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Schlitzohriger Revolutionär

Bonn Schlitzohriger Revolutionär

Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer – der erste deutsche Kanzler prägte die junge Bundesrepublik.

Bonn. . Am 13. April war Konrad Adenauer noch einmal zu Bewusstsein gekommen. „Do jitt et nix zo kriesche“, sagte er auf Kölsch zu seinen sieben Kindern: Kein Grund zum Weinen. Am 19. April 1967 – vor 50 Jahren – starb der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland im Alter von 91 Jahren.

Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod ist Adenauer zum Denkmal erstarrt. Der Flughafen Köln/Bonn trägt seinen Namen, die Parteizentrale der CDU und mindestens 437 Straßen, so schätzt die Konrad-Adenauer-Stiftung. Angela Merkel hat ihn in Öl gemalt hinter ihrem Schreibtisch hängen, und in der ZDF-Reihe „Unsere Besten“ wurde er 2003 zum „größten Deutschen“ gewählt.

Adenauers Biografen kommen in vielen Punkten zu unterschiedlichen Schlüssen – in einem aber stimmen sie überein: Er war eine starke Persönlichkeit. Ein ganz wesentlicher Charakterzug war seine Schlitzohrigkeit. Das wohl berühmteste Beispiel dafür lieferte er an einem glühend heißen Augustsonntag des Jahres 1949, eine Woche nach der ersten Bundestagswahl. Es ging um die Frage: Welcher CDU-Politiker wird erster Bundeskanzler? Adenauer hatte starke Konkurrenz, mehr noch: Kaum jemand rechnete mit ihm, er war schließlich schon 73. Sein erster Schachzug war, dass er die Parteispitze zu sich nach Rhöndorf einlud. Dadurch hatte er als Hausherr automatisch die Fäden in der Hand. Einer der Gäste, der junge Franz Josef Strauß, erinnerte sich später: „Überwältigender Eindruck für uns ausgehungerte Großstädter war ein Buffet von einer Reichhaltigkeit, wie ich es auf Privatkosten Adenauers weder vorher noch nachher jemals erlebt habe.“ Anschließend, als alle von einem Gefühl der Dankbarkeit erfüllt waren, verkündete Adenauer unvermittelt, „aus Parteikreisen“ sei der Wunsch an ihn herangetragen worden, sich als Kanzler zur Verfügung zu stellen. Welche Parteikreise das gewesen sein sollten, blieb sein Geheimnis. Doch ehe man groß darüber nachdenken konnte, erklärte er schon: „Ich bin trotz meiner Jahre grundsätzlich hierzu bereit.“ Angesichts seines Alters könne er allerdings höchstens ein bis zwei Jahre im Amt bleiben. Es wurden dann 14.

Ebenso kennzeichnend für den Katholiken Adenauer war sein unerschütterlicher Glaube daran, dass er – und nur er allein – recht hatte. Dies konnte in Sturheit und Arroganz, ja sogar in Skrupellosigkeit ausarten. Bei der Bekämpfung seiner politischen Gegner schreckte Adenauer vor kaum einem Mittel zurück. Nach neuen „Spiegel“-Recherchen ließ er SPD-Chef Willy Brandt sogar bespitzeln. Danach habe Adenauer dem damaligen BND-Präsidenten Reinhard Gehlen im September 1960 einen entsprechenden Arbeitsauftrag erteilt. Adenauer habe wissen wollen, ob Brandt für Hinrichtungen im Spanischen Bürgerkrieg verantwortlich war oder ob er für eine fremde Macht spioniert hat. Brandt war vor den Nationalsozialisten nach Norwegen geflohen und hatte für norwegische Zeitungen vom Bürgerkrieg in Spanien berichtet.

Sein übersteigertes Selbstbild konnte sich aber auch in bewundernswerter Standhaftigkeit äußern. So zog sich Adenauer 1933 den Hass der Nazis zu, indem er sich als Kölner Oberbürgermeister noch zweieinhalb Wochen nach Hitlers Machtübernahme weigerte, den Führer am Flughafen zu empfangen und zu seinen Ehren die städtischen Gebäude zu beflaggen. Nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wurde der überzeugte Republikaner verhaftet. Ein Gestapo-Kommissar bat ihn, doch bitte keinen Selbstmord zu begehen, denn das würde ihm Scherereien verursachen. Auf Adenauers verwunderte Frage, warum er das tun sollte, antwortete der Gestapo-Mann, er habe doch vom Leben nichts mehr zu erwarten.

Doch da irrte er sich – Adenauer legte erst richtig los. Er wurde zum Glücksfall für die junge Bundesrepublik. Sein autoritärer Führungsstil ist zwar oft kritisiert worden, doch Historiker wie die Adenauer-Biografin Marie-Luise Recker betonen: Erst dadurch und durch sein Image als „Macher“ verschaffte er der Demokratie erstmals breite Akzeptanz bei den Deutschen. In der Außenpolitik brach Adenauer mit der nationalistischen Tradition und band zum ersten Mal einen deutschen Staat in ein Bündnissystem westlicher Demokratien ein. Damit lenkte er die deutsche Geschichte auf Dauer in eine andere Richtung. Auch wenn die Bundesrepublik 50 Jahre nach seinem Tod keine Bonner Republik mehr ist: Den Stempel ihres ersten Kanzlers trägt sie bis heute.

Christoph Driessen

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