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Politik im Rest der Welt „Verliert nicht die Hoffnung“
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20:15 16.04.2016
Zuwendung: Besonders für die Jungen, die oft ohne Begleitung flohen, hat Franziskus auf Lesbos ein offenes Ohr. Quelle: Filippo Monteforte

Nach dem Treffen ist vor der Reise: Vor seinem Kurzbesuch in einem Flüchtlings-Hotspot auf der griechischen Ägäis-Insel Lesbos wartet vor dem Frühstücksraum der päpstlichen Residenz noch ein Besucher aus den USA auf Papst Franziskus. Der demokratische Präsidentschafts-Anwärter Bernie Sanders macht dem Pontifex seine Aufwartung. Sanders war zu einer Konferenz über soziale Gerechtigkeit in den Vatikan gereist.

Gerechtigkeit und Mitgefühl sind aber auch für den unkonventionellen Franziskus, einen Argentinier mit italienischem Migrationshintergrund, die Hauptanliegen seines Pontifikats. Insbesondere das Elend der Nahost-Flüchtlinge hat er seit seiner Wahl vor drei Jahren im Blick — eine seiner ersten Reisen führte ihn seinerzeit auf die Insel Lampedusa.

Gestern also Lesbos. Hunderte warten bereits, als der Papst mit dem orthodoxen Patriarchen Bartholomäus und dem Erzbischof von Athen und Griechenland, Hieronimus II., das Aufnahmelager Moira betritt.

Sie empfangen die kirchlichen Würdenträger mit Plakaten. „Hilf uns“, steht darauf, „Du bist unsere Hoffnung“ und „Bitte rette uns“, viele Menschen warten seit Wochen, ob und wie es für sie weitergeht, ob sie abgeschoben werden zurück in die Türkei — oder ob sie doch noch einen Weg nach Europa finden. 250 von ihnen begrüßt Franziskus persönlich, hört beim Essen in einer Container-Kantine viele ihrer Leidensgeschichten an, zeigt Mitleid, Betroffenheit.

Auch als der Papst inmitten der Menschenmenge durch das Lager geht, erlebt er solche Momente immer wieder. Ein Mann bittet ihn laut weinend auf Knien, ihn zu segnen. Eine Frau fleht ihn an, er solle sie mitnehmen. Immer wieder schenken Kinder dem Pontifex Zeichnungen aus ihrem Leben. Unzählige Hände werden geschüttelt — die Frauen unter den Flüchtlingen begrüßt das Kirchenoberhaupt aus Rücksicht auf kulturelle Gepflogenheiten in der islamischen Welt lediglich mit freundlichem Nicken.

Die Kirchenmänner nutzen den Besuch nicht nur für den Kontakt mit verzweifelten Menschen, sondern auch für eine Nachricht an die Weltöffentlichkeit. „Wir sind hergekommen, um die Aufmerksamkeit der Welt auf diese schwere humanitäre Krise zu richten“, sagt der Papst den Bewohnern des Lagers. „Wir hoffen, dass die Welt die Bilder dieser tragischen und verzweifelten Not sieht und auf eine Weise reagiert, die unserer gemeinsamen Menschlichkeit angemessen ist.“

„Verliert nicht die Hoffnung!“ ruft er ihnen anschließend zu. „Ich will euch sagen, dass ihr nicht allein seid.“ Für zwölf syrische Flüchtlinge, die auf Lesbos gestrandet sind, wird der Wunsch nach Rettung wahr: Überraschend nimmt der Pontifex auf der Rückreise drei Flüchtlingsfamilien mit, sechs Erwachsene und sechs Kinder. Sie würden vorerst im Vatikan bleiben, teilte dessen Sprecher Federico Lombardi mit. Die Menschen — allesamt Muslime — stammten zum Teil aus Gebieten, die vom IS besetzt seien.

Das orthodox-katholische Kirchen-Trio zeigte aber auch Anteilnahme mit der einheimischen Bevölkerung, dankte den Griechen, die trotz eigener Beschwernis ihre Herzen und Häuser geöffnet hielten, zeigte Verständnis für Sorge vor zu viel Fremdem. Aber: Der Kontinent müsse jeden, der seinen Fuß auf europäischen Boden setze, spüren lassen, dass er „die Heimat der Menschenrechte“ sei. „Wir sind alle Flüchtlinge“, erklärt Franziskus, als er im Hafen von Mytilene mit seinen Begleitern drei Kränze zum Gedenken an die ertrunkenen Flüchtlinge ins Meer geworfen hat.

 Die geschundene Insel

Kaum eine griechische Insel war in den vergangenen eineinhalb Jahren so stark von der Flüchtlingskrise betroffen wie Lesbos. Zu Höchstzeiten des Flüchtlingszustroms 2015 landeten teilweise täglich mehr als 7000 Menschen an den Ufern der Insel an. An manchen Tagen belief sich die Zahl der Flüchtlinge auf der Insel auf mehr als 20 000 — bei einer Einwohnerzahl von 85 000 Insulanern. Hunderte ertranken bei der Überfahrt in der östlichen Ägäis. Auf Lesbos wusste man deshalb zwischenzeitlich nicht mehr, wohin mit den Toten; die Leichenhalle und das Krankenhaus waren überfüllt. Die drittgrößte griechische Insel war denn auch die erste, die einen „Hotspot“ sowie andere Unterkünfte installierte oder zumindest förderte.

LN

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