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Politik im Rest der Welt US-Botschaft öffnet die Pforten, aber das Dach bleibt tabu
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22:25 31.10.2013
Die US-Botschaft am Pariser Platz in Berlin von oben: Hinter Sichtblenden im vierten Stock sollen sich Abhöreinrichtungen befinden.
Berlin

Botschafter sind die ersten Vertreter ihres Landes. Und manchmal bedarf es einer Charme-Offensive, um die Stimmung im Gastland aufzuhellen. Das hat in den vergangenen Tagen auch der US-Botschafter in Berlin erkannt. Anders ist es kaum zu verstehen, mit welchem Aufwand die Amerikaner deutsche Sympathien zurückgewinnen wollen. Mehrmals empfing Botschafter John Bellon Emerson gestern die Presse zum Plausch. Jeweils rund 45 Minuten sprach er mit einer Runde von Journalisten, bevor die nächste Gruppe in einen kleinen Raum am Hintereingang geführt wurde.

Print, Radio und Fernsehen stand der Botschafter Rede und Antwort. Stets mit einem Lächeln, bisweilen scherzte er sogar. Doch auf die brennendsten Fragen der vergangenen Tage gab es wieder keine Antwort. Was ist das für ein „Nest“ auf dem Dach der US-Botschaft in Berlin? Wird die Bundeskanzlerin von dort abgehört? Wie sind Agenten der NSA in die Arbeit der Botschaft eingebunden? „Ich kann Ihnen dazu nichts sagen“, so Emerson. „Ich werde die spezifische Struktur dieses Gebäudes nicht kommentieren.“ Er schloss auch aus, dass deutsche Sicherheitsbehörden das Dach der Botschaft untersuchen könnten. So weit wollen die USA bei ihrem Entgegenkommen dann doch nicht gehen.

Emerson präsentierte sich als Kommunikator, der die deutsche Öffentlichkeit wieder für die USA einnehmen möchte. „Wir sind Partner und Freunde“, sagte er. Die US-Regierung habe Aufklärung zugesichert. Der Blick müsse nun nach vorne gerichtet werden. „Freunde können einander von Zeit zu Zeit enttäuschen. Aber in einer echten Freundschaft und einer bedeutenden Partnerschaft arbeitet man dann hart. Man sieht sich die Fakten an, man kämpft sich durch, und man geht weiter. Und hinterher ist man stärker als zuvor.“ Eine Entschuldigung bei den Deutschen hielt Emerson nicht für angebracht. „Ich denke, Taten sagen mehr als Worte.“ Es zählten jetzt die Handlungen, die den Gesprächen zwischen beiden Regierungen folgten. Washington nehme die Bedenken der Deutschen ernst.

Emersons Bemühungen um einen neuen Frühling zwischen Deutschland und den USA werden allerdings durch die jüngsten Enthüllungen in Sachen NSA konterkariert. Recherchen auch der US-Presse zeigen, wie groß der Datenhunger der NSA wirklich ist (siehe rechts). Die Erfolgsaussichten seines Werbens um Zuneigung schätzt Botschafter Emerson deswegen auch realistisch ein. „Es wird ein langer Prozess werden“, sagte er.

Zwischen den Regierungen werde sich das Verhältnis zügig wieder normalisieren. Aber die Öffentlichkeit werde zurückhaltender sein und erst einmal abwarten wollen. „Es wird Zeit brauchen, um auf sie zuzugehen, zu reden und die Menschen wissen zu lassen, dass wir uns wieder auf einem guten Weg befinden.“

Was den eigenen, privaten Umgang mit der Technik angeht, zeigte sich der Multimillionär Emerson — der 59-Jährige war früher einmal Investmentbanker — auskunftsfreudiger. Emerson ist mit Blackberry und iPhone ausgestattet, hat eine E-Mail-Adresse bei Google und ein Konto bei Facebook — das angeblich aber nur, um seine Tochter Jackie im Blick zu behalten, eine Schauspielerin („Die Tribute von Panem“) mit größerer Fan-Gemeinde. Die beiden Handys sollen unverschlüsselt sein.

NSA-Spionage auch bei Google und Yahoo
Der Der US-Geheimdienst NSA greift laut neuen Enthüllungen massenhaft Daten bei den Internet-Riesen Google und Yahoo ab. Die NSA klinke sich in Leitungen zwischen Rechenzentren ein, berichtete die „Washington Post“ unter Berufung auf Papiere des Informanten Edward Snowden. Aus einem geheimen Papier vom Januar dieses Jahres gehe hervor, dass binnen 30 Tagen über 180 Millionen Datensätze aus den Netzen von Google und Yahoo abgegriffen worden seien. Darunter seien Informationen, wer wann E-Mails abgeschickt oder erhalten habe — aber auch Inhalte mit Text, Audio und Video. Auch Konten vieler Amerikaner seien betroffen, berichtete die „Washington Post“. Das könnte zu einer innenpolitischen Bombe werden: Der NSA ist es verboten, US-Bürger zu überwachen.

Kai Kollenberg

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