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Politik im Rest der Welt Terrorangst statt Urlaubstrubel
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00:18 03.07.2016
August 2010: Der beliebte Strand Konyaalti in besseren Zeiten. Vor allem bei russischen und deutschen Touristen ist die türkische Riviera als Urlaubsziel sehr begehrt gewesen. Quelle: Fotos: Dpa

. Die Kampfansage ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Die Türkei werde die Samthandschuhe ausziehen, kündigte Präsident Recep Tayyip Erdogan vor einem Vierteljahr an – und mit der „Eisenfaust auf die Köpfe der Terroristen“ einschlagen. Doch die Terroristen schlagen zurück – mit Bomben in türkischen Metropolen, die in immer schnellerem Takt detonieren. Mit dem Angriff eines Selbstmordkommandos auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul hat der Terror eine neue Dimension erreicht – das hat gravierende Auswirkungen auf den Tourismus.

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Leere Hotels, leere Strände: An der türkischen Riviera hinterlassen die Anschläge tiefe Spuren.

Vor der Wassersportanlage an der türkischen Riviera dümpeln zwei Jetski und Motorboote im türkisblauen Wasser. Mehrere Kanus liegen unbenutzt am Strand. Es ist Mittag, die Sonne brennt, und Mehmet Tekerek hat noch keinen einzigen Euro verdient: „Dieses Jahr ist die reinste Katastrophe. Es sind keine Touristen da.“ Seit 15 Jahren sei er im Geschäft – aber so eine schlechte Saison habe er noch nie erlebt. Tekerek hat sein T-Shirt ausgezogen und sitzt in Shorts auf einem Drehstuhl. Von hier aus hat er einen guten Blick über den Strand, der bis auf einige Urlauber leer ist. Ein Luftballonverkäufer versucht sein Glück und stapft durch den Sand.

Dabei ist Konyaalti einer der bekanntesten Strände in Antalya. Normalerweise tummeln sich hier Urlauber aus Russland, Deutschland und anderen Ländern Europas. Doch dieses Jahr steckt der Tourismus in der Türkei in einer schweren Krise. Im Bezirk Belek protestierten erst kürzlich Gewerbetreibende, weil sie wegen der Flaute ihre Mieten und Kredite nicht mehr zahlen können.

Schon Ende des vergangenen Jahres blieben Besucher aus Russland weg,  nachdem Präsident Wladimir Putin wegen des Abschusses eines Kampfflugzeuges Sanktionen gegen die Türkei beschlossen hatte.

Auch Anschläge der Terrormiliz IS auf Touristen in Istanbul verunsicherten viele. Die Konsequenz dieser Unsicherheit lässt sich an der Statistik ablesen. Laut dem türkischen Tourismus-Ministerium ist die Zahl der Besucher, die im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat ins Land kamen, um 22,9 Prozent gesunken.

Betrachtet man die Region Antalya, wo die Menschen hauptsächlich vom Tourismus leben, sind die Zahlen noch dramatischer. Türkische Medien berichten, in den ersten zwei Juni-Wochen seien rund 59 Prozent weniger Besucher angekommen – 45 Prozent weniger Deutsche, fast keine Russen. „Schwarzer Juni“ titelten  denn auch die Zeitungen.

Für Wassersportbetreiber Tekerek bedeuten diese Zahlen die drohende Pleite. 2015 habe er  etwa 500 Euro am Tag verdient. Nun seien es mal 100 Euro – und manchmal komme überhaupt kein Geld rein. Er zählt seine Ausgaben auf: Miete für den Liegeplatz, Steuern, Gehalt und Versicherung für seine Mitarbeiter. Von fünf Angestellten habe er vor Saisonbeginn zwei entlassen müssen.

Mit dem Geld vom Sommer müsse er eigentlich noch über den Winter kommen.

Schuld an der Misere ist seiner Meinung nach eine falsche Politik. „Ständig explodiert irgendetwas, und die Außenbeziehungen sind auch schlecht.“ Viele der Urlauber, die hier sind, gelten schon als Stammgäste. Reiseführer Simsek sagt, die Stammgäste hätten ohnehin keine Angst. Es gelte, diejenigen zu überzeugen, die die Türkei noch nicht kennen, meint er in fließendem Deutsch. Trotz der schlechten Aussichten will er positiv bleiben: „Nächste Saison wird sich garantiert was ändern. Die, die jetzt in Spanien oder Italien Urlaub machen – die werden die Freundlichkeit der Türken vermissen.“

LN

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