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Reiches Land, arme Kinder

Berlin Reiches Land, arme Kinder

Viele Jugendliche machen langjährige Armutserfahrung. Das Kinderhilfswerk Unicef fordert gezieltere Hilfen für Kinder aus armen Familien in Deutschland.

Trübe Aussichten für eine Million Kinder in Deutschland: Jahrelange Armut macht Kinder unzufrieden — und mindert ihr Selbstwertgefühl sowie ihre Fähigkeit, Probleme zu bewältigen.

Quelle: dpa

Berlin. Die Kinderarmut in Deutschland hat sich verfestigt — zu diesem Schluss kommt die jüngste Studie der Kinderrechtsorganisation Unicef, die sich mit der Situation der Jungen und Mädchen in Deutschland befasst. Im internationalen Vergleich wurden 29 Industrieländer in den Kategorien „Kindliches Wohlbefinden“ und „Lebenszufriedenheit“ untersucht.

Wenn in einem Haushalt weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens erwirtschaftet werden, gilt der Haushalt als arm. Kinder die mit Armutserfahrungen aufwachsen, leiden oft ihr ganzes Leben unter den Folgen. „Statistisch stellen wir Leistungsrückstände in der Schule, schlechte Ernährungsgewohnheiten und wenig sportliche Betätigung bei diesen Kindern fest“, erklärt Professor Hans Bertram, Herausgeber der Studie.

Insbesondere bei alleinerziehenden Elternteilen ist der Schritt unter die finanzielle Armutsgrenze leicht möglich. „Daraus kann man aber nicht den Umkehrschluss ziehen, dass Alleinerziehende die schlechteren Eltern sind“, stellte Bertram klar. Mindestens so problematisch wie Armut sind seiner Meinung nach die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit der Eltern. „In Familien, die von Arbeitslosigkeit der Erwachsenen betroffen sind, bekommen die Kinder leider häufig mit, wie die Eltern die Hoffnung aufgeben. Nicht selten sind es dann nur noch die Kinder, die morgens aufstehen und versuchen, einen geregelten Tagesablauf zu organisieren.“

Kinderarmut ist in Deutschland weiter verbreitet als man denkt: Zwischen den Jahren 2000 und 2010 haben 8,6 Prozent der Kinder unter 17 Jahren langjährige Armutserfahrungen gemacht, das sind auf den heutigen Zeitpunkt gerechnet etwa 1,1 Millionen Jungen und Mädchen in Deutschland.

„Diese Kinder haben es schwer“, bestätigt Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland. „Die finanziellen Leistungen und Bemühungen des Staates erreichen die Kinder oft erst gar nicht.“ Unicef richtet daher einen klaren Appell an die Bundesregierung. „Wir brauchen konkrete Ziele im Kampf gegen die Kinderarmut. Die Anzahl der von Kinderarmut betroffenen Mädchen und Jungen zu halbieren, wäre ein Anfang“, sagte Schneider. Wege, diese Kinder möglichst früh und nachhaltig zu erreichen, müssten diskutiert werden. „Jedes Kind braucht eine rechtlich gesicherte materielle und kulturelle Grundsicherung.“

Schneider kritisierte den zunehmend wirtschaftlichen Blick der Gesellschaft auf die Kinder. „Kinder sind kein Humankapital, in das man investieren kann. Heute zählt Leistung, das persönliche Glück der Kinder findet leider immer weniger Beachtung.“

Unicef in 150 Ländern aktiv
Das Kinderhilfswerk der Uno wurde 1946 gegründet, zunächst um Kindern in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu helfen. Zurzeit arbeitet das Kinderhilfswerk vor allem in Entwicklungsländern und unterstützt in rund 150 Staaten Kinder und Mütter in den Bereichen Gesundheit, Familienplanung, Hygiene, Ernährung sowie Bildung und leistet humanitäre Hilfe in zahlreichen Notsituationen. Nach einer Spenden-Affäre 2008 war der gesamte Vorstand von Unicef zurückgetreten, auch die Vorsitende Heide Simonis. Inzwischen wurde Unicef für Transparenz bei ihren Spenden ausgezeichnet.

Anne Ziebarth

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