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TV-Duell: Wer hat geschummelt?

Berlin TV-Duell: Wer hat geschummelt?

Merkel kontra Steinbrück — unser Faktencheck untersucht, wer Klartext redete und wer auswich.

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Gratulationen für Peer Steinbrück: Der SPD-Herausforderer punktete bei den Zuschauern, wenn es um die Angriffslust, klare Aussagen und bessere Argumente ging.

Quelle: Fotos: dpa/Neelsen

Berlin. Berlin — Gerade mal 90 Sekunden gaben die Moderatoren im TV-Duell Angela Merkel und Peer Steinbrück, damit die ihre Position zu wichtigen Themen darlegen konnten. In der Kürze der Zeit können dabei schon mal Fehler rausrutschen, ob gewollt oder nicht.

Arbeitsmarkt: Steinbrück nennt die Zahl von sieben Millionen Beschäftigten, die weniger als 8,50 Euro verdienen, 1,3 Millionen Menschen müssten trotz Vollzeitjob ihren Lohn von der Arbeitsagentur „aufstocken“ lassen. Beides stimmt. Merkel hält dagegen, dass es seit Jahren immer weniger Aufstocker gibt und dass die Vollzeitjobs um 1,2 Millionen zunahmen. Auch das ist richtig.

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Rainer Brüderle

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Gesundheit und Pflege: Steinbrück wirft Merkel, beide sind übrigens privat versichert, Versagen vor. Das Gesundheitssystem werde in vier bis fünf Jahren „an die Wand fahren“. Das ist allerdings nur schwer zu glauben. Fakt ist, dass die gesetzlichen Krankenkassen wegen der vielen Beiträge derzeit über einen Überschuss von rund 29 Milliarden Euro verfügen. Richtig ist dagegen, dass in der Pflege rund 120 000 Fachkräfte fehlen, wie Steinbrück anmerkt. Experten sehen in den nächsten zehn Jahren sogar ein Defizit von 200 000.

Rente: Angela Merkel erklärt, dass die Pensionen von Beamten versteuert werden. „Das ist auch anders, als das bei der Rente ist.“ Stimmt aber nicht ganz. Denn Renten werden hierzulande auch besteuert, und zwar ab einer Grenze von 1550 Euro. Steinbrück war zum Verhältnis der Rentenentwicklung zu den Altersbezügen von Staatsdienern befragt worden und verlangte, Pensionen sollten „fair“ an die Dynamik der Renten gekoppelt werden. Leider war Rentenangleichung Ost-West kein Thema.

Betreuungsgeld/Kita-Plätze: Steinbrück will das Betreuungsgeld wieder abschaffen und in den Ausbau von weiteren Kita-Plätzen investieren. Merkel weicht der Frage aus, ob sie sich von Seehofer beim Betreuungsgeld habe über den Tisch ziehen lassen. Sie behauptet, die Koalition habe in drei Jahren 800 000 neue Betreuungsplätze geschaffen. Das ist falsch. Es handelt sich dabei um Alt- und Neuplätze sowie die Planung für 2014.

Eurokrise: Steinbrück attackiert Merkel, weil deren Krisenpolitik dazu geführt habe, dass sich Krisenländer, wie etwa Griechenland, wirtschaftlich nicht erholten. Die Jugendarbeitslosigkeit sei enorm angestiegen. Das stimmt. Doch der Herausforderer konnte nicht nachweisen, dass dafür die Politik der Bundesregierung die Ursache ist. Außerdem hat die SPD allen Hilfspaketen zugestimmt. Steinbrück ist an dieser Stelle wenig glaubhaft. Bei der Frage nach einem 3. Griechenland-Hilfspaket nach 2014 sagen beide, keiner wisse, wie viel dann nötig sei.

Richtig.

Pkw-Maut: Steinbrück attackiert Merkel, weil die von Horst Seehofer vorgeschlagene Pkw-Maut für Ausländer nach EU-Recht nicht zulässig wäre. Das ist richtig, es widerspräche dem Diskriminierungsverbot. Er entlockt Merkel zudem den Satz, mit ihr werde es keine Maut geben. Wie die Riesenlücke im Verkehrsetat allerdings geschlossen werden soll, sagt Merkel nicht. Sie ist der Frage ausgewichen.

Reaktionen: Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) sagte: „Die Kanzlerin lag in der Frage der Sympathie klar vorn. Außerdem hat sie die großen Frage der Politik ohne Wahlkampfrhetorik erklärt.“ Für den Piratenpartei-Vorsitzenden Bernd Schlömer hat das Ende der Ära Merkel „in jedem Fall begonnen“. Kritisch zeigte sich FDP-Generalsekretär Patrick Döring: „Peer Steinbrück hat mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben.“ Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Thorsten Albig (SPD) — einst Steinbrücks Sprecher — wertete den Ausgang des Duells „mit zehn zu acht“ für den 66-Jährigen.

Frischer Wind
Stefan Raab, Novize im Moderatoren-Quartett des TV-Duells, brachte etwas Leben in die Bude, wenngleich der ProSieben-Entertainer die starren Regeln der Redeschlacht auch nicht sprengen konnte. Die Meinungen über den 46-jährigen Paradiesvogel, der für ProSieben „TV Total“ und „Schlag den Raab“ moderiert und Lena zur Siegerin beim Eurovision Song Contest machte, gingen am Tag nach dem Duell auseinander.


„Mit Anne Will bildete Raab das präsentere Moderatorenduo“, kommentierte die „Süddeutsche.de“. „Beide hakten öfter nach als Kloeppel und Illner; sie stellten klar formulierte Fragen. Dem alten Rat von Rhetorik-Coaches, in einfachen Sätzen zu reden, folgte Raab noch am ehesten — die Hand lässig in der Hosentasche, als hätte er zu viele Musikvideos von Pharrell Williams gesehen.“ Andere lobten seine frischen und respektlosen Fragen.


„Das Format konnte er aber selbstverständlich ebenso wenig prägen wie sprengen“, analysierte der Medienwissenschaftler und frühere Leiter des Grimme-Instituts, Bernd Gäbler. Auch Raab sei es nicht gelungen, den Diskutierenden auch nur eine einzige überraschende Antwort zu entlocken. „Der Super-Polit-Journalist der Zukunft ist Raab sicher nicht.“

Die Stunde der Königsmacher
Angesichts von rund acht Millionen Erwerbstätigen mit Niedriglöhnen haben die Spitzenkandidaten von Grünen und Linkspartei, Jürgen Trittin und Gregor Gysi, die Forderung nach gesetzlichen Mindestlöhnen bekräftigt. „Wir haben den größten Niedriglohnsektor in Europa“, sagte Gysi gestern Abend im TV-Dreikampf der kleineren im Bundestag vertretenen Parteien im ARD-Fernsehen. Dagegen erteilte FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle staatlichen Eingriffen in die Lohnfindung erneut eine Absage.

Trittin wies darauf hin, dass es auch in anderen europäischen Staaten wie Großbritannien und den Niederlanden längst gesetzliche Mindestlöhne gebe. Dagegen gebe es in Deutschland nach wie vor Friseure, „die für 4,50 Euro die Haare schneiden“. Zugleich werde vom Staat Geld ausgegeben, um den Menschen den Lohn aufzustocken. Gysi bezifferte den Anteil der Menschen mit Niedriglöhnen sogar auf 25 Prozent, da zu den acht Millionen regulär Erwerbstätigen noch weitere sieben Millionen mit Mini-Jobs hinzukämen. „Die Würde des Menschen verlangt, dass sie in Vollzeitarbeit einen Lohn bekommen, von dem sie leben können“, sagte der Linken-Fraktionschef.

Brüderle dagegen darauf, in den vergangenen Jahren seien fast zwei Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Ein einheitlicher Mindestlohn sei falsch, weil es regional unterschiedliche Lebenserhaltungskosten gebe und auch die Lage in den verschiedenen Branchen unterschiedlich sei.

Reinhard Zweigler

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