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Abflug in eine neue Zukunft

Lübeck Abflug in eine neue Zukunft

Die Hobbyflieger vom Lübecker Verein für Luftfahrt sahen Investoren kommen und gehen – eins bleibt: die Freude am Fliegen.

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Stefan Bierfreund holt die Piper „Archer 3“ des Lübecker Vereins für Luftfahrt aus dem Hangar auf dem Flughafen, um sie startklar zu machen.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler (2), Marcus Stöcklin (2)

Lübeck. . Stefan Bierfreund (58) öffnet den Rundhangar, schiebt die kleine, weißblaue Piper „Archer 3“ des „Lübecker Vereins für Luftfahrt“ heraus. Nicht ganz leicht, das Ding wiegt 1,2 Tonnen. „Aber geht“, schnauft der Hobbypilot. Er prüft das Öl, guckt in die Tanks, die sich in den Tragflächen befinden. Dann nimmt er eine Treibstoffprobe. „Darf kein Wasser drin sein.“ Er nimmt sein Handy, checkt die Wolkenhöhe, prüft dann die Ruder. „So“, freut sich Bierfreund. „Kann losgehen.“

Ungezählte Male ist der erfahrene Pilot schon abgehoben von der Rollbahn des Lübecker Airports. Hier hat er 1993 seinen Flugschein gemacht, hier hat er mit inzwischen vier Betreibern Höhen und Tiefen erlebt. Jetzt soll der Lübecker Unternehmer Winfried Stöcker den Flughafen übernehmen. „Da besteht die Chance, dass sich in Zukunft ein paar Dinge ändern“, hofft Bierfreund.

Zum Beispiel habe der chinesische Investor Pu Ren, der den Flughafen 2014 für ein Jahr übernahm, mit dem Aufbau einer eigenen Werft begonnen. „Es wäre toll, die Maschinen hier warten zu können“, sagt der Vereinsvorsitzende. „Das würde dem Platz einen höheren Stellenwert geben.“ Eine der Vereinsmaschinen musste jetzt in Itzehoe überholt werden. „Das ist aufwendig und kostet Geld.“

Außerdem würde der Verein für Luftfahrt gerne wieder Flugtage abhalten. „Die gab es in den 90ern“, erinnert sich der Clubvorsitzende. „Nach den Terroranschlägen auf die USA 2001 sind die Sicherheitsbestimmungen so verschärft worden, dass es lange nicht ging“, so Bierfreund. „Außerdem sollte der Linien-Flugbetrieb von Ryan Air nicht gestört werden.“

Flugtage seien aber wichtig, um der Öffentlichkeit das Hobby näherzubringen. „Wir haben heute Nachwuchsprobleme“, sagt der Vorsitzende des 60 Mitglieder starken Vereins. Ein Grund: „Fliegen ist nicht ganz billig.“ Die beiden Flugzeuge des Vereins, zwei viersitzige Pipers, brauchen 38 Liter Avgas pro Flugstunden. „Avgas ist ist ein Treibstoff, der eine höhere Oktanzahl als Super hat.“ Der Liter koste an der Tankstelle auf dem Flughafen derzeit 2,80 Euro. Gerade jungen Leuten sei das oft zuviel, überlegt der Pilot. „Und Leute, die genug Geld haben, haben oft zu wenig Zeit.“

Dabei sei Fliegen ein Traum, den man wahr werden lassen könne, sagt der studierte Physiklehrer, der heute als IT-Projektleiter arbeitet.

Er klettert über die Tragfläche in das Cockpit, startet den 180-PS-Motor und lässt ihn warmlaufen. Er setzt Kopfhörer auf, fährt zum Rollfeld, beschleunigt und hebt bei 68 Knoten ab. „Das sind etwa 120 Stundenkilometer“, teilt er seinem Mitflieger über die Bordsprechanlage mit. Der Flughafen und die daneben verlaufende Autobahn 20 liegen plötzlich klein und ordentlich wie bei einer Modelleisenbahn unter Bierfreund. Er umfliegt eine dunkle Regenwolke, nickt zum Fenster hin: Links liegt der Hochschulstadtteil, rechts die Lübecker Altstadt. Deutlich ist die Marienkirche zu erkennen, mitten im Zentrum der Altstadtinsel.

Alles da unten, auch der Flughafen mit seinen Existenzsorgen, schrumpft, wird klein und überschaubar.

Doch dann geht es zurück, Bierfreund setzt zur Landung an. Die Lübecker Rollbahn sei mit 60 Metern eine der breitesten in Deutschland, sagt er. „Selbst der Frankfurter Flughafen hat nur eine mit 45 Metern.“ Was mit der militärischen Nutzung des Lübecker Flugfeldes im Zweiten Weltkrieg zusammenhänge. „Später startete von hier die Luftbrücke nach Berlin.“

Bis heute berührt den Lübecker Airport gelegentlich der Hauch der Geschichte: Minister landen hier, Staatsoberhäupter. Die Rolling Stones waren da, David Bowie. „Und da hinten“, Bierfreund weist auf eine Gruppe Tannen, „da ist 1987 Uwe Barschel abgestürzt.“ Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident, der Monate später tot in einer Badewanne gefunden wurde, war damals der einzige Überlebende des Unglücks.

Fliegen kann auch gefährlich sein. Aber nicht, wenn man alles richtig macht, glaubt Stefan Bierfreund, den die Leidenschaft im reifen Alter packte. „Wie das Fliegen physikalisch funktioniert, wusste ich nach meinem Studium. Da hat es mich einfach gereizt, es in der Praxis auszuprobieren.“

Bierfreund erinnert sich noch gut an seinen ersten Flug. „Der Fluglehrer sitzt ja neben einem und kann jederzeit eingreifen.“ Es war ein tolles Gefühl, abzuheben. Doch dann kam die Angst vor der Landung. „Man weiß, dass man wieder runter muss.“ Gott sei Dank klappte auch das. „Man macht einfach, was man gelernt hat – synchron mit dem Fluglehrer. Und irgendwann sagt er zu dir: ,Du, das warst du jetzt alleine.’ Da ist man dann schon stolz.“

Der Lübecker Verein für Luftfahrt wurde 1908 gegründet, er begann mit einem Freiballon. Der Verein betreibt seit Jahrzehnten eine Flugschule.

Der Aero Club von Lübeck betrieb mit dem Lübecker Verein für Luftfahrt in den 50ern und 60ern den Flughafen. Dann gründete die Stadt eine Betreibergesellschaft.

Die Segelflieger haben bis heute Halle und Vereinsheim auf dem Flugplatz. Derzeit fliegen sie ab Wahlstedt (Kreis Segeberg), was sich mit dem neuen Betreiber ebenfalls wieder ändern könnte.

Der Lübecker Flughafen wurde 1917 eingeweiht. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Flughafen erneut militärisch genutzt. 1948, nach Beginn der sowjetischen Berlin-Blockade, baute die Royal Air Force eine Luftbrücke von Lübeck nach Berlin auf. Ein neues Ankunftsterminal wurde 1997 errichtet.

Die irische Fluggesellschaft Ryan Air flog ab 2000 zunächst nach London. 2005 verkaufte die Stadt die meisten Anteile am Airport an den neuseeländischen Investor Infratil. Ryanair wollte einen Ausbau des Flughafens, der aber scheiterte. 2009 zog sich Infratil zurück. 2013 übernahm der Ägypter Mohamad Rady Amar, 2014 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Die in Hongkong ansässige Pu Ren-Gruppe übernahm, beantragte aber 2015 ebenfalls die Insolvenz. 2016 stellte Wizzair seine Flüge ab Lübeck ein. Der Unternehmer Winfried Stöcker (Euroimmun) möchte nun einsteigen.

Der Weg zum Piloten

Das Mindestalter für den Beginn der Ausbildung zum Motor-Fllieger ist 16 Jahre. Sie beinhaltet mindestens 40 Flugstunden und 80 Stunden Theorie. In Lübeck rechnet man dafür etwa ein Jahr. Es gibt auch Flugschulen, die eine Lizenz in wenigen Wochen anbieten. Die Kosten liegen je nach Schule etwa zwischen 6000 und 12000 Euro. Eine Flugstunde gibt es ab etwa 200 Euro.

LN-online.de/Flughafen

Eine Themenseite auf LN Online informiert umfassend über den Lübecker Flughafen. Hier finden Sie alle LN-Artikel mit Nachrichten, Videos, Hintergründen und Analysen.

Interaktiver Zeitstrahl: Reisen Sie durch die Geschichte des Airports! Unsere Chronik startet mit den Lübecker Fluganfängen Anfang des 20. Jahrhunderts.

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Marcus Stöcklin

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