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„Wir haben zu wenig Regierungswahlkampf gemacht“

Torsten Albig „Wir haben zu wenig Regierungswahlkampf gemacht“

Eigentlich wollte Torsten Albig (SPD) fünf weitere Jahre Ministerpräsident von Schleswig-Holstein bleiben. Doch am Wahlabend war plötzlich Schluss. Die Niederlage hat er mittlerweile überwunden. Nur mit einem persönlichen Fehler hadert er noch. Genauso wie mit der Reaktion einiger Parteifreunde.

Bittere Mienen: Thorsten Albig hatte am 7. Mai die Landtagswahl in Schleswig-Holstein gegen den Herausforderer der CDU mit Abstand verloren. Der Ministerpräsident schied mit 27,7 Prozent der Stimmen aus dem Amt.

Quelle: dpa

Berlin. Torsten Albig war zu seiner als Zeit als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein einer der markantesten Köpfe der SPD. Am 7. Mai 2017 trat er an, um dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz mit einem Sieg bei der Landtagswahl richtig Auftrieb zu geben. Doch daraus wurde nichts. Albigs SPD verlor und landete in der Opposition. Der Sozialdemokrat könnte es nun einem ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten gleich tun und in die Wirtschaft wechseln. Mehr zum Wahlverlust und über seine Planspielen für die Zukunft lesen Sie im Interview des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND).

Herr Albig, Anfang Mai wurden Sie überraschend als Ministerpräsident abgewählt. Haben Sie die Niederlage schon verwunden?

Ja, inzwischen schon. Natürlich tut so eine Niederlage anfangs weh, vor allem wenn die Menschen in der Fußgängerzone einen plötzlich so mitleidig ansehen, als sei eine menschliche Katastrophe passiert. Dabei hat man nur eine demokratische Wahl verloren. Ich bin dankbar dafür, dass ich Schleswig-Holstein fünf Jahre an entscheidender Stelle mitgestalten und meinem Land dienen durfte. Das empfinde ich als großes Privileg.

Was ist das für ein Gefühl, wenn von einem auf den anderen Tag die Macht weg ist?

Der Tag, an dem ich die Macht abgegeben habe, war nicht der schlimmste. Vorher war ich sechs Wochen ja noch amtierender Ministerpräsident. Musste in dieser Zeit viele trösten und mich um die kümmern, die es sich anders gewünscht hatten. Erklären, dass es die Stärke unserer Demokratie ist, dass es Wechsel gibt - auch wenn es einem in dieser Zeit selbst nicht nur leicht fiel, noch fröhliche Reden zu halten.

Sie sind mit 54 Jahren noch jung. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ehemalige Ministerpräsidenten sind nicht ganz leicht vermittelbar (lacht). Viele glauben nicht, dass sich ein ehemaliger Regierungschef noch unterordnen kann. Aber wer eine Regierung geführt hat, weiß auch die Bedeutung der zweiten Reihe zu schätzen. Ich muss nicht immer die Nummer eins sein - ich kann sehr gut in einem Team arbeiten. Zum Beispiel, indem ich als Jurist, Verwaltungsprofi und Generalist die Verantwortung für die Kommunikation oder andere Prozesse eines großen Unternehmens übernehme.

Warum ist Schleswig-Holstein verloren gegangen?

Den einen Grund für unser Ergebnis gibt es nicht. Wir haben sicher unterschätzt, wie sehr unsere Euphorie um Martin Schulz auch das bürgerliche Lager mobilisiert hat. Der mehr nach links ausgerichtete Gerechtigkeitswahlkampf hat uns leider auch Stimmen in der Mitte gekostet. Wir hätten auch viel stärker unsere nachweisbaren Regierungserfolge in den Mittelpunkt stellen müssen. Stärker herausstellen, wie viel besser Schleswig-Holstein durch unsere Politik wurde. Wir haben schlicht zu wenig Regierungswahlkampf gemacht. Aber es gab auch andere strategische Fehleinschätzungen.

Welche?

Wir haben versucht, die „Merkel-Strategie“ auf Schleswig-Holstein zu übersetzen. Heißt: Auf das Duell mit dem Herausforderer auf Augenhöhe lässt sich der Amtsinhaber gar nicht erst ein. Deshalb bin nicht ich als Ministerpräsident zu den Diskussionen mit Daniel Günther von der CDU gegangen, sondern Ralf Stegner als SPD-Parteichef. Das war - rückblickend betrachtet - ganz sicher mein entscheidender Fehler.

War Ralf Stegner für Sie kein verlässlicher Partner?

Doch. Ich habe ihn als professionell und loyal kennengelernt. Sehr verlässlich und kampfstark. Die Rollenteilung zwischen uns hat während der Legislaturperiode ausgesprochen gut funktioniert. Aber im Wahlkampf war die Arbeitsteilung für die Menschen verwirrend. Ich hätte stärker in den Innenfight mit Günther gehen sollen. Aber wenn man aus dem Rathaus kommt, ist man immer schlauer.

Kurz vor der Wahl haben Sie in einem Interview mit der Bunten über Ihre Frau gesprochen, von der Sie seit Anfang 2016 getrennt leben. Sie begründeten die Trennung mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten in Ihrer beider Leben und damit, dass Sie sich kaum noch auf Augenhöhe begegnet seien. Der Satz brachte Ihnen Macho-Vorwürfe ein und wird von vielen als Hauptgrund für Ihre Wahlniederlage gesehen. Zu Recht?

Nein. Der Satz war kommunikativ ein Fehler. Das Wort „Augenhöhe“ ist extrem missverständlich. Eigentlich hatte ich ausdrücken wollen, dass meine Frau und ich uns aus den Augen verloren hatten. So haben wir beide es auch verstanden. Deswegen hatte meine Frau, die das Interview natürlich vorher gesehen und freigegeben hatte, auch keine Bedenken gegen das Wort. Aber gerade ich als ehemaliger Pressesprecher hätte erkennen müssen, dass man es fast missverstehen musste. Dass mir das durchgegangen ist, ärgert mich bis heute. Aber die Interpretation, dass ein Halbsatz die Wahl entschieden hätte, halte ich für töricht.

Die damalige SPD-Generalsekretärin Katarina Barley sagte dagegen, am Ende sei nur noch über das Privatleben des Ministerpräsidenten geredet worden.

Das war für viele die bequemste Deutung. Aber wenn die Menschen mir persönlich den Satz so übel genommen hätten, hätte sich das doch irgendwie in meinem Erststimmen-Ergebnis niederschlagen müssen. Hat es aber nicht.

Waren Sie enttäuscht über die Reaktionen aus der Partei?

Ich halte viel von dem Grundsatz „Wir gewinnen gemeinsam und wir verlieren gemeinsam“. Das war hier nach der Niederlage, milde formuliert, nur zurückhaltend spürbar. Solidarität brauchst du nicht, wenn es dir gut geht. Die brauchst du, wenn du am Boden liegst. Dass ich auch Fehler gemacht hatte, wusste ich selber. Es hat mich deshalb schon enttäuscht, dass am Wahlabend Spitzenvertreter meiner Partei es sich mit der Ursachenanalyse doch sehr einfach machten und so taten, als läge es nur an einem Einzelnen und dessen Fehler.

Aus der Parteispitze kam nichts?

Doch. Olaf Scholz war in den Tagen und Wochen danach sehr zugewandt und freundschaftlich. Das tat sehr gut. Auch Malu Dreyer. Aber besonders überrascht und gefreut haben mich freundliche, aufbauende Briefe von anderen – wie Horst Seehofer, Annegret Kramp-Karrenbauer, Volker Bouffier oder Norbert Lammert. Die gehören alle nicht gerade zum engeren Führungskreis meiner Partei. Und trotzdem war es ihnen wichtig, mir ein gutes Wort zu schenken.

Mancher in der SPD schiebt Ihnen die Verantwortung für das Ende des Schulz-Hypes zu?

Ich glaube, dass die Bedeutung des kleinen Schleswig-Holstein und seines Ministerpräsidenten da doch etwas überschätzt wird (lacht).

Welche Fehler hat Schulz gemacht?

Ich kann keine gravierenden Fehler erkennen. Leider bestätigt sich meine Analyse von 2015. Es ist unglaublich schwer, gegen eine Politikerin vom Typus Angela Merkel erfolgreich Wahlkampf zu machen. Die Frau strömt eine unendliche Langeweile aus, und das kommt bei den Deutschen leider gut an. Jede Energie, die man in die Auseinandersetzung mit ihr gibt, wird aufgesogen wie von einem großen schwarzen Loch.

Wie macht sie das?

Sie entpolitisiert Politik. Sie gibt den Menschen das beruhigende Gefühl einer allumsorgenden Bürokratie. Sie wiegt uns in einen trägen, wohligen Schlaf. Aus schwer fassbaren Gründen mögen viele Deutsche das. Die Union ist durchaus besiegbar, Merkels potenzielle Nachfolger sind es auch. Gegen sie ist es leider sehr schwer - aber wenn es einer schafft, dann Martin Schulz. Mit ihm haben wir den bestmöglichen Kandidaten, dem ich allen Erfolg in diesem Kampf wünsche.

Also drohen Ihrer Partei bestenfalls vier weitere Jahre Große Koalition?

Wir wollen als älteste und stolzeste Partei Deutschlands immer und auf allen Ebenen Regierungen führen. Das muss unser Ziel bei jeder Wahl sein. Aber ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich einen Ausschluss einer Großen Koalition, die wir leider nicht führen, für falsch hielte. Meine Partei steht für eine Politik, die das Leben der Menschen besser macht. Und diese Politik will ich in der Regierung sehen – nicht in der Opposition. Ich glaube auch nicht an die These, dass sich die SPD in der Opposition erneuert. In 16 Jahren unter einem Kanzler Kohl ist das auch nicht passiert.

Das Kanzleramt kann die SPD auf Dauer abschreiben?

Nein. Warten wir den 24. September ab. Vielleicht gelingt es uns doch, dort an die Stelle müder Bürokratie wieder packende Politik zu setzen. Und in der Zeit nach Angela Merkel werden die Karten in jedem Fall neu gemischt. Wir müssen uns zudem wegen der sich verändernden, sich stärker zersplitternden Parteienlandschaft auch an neue Koalitionen und Regierungsformen gewöhnen.

Zum Beispiel?

In Dänemark sind Minderheitsregierungen geübte Praxis. Das Land verfällt deshalb nicht in Anarchie. Für die SPD wäre das auch eine Chance, nicht immer gleich in die Kompromissfalle von Koalitionsverträgen zu laufen.

Von Gordon Repinski/Andreas Niesmann/RND

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