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Politik im Rest der Welt Wenn Großstädte krank machen
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23:18 30.08.2013
Autos, Lärm, Trubel: Hektik wie in der Berliner Friedrichstraße prägen das Leben in vielen Großstädten. Quelle: Fotos: dpa

The City never sleeps. Aus diesem Grund zieht es viele in die Großstadt. Aber für manchen, der nach dem Großstadt-Alltag noch tief in der Nacht den Fernseher des Nachbarn hört, bedeutet die Dauerstimulation vor allem eines: Stress. „Vermutlich ist es die Mischung aus sozialer Dichte und sozialer Isolierung, die den Stadtstress ausmacht“, sagt Mazda Adli, Leiter des Forschungsbereiches Affektive Störungen an der Berliner Charité und Chefarzt der Fliedner-Klinik. In Berlin diskutierte jetzt eine Expertenrunde über psychische Gesundheit in der Großstadt.

Adli forscht seit Jahren über das Phänomen, wie sich die Großstadt auf die psychische Gesundheit ihrer Bewohner auswirkt. Durch diverse Studien belegt ist: Stadtmenschen haben ein doppelt so hohes Erkrankungsrisiko für Schizophrenie, für Depressionen liegt es beim 1,4-fachen im Vergleich zu Landbewohnern. „Es gibt sogar ein Dosis-Wirkungsverhältnis: Je größer die Stadt, desto höher das Schizophrenie-Risiko. Damit ist dieser Faktor vergleichbar hoch wie Cannabis-Konsum, der ja ein bekannter Risikofaktor für Schizophrenie ist“, sagt Adli.

Eine Studie aus Mannheim zeigt, dass das Gehirn von Großstädtern bei negativem Stress anders und deutlich empfindlicher reagiert als das von Kleinstädtern oder erst recht von Landbewohnern.

Dennoch: Stadtleben macht nicht zwangsläufig krank, denn genetische und Umwelt-Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Adli glaubt, dass Stress dann gesundheitsrelevant wird, wenn der Einzelne sich nicht nur räumlich eingeengt und zugleich isoliert fühlt, sondern auch das Gefühl hat, seine Umgebung nicht kontrollieren zu können. „Das ist die toxische Mischung.“ Vermutlich deshalb würden beispielsweise Migranten, die in einem sozial schwächeren Viertel zusammen lebten, seltener psychisch krank als solche, die allein in einer besser gestellten Umgebung wohnten.

Prof. Andreas Heinz, Direktor der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, verweist allerdings auf die aktive soziale Ausgrenzung von Einwanderern als dringliches Problem. In London sei die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Migranten aus der Karibik acht Mal so hoch wie bei Einheimischen. „Wenn zu viele gewachsene, soziale Strukturen weggespart werden, reißt das Auffangnetz irgendwann.“ Mit der Gentrifizierung würden nicht nur Alteingesessene verdrängt, sondern auch deren Anlaufstellen wegfallen.

Für Großstädte hieße dies: Jugendzentren, Beratungsstellen und Begegnungsstätten offen halten. Außerdem: Breitere Bürgersteige mit Platz für eine Bank vorm Haus. Plätze, die zum einladenden Treffpunkt werden. Mehr Grünflächen und freie Blickachsen. Mehr Wege zu Fuß. „Jeder Plausch mit den Nachbarn tut gut“, sagt Adli, und Heinz betont: „Ein Park, in dem gegrillt wird, bringt mehr als eine perfekte Grünanlage, in der ,Rasen betreten verboten‘ ist.“

Stadtplaner und Architekten sollten stärker mit Psychiatern zusammenarbeiten, so die Forscher. Unter veränderten Vorzeichen können das pralle Großstadtleben und sein vielfältiges Angebot dann nämlich sogar vor Stress schützen — wenn jeder die Möglichkeit hat, es wahrzunehmen und mitzumachen.

Städte verändern die stressabhängige Emotionsverarbeitung.“Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner-Klinik

LN

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