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Politik im Rest der Welt So schlimm wird der Klimawandel für Norddeutschland
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17:32 08.10.2018
Die Wellen an diesem Nordseestrand könnten in Zukunft höher werden. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Der Weltklimarat schlägt Alarm: Ohne dramatische Änderungen von Wirtschaft und Gesellschaft wird die Menschheit ihre Klimaziele verfehlen. Gunther Seckmeyer ist Direktor des Instituts für Meteorologie und Klimatologie an der Leibniz-Uni Hannover. Im Interview spricht er über die Folgen des Klimawandels für Norddeutschland.

Was steht aus Ihrer Sicht Neues in dem IPCC-Bericht zum Klimawandel?

Die spezielle Frage war, was passiert, wenn man den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf 1,5 oder auf zwei Grad begrenzen würde. Es stand nämlich die These im Raum, dass das letztlich egal wäre.

Und, ist es egal?

Nein, es ist nicht egal. Die Risiken nehmen generell zu, je höher die Temperatur steigt. Es gibt aber erhebliche Zweifel, ob die Begrenzung auf 1,5 Grad noch erreicht wird.

Was denken Sie?

So, wie es im Moment läuft in der öffentlichen und politischen Debatte, ist das Problem noch nicht wirklich angekommen. Wir steuern aktuell auf wesentlich mehr als zwei Grad zu. Je nachdem, welchen Zeitraum man betrachtet, können es auch drei, vier oder gar sechs Grad sein. Die Frage ist, ob die Menschheit bereit ist, so radikal umzuschwenken, um das noch zu ändern.

Was wäre denn zum Beispiel der Unterschied zwischen einer Erwärmung um 1,5 Grad und, sagen wir, vier Grad?

Das wäre ein völlig anderes Klima mit viel mehr Hitzeperioden, mit lang anhaltenden Trockenzeiten aber auch starken Niederschlägen und einem wesentlich höheren Meeresspiegel. Aber auch mit einer Verschiebung der Klimazonen und Hitzestress für die Vegetation, um nur einige Folgen zu nennen. Weitere konkrete Auswirkungen sind noch nicht gut bekannt, sondern Gegenstand aktueller Forschung.

Also wird vielleicht alles doch nicht so schlimm?

Nein, das kann man nicht sagen. Die Wirkungen, die wir jetzt schon kennen, sind drastisch.

Die Temperaturen sind ja offenbar schon gestiegen verglichen mit der vorindustriellen Zeit. Was hat das verändert?

Der (im IPCC) genannte Anstieg um 1,5 Grad gilt global. Regional sind die Anstiege nochmal sehr unterschiedlich. Sehr drastisch ist der Anstieg schon jetzt in der Arktis. Aber auch in Niedersachsen ist es bereits jetzt schon um 1,5 Grad wärmer geworden als etwa 1900.

Also hat Niedersachsen das 1,5-Grad-Ziel schon verfehlt?

So kann man das nicht sagen; das Ziel wurde für die globale Mitteltemperatur aufgestellt im Bewusstsein, dass es regional ganz andere Anstiege gibt. Die globale Mitteltemperatur ist seit der vorindustriellen Zeit um ein Grad gestiegen. In den mittleren Breiten, in denen Niedersachsen liegt ist es eben noch wärmer geworden. In unserer Messreihe in Hannover haben wir auch seit 1948 einen deutlichen Anstieg beobachtet.

Nun geht es aber Niedersachsen nicht schlecht trotz dieses Anstiegs, oder?

Nun ja, es gibt erst einmal Veränderungen. Dadurch, dass wir in Deutschland in einem gemäßigt feuchten Klima leben ist erwarten, dass wir bei einem moderaten Klimawandel zunächst einmal vor allem positive Wirkungen sehen. Der Frühling kommt jetzt schon etwa 20 Tage früher als in früheren Zeiten, es gibt weniger Frosttage. Das wirkt für uns erst einmal positiv zum Beispiel für die Landwirtschaft. Die wesentlichen negativen Auswirkungen können wir erst für die Zukunft erwarten. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass der Klimawandel nicht erst irgendwann in der Zukunft kommt. Wir sind schon mittendrin. Und wenn es hier deutlich wärmer werden wird, dann hat das auch für Niedersachsen deutlich negative Folgen.

Welche denn?

Die Zahl der Sommertage und der heißen Tage wird zunehmen. Schon im Hitzesommer 2003 gab es in Europa viel mehr Todesfälle. Einen Vorgeschmack auf zukünftige Verhältnisse haben wir auch in diesem Jahr bekommen. Dazu gehört auch die lang anhaltende Trockenheit. Für die Landwirtschaft war das dieses Jahr teilweise dramatisch. Solche Sommer werden öfter vorkommen in Zukunft. Auch wenn wir in der durchschnittlichen Niederschlagsmenge im Mittel bisher wenig Veränderung sehen. Aber ein einzelnes Jahr kann nicht auf den Klimawandel zurückgeführt werden. Um das zu erklären, nehme ich gerne das Beispiel eines gezinkten Würfels.

Was hat der mit dem Klima zu tun?

Wer einen normalen Würfel wirft, bekommt mit gleicher Wahrscheinlichkeit die Zahlen eins bis sechs. Bei einem gezinkten Würfel fällt die Sechs häufiger. Das heißt aber nicht, dass dann immer die Sechs fällt. Mit dem Klimawandel ist es ähnlich: Im Mittel steigen die Temperaturen und wir erleben mehr extreme Wetterereignisse, aber das einzelne Ereignis hätte vielleicht auch ohne den Klimawandel auftreten können.

Es ist daher nicht so ganz einfach den Klimawandel einer breiteren Öffentlichkeit zu erklären.

Ich glaube jedoch, dass das Verständnis des Ganzen durchaus gewachsen ist. Klar, es gibt die „Klimaleugner“, die meinen, man sollte gar nichts tun. Die sind aber auch unter den Politikern eine kleine Minderheit. Das Problem verstehen die Politiker schon. Die Frage ist, ob sie dann auch tatsächlich handeln können. Und wenn es konkret wird, müssen Politiker zwischen unterschiedlichen Interessen abwägen, wie gerade beim Thema Kohleausstieg. Da geht es schließlich auch um Arbeitsplätze, kurzfristige wirtschaftliche Interessen und das öffentliche Interesse.

Ok, aber zurück zu den Folgen für Norddeutschland: Trockenere Sommer bedeutet mehr Regen im Frühjahr und Herbst?

So pauschal kann man das nicht sagen, dieses Jahr scheinen auch Frühjahr und Herbst sehr trocken zu sein. Wenn die Atmosphäre wärmer wird, kann sie mehr Wasser aufnehmen. Regional führt das dazu, dass sich dieser Wasserdampf entlädt. Das haben wir bei den starken Niederschlägen und Überschwemmungen im vergangenen Jahr gesehen. Es ist dann insgesamt mehr Energie im System. Wie sich das zeitlich regional auswirkt, ist eine Frage aktueller Forschung.

Wird denn die Nordsee zum Mittelmeer?

Die Nordsee ist schon deutlich wärmer geworden. Das wird weitergehen. Es gibt dort schon jetzt einige Fischarten, die man früher nur im Süden beobachtet hat. Andere sind dagegen nach Norden abgewandert.

Müssen sich denn Küstenbewohner darauf einstellen, dass ihre Grundstücke irgendwann im Meer versinken?

Im Normalfall glaube ich das nicht. Wir sind in der komfortablen Lage, die Deiche hochziehen zu können. Das ist zwar teuer aber für ein Land wie Deutschland machbar. Das sieht ganz anders aus in ärmeren Regionen, vor allem an Flussdeltas. Die werden nicht die Mittel haben, Deichbau zu betreiben. Deutschland wäre davon dann eher indirekt betroffen.

Wie denn?

Wenn der Klimawandel ungebremst voranschreitet, werden viele Menschen ihre Heimat verlieren. Damit sind wir bei verstärkter Migration. Dagegen ist das, was wir aktuell erleben, wahrscheinlich nur ein laues Lüftchen.

Teilen Sie die Forderung nach einem kompletten Verzicht auf CO2, um das zu verhindern?

Ja, das ist unabweisbar. Wir müssen weg von den fossilen Energien. Daran arbeiten wir Meteorologen mit. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir Studenten auch in Hannover in diesem Feld ausbilden, also Experten für Klimawandel und regenerative Energien wie Sonne und Wind. Je länger wir uns Zeit lassen, desto schwieriger wird es, den Klimawandel zu begrenzen. Wie weitreichend die Folgen für die Gesellschaft ohne drastische CO2-Reduktion sind, ist bei vielen noch nicht richtig angekommen. Weder in der Bevölkerung noch in der Politik.

Wenn Sie wetten müssten: Schafft die Menschheit das?

Es ist machbar. Wir haben schon jetzt die Technologien dazu, außerdem sind Menschen sehr erfinderisch, gerade in Deutschland. Man muss aus dem alten Denken raus. Unsere Nachfahren werden sich wahrscheinlich wundern, wie wir das Problem angepackt haben: Warum wir so lange mit stinkenden Autos herumgefahren sind, zum Beispiel. Die Frage ist längst nicht mehr, ob wir den Klimawandel begrenzen können, sondern nur noch ob wir es wollen.

Von Christian Palm/RND

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