialist reanimierten den Geist der ebenfalls kalten 50er Jahre, um Europa auf Kurs zu halten oder gar den Einigungsprozess zu forcieren.

Als aber im Jahr 1990 die Stunde der deutschen Einheit schlug, kamen für Kohl zuerst die deutschen permanenten Interessen; immerhin half es wohl, dass man sich bereits vertraute und die deutsch-französische Partnerschaft so die historische Stromschnelle überstand. Wobei Mitterrand seine permanenten Interessen mit der Einschmelzung der Währung des übermächtig zu werden drohenden deutschen Nachbarn durchzusetzen wusste.

Freundschaften zwischen deutschen Kanzlern und US-Präsidenten waren in all der Zeit eher die Ausnahme. Die Welt- und Supermacht hatte stets ihre eigenen permanenten Interessen im Blick. Wenn sie gut zuhört, dann nur aus diesem Grund. Michael Wittler

LN

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