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Politik im Rest der Welt Steinwürfe mit lackierten Fingernägeln
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23:21 15.10.2015
Ihr Haar wird vom Palästinenserschal bedeckt: Junge Frauen, vor allem Studentinnen, haben sich im besetzten Westjordanland — wie hier in Bethlehem — den Protesten angeschlossen. Quelle: Fotos: Abed Al Hashlamoun/dp/fotolia
Ramallah

Nach einer Welle der Gewalt hat sich der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern gefährlich zugespitzt. Die Führungen beider Seiten beschuldigen sich gegenseitig des Terrorismus. Israels Justizministerin Ajelet Schaked warf dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas vor, er hetze sein Volk zu immer neuen Gewalttaten gegen Israel auf und bezeichnete ihn als „Terroristen“.

Während einer Fernsehansprache hatte Abbas dem jüdischen Staat eine Politik der Aggression und „Siedlerterror“ vorgeworfen. Israel habe „Kinder kaltblütig hingerichtet“, sagte der Palästinenserpräsident und nannte dabei als Beispiel einen 13-jährigen Palästinenser, der von israelischen Sicherheitskräften nördlich von Jerusalem schwer verletzt worden war.

Immer mehr Gewalt geht auch von jungen Frauen aus. Nur die mit Kajal geschminkten Augen lugen zwischen Kopftuch und Palästinenserschal hervor. Die Hände mit den passend zum rotschwarz-karierten Baumwollhemd lackierten Fingernägeln umklammern Steine vom Straßenrand. „Nicht nur die Jungs entscheiden über das Schicksal der Nation“, sagt die 18-jährige Palästinenserin entschlossen.

Junge Frauen, vor allem Studentinnen, haben sich im besetzten Westjordanland vermehrt den Protesten an den Straßensperren angeschlossen. Sie werfen Steine auf israelische Soldaten und skandieren Parolen gegen die bald seit 50 Jahren anhaltende Besatzung und Besiedlung ihrer Heimat. Die meisten unter ihnen handeln gegen das Einverständnis ihrer Familie und sind auch deshalb stark vermummt.

Die israelischen Sicherheitskräfte sehen die auf sie geschleuderten Felsbrocken und Brandflaschen als potenziell tödlich an. Sie antworten nicht nur mit Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschossen, in zugespitzten Situationen schießen sie auch scharf. Die jungen Frauen gehen somit ein tödliches Risiko ein.

„Wir sind die halbe palästinensische Gesellschaft und haben deshalb das Recht, unser Land zu verteidigen“, sagt die junge Frau trotzig, will aber aus Furcht vor den Eltern selbst ihren Vornamen nicht nennen. „Wir sind 18, jetzt erwachsen und haben keine Angst mehr.“

Ihre Freundin, deren langes Haar nur zum Teil vom Kefije, dem Palästinenserschal bedeckt wird, sagt: „Wenn meine Eltern wüssten, dass ich hier bin ...“ und zieht bedeutungsvoll einen Daumen über ihre Kehle. Auch wenn die Familie dagegen ist: Sie findet, jetzt mit ihren Kommilitoninnen am nördlichen Stadtausgang von Ramallah dem Kontrollpunkt der israelischen Armee entgegenzutreten, sei „eine Gewissensfrage. Wenn jeder sich fürchtet, ist niemand bereit, sich für die Nation zu opfern“, sagt sie.

Die Motive dieser tief frustrierten Palästinensergeneration sind in beiden Geschlechtern gleich: Sie wollen die militärische Besatzung abschütteln, die Landnahme durch die Siedler beenden, und vor allem messen sie den Verlautbarungen ihres 80-jährigen Präsidenten Mahmud Abbas keinerlei Bedeutung mehr bei. Dieser drängte angesichts der Eskalation in den vergangenen Tagen, den Widerstand gewaltfrei zu halten. „Vor der Uno wollte er Ende September einschneidende Schritte verkünden, aber wieder geschah nichts“, sagt eine der Studentinnen.

„Die Intifada geht weiter, weil wir schon lange aufgehört haben, auf den Präsidenten zu hören“, sagt eine Erstsemesterin, die Literatur studiert. Abbas habe zwar die Anerkennung Palästinas als Beobachterstaat erreicht und neuerdings wehe auch die Flagge vor der Uno, aber das reiche nicht. „Das Volk sollte das letzte Wort haben. Ich persönlich glaube nicht mehr an eine Verhandlungslösung“, pflichtet eine 18-Jährige bei, die Betriebswirtschaft studiert.

Auch bei den Beerdigungen der palästinensischen Todesopfer dieser Tage sind die jungen Aktivistinnen immer präsenter. Ob in rotbestickten Nationaltrachten oder enganliegenden Jeans, das Kefije um die Schultern gehört dazu und das laute Skandieren der Parolen: „Nach Jerusalem ziehen wir, als Millionen von Märtyrern“ oder „Nationale Einheit: Fatah, Hamas, Volksfront“, die drei wichtigsten politischen Strömungen der Palästinenser aufzählend. Der Kampf hat gerade erst begonnen.

Angst vor 3. Intifada: Chronik des Nahost-Konflikts
8. Dezember 1987: Nach dem tödlichen Zusammenstoß eines israelischen Militärwagens mit zwei palästinensischen Autos bricht die erste Intifada aus . Mehr als 1000 Palästinenser und rund 100 Israelis sterben bis 1993.
29. September 2000: Beginn der zweiten Intifada. Als Auslöser gilt ein Besuch des damaligen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Tempelberg. Etwa 3000 Palästinenser und 1000 Israelis kommen in den folgenden viereinhalb Jahren ums Leben.
16. Juni 2002: Israel baut eine auf 700 Kilometer angelegten Sperranlage an der Grenze zum Westjordanland.
Februar 2005: Israels Ministerpräsident, Ariel Scharon, und der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, vereinbaren eine Waffenruhe.
Juni 2007: Bei Kriegen im Gazastreifen kommen fast 4000 Palästinenser und mehr als 100 Israelis ums Leben.
Oktober/November 2014: Zehn Israelis sterben bei palästinensischen Anschläge.
Oktober 2015: Bei weiteren Anschlägen sterben sieben Israelis und 30 Palästinenser. Ausschreitungen auf dem Tempelberg befeuern die Gewaltwelle.

Sarah Benhaida

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