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Politik im Rest der Welt Q – ein Staat sucht einen Verschwörer
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18:10 11.08.2018
Ein Trump-Anhänger hält in Wilkes-Barre vor einer Veranstaltung das „Q“ hoch – zum Zeichen seiner Überzeugung, dass der US-Präsident heldenhaft gegen düstere Mächte im Inneren Washingtons kämpft. Quelle: Foto: Dpa
Washington

Zum ersten Mal wurde das Q am Dienstag voriger Woche bei einer Wahlkampfveranstaltung in Tampa in Florida öffentlich gesichtet. Als einzelner Buchstabe auf einem weißen Bogen Papier, den TrumpAnhänger schweigend in der Menge hochhielten. Zwei Tage später war das Q bei einem Auftritt des Präsidenten in Wilkes-Barre, Pennsylvania, und am Sonnabend bei einer Donald-Trump-Rallye in Lewis Center, Ohio, schon zuhauf zu sehen. In den Tagen dazwischen sind die Q-Träger um einiges lauter und aggressiver geworden.

QAnon (Anon steht für anonym) ist seit Oktober 2017 im Internet auf dem Messageboard 4Chan mit wilden Verschwörungsthesen unterwegs. Kernbotschaft: Es gebe in den USA einen „Deep State“, einen „Staat im Staat“, geführt von Geheimdienstlern, Bürokraten sowie Ex-Präsident Barack Obama und Ex-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Die hinterhältigen demokratischen Verschwörer wollten Präsident Trump kaltstellen. Und so warnt Q: „Der US-Präsident ist unser Retter. Betet. Die Operationen sind im Gange. Wir sind im Krieg. Q.“

In aller Ernsthaftigkeit behaupten Q-Leute, dass Trump gegen kriminelle Machenschaften im Weißen Haus kämpft. Und dass der Präsident in Washington unter anderem gegen einen Pornoring angeht, der von Sonderermittler Robert Mueller unterstützt wird. Weite Teile des Staates hätten sich verselbstständigt, seien von einer globalen Bankenelite gesteuert (Code für Juden). Behauptungen, die im Zeitalter von Fake News, Lügen, Hasstiraden und Tabubrüchen durch den Präsidenten selbst eine ganz eigene Dynamik entwickeln.

Es ist eine Verschwörungstheorie, die ausgerechnet in dem Moment um sich greift, in dem der besagte Sonderermittler Robert Mueller mit seinen Fragen nach der Einmischung Russlands in die Präsidentschaftswahl 2016 immer näher an den Chef des Weißen Hauses heranrückt. Und mit der Vorladung Trumps droht, sollte dieser sich weigern, freiwillig Fragen zu beantworten.

Zu den Trump-Fans, die sich ein Q in den Nationalfarben Rot-WeißBlau auf ihre T-Shirts malen, gehört Gregg LaPat. Der 45-jährige Handwerker ist sicher: „Hinter Q stehen zehn Leute. Sieben sind beim Militär, einer sitzt im Weißen Haus.“ Die anonymen Autoren würden die Dinge, die sich im Weißen Haus abspielen, erklären: „Trump zeigt uns den Weg, aber er kann nicht über all seine Pläne öffentlich sprechen.“ Auch die anderen Frauen und Männer, die am Sonnabend in der Olentangy Orange High School in Lewis Center das Q tragen, zeigen sich überzeugt, von einer ganz und gar seriösen Quelle endlich die Wahrheit zu erfahren. Der Onlinedienst „Buzzfeed“ indes wartete diese Woche mit der These auf, Q sei ein linksradikales Autorenkollektiv aus Bologna, das die irrlichternden TrumpAnhänger vorführen wolle.

Die „Washington Post“ hat gleich mehrere Dutzend von ihnen interviewt und erstaunt festgestellt: Die Q-Gläubigen haben völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, wer sich hinter den anonymen Postings verbergen könnte und welche Ziele mit der Stimmungsmache verbunden sind. Sie alle sehen sich gleichwohl als Vorreiter einer Bewegung, die hinter den Drehungen und Wendungen von Donald Trump einen tieferen, weltverändernden Sinn vermuten.

Es ist ein bemerkenswerter Befund: Mit seinem permanenten Wahlkampf, der ihn ein-, zweimal pro Woche kreuz und quer durch das Land führt, verändert Trump die politische Kultur Amerikas. An die Stelle parteiinterner Debatten treten Massenveranstaltungen, die der erste Mann im Staate dominiert. Und auf denen er sich wie ein Freiheitskämpfer feiern lässt.

Tatsächlich werden die Verschwörungstheoretiker schon seit Längerem von Vertrauten Trumps befeuert, die regelmäßig selbst vom „Deep State“ sprechen, der sich der Regierung in den Weg stelle. So will der frühere Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, in Washington ein „feindliches System“ erkennen, das alles in Bewegung setze, um Trump auszubremsen.

Der republikanische Abgeordnete Steve King aus Iowa behauptet, Ex-Präsident Obama hetze im Hintergrund unzählige Bürokraten auf, damit sie sich Trump widersetzen. Da überrascht es kaum noch, wie Pastor Gary Click in Lewis Center den Abend eröffnet: Der Kirchenmann bat Gott, Trump vor dem „Dschungel-Journalismus“ zu schützen.

Als Kronzeuge der Verschwörungstheoretiker allerdings dient der Präsident selbst: In wilden Twitter-Stürmen zieht er wahlweise über die unabhängigen Medien, über das FBI oder über das Justizministerium her. Allerorten wittert er Lüge und Verrat. Und Washington betrachtet er nach wie vor als Sumpf, den es auszutrocknen gilt.

Trumps Lieblingsfeind: Sonderermittler Mueller. Alle Vorwürfe, sagt Trump, seien „reiner Schwindel“. Vor seinem Auftritt in Pennsylvania twitterte er wenig präsidial: „Justizminister Jeff Sessions sollte diese verlogene Hexenjagd sofort stoppen, bevor sie unser Land weiter beschmutzt. Bob Mueller hat einen Interessenkonflikt, und seine 17 wütenden Demokraten, die die Drecksarbeit für ihn erledigen, sind eine Schande für die USA.“

Auch in dem kleinen Vorortstädtchen Lewis Center kommen solche Sprüche gut an. Die Anhänger jubeln begeistert wie bei einem Popkonzert. Sie sind unüberhör- und unübersehbar mit ihren Wutausbrüchen gegen die Medien, gegen Immigranten, gegen das Establishment. „Ihr seid jetzt Mainstream“, postet Q ganz begeistert. „Wohin einer geht, werden wir alle gehen.“

Kein Wort verliert Trump hier darüber, dass der Nationale Geheimdienstdirektor Dan Coats und FBI-Chef Christopher Wray erst kürzlich vor anhaltenden Desinformationskampagnen gewarnt hatten, die allem Anschein nach aus Russland gesteuert seien. Auch die amerikanische Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen warnt eindringlich: „Unsere Demokratie selbst liegt im Fadenkreuz.“ Nach wie vor sei eine breit angelegte Kampagne erkennbar, um die Zwischenwahlen im November zu beeinflussen.

Trump ist das alles keine Erwähnung wert. Da liegt die Nummer eins im Staat ganz auf einer Linie mit dem anonymen Q: Feind ist, wer den Präsidenten kritisiert. Oder es auch nur wagt, ihm unangenehme Fragen zu stellen.

Vielleicht ist das ein Grund, warum so viele QAnon-Anhänger glauben, Q sei tatsächlich ein Insider aus dem Weißen Haus: Es klingt so erschreckend plausibel.

Von Stefan Koch

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