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Seite Drei Als Lübeck seine Raubkunst zurückgab
Nachrichten Seite Drei Als Lübeck seine Raubkunst zurückgab
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23:26 04.11.2013
Hing bis vor neun Jahren im Behnhaus/Drägerhaus: der Lübecker Markt von 1870, gemalt von dem Niederländer Cornelis Springer.

Im Januar 2003 rief der Rechtsanwalt Alfred Noll aus Wien bei der Hansestadt Lübeck an. Er vertrat die Erben von Viktor Ephrussi (1860-1945). Der Bankier war nach dem Anschluss Österreichs 1938 von den Nazis ausgeraubt worden. Ephrussi konnte nichts retten als sein Leben. Er floh nach London, wo er kurz vor Kriegsende starb. Seine Bank, sein Palais und seine beachtliche Kunstsammlung, das alles hatten sich die Nazis unter den Nagel gerissen. Die Bilder landeten zum Teil in Wiener Museen, zum Teil aber auch anderswo in Österreich und Deutschland. Eines davon hing im Lübecker Behnhaus/Drägerhaus.

Es handelte sich um das Bild „Lübecker Markt“ aus dem Jahr 1870 von Cornelis Springer (1817-1891), das prominent im Treppenaufgang hing und als eine der schönsten alten Stadtansichten galt. Anders als die Bilder, die die Nazis als „entartet“ einstuften, war der „Lübecker Markt“ für die Nationalsozialisten unbedenklich. Also machten sie es nicht zu Geld, sondern stellten es zur öffentlichen Verfügung.

Wie es genau nach Lübeck gekommen war, wusste niemand mehr. Es gab keine Rechnung und keine Schenkungsurkunde, nur eine Speditionsquittung aus dem Jahr 1939. Aber dass es aus der geraubten Sammlung stammte, darüber gab es keinen Zweifel. Die Wiener Kunsthistorikerin, die den Fall aufgespürt hatte, sagte, es sei wahrscheinlich, dass Lübeck nichts für das Bild bezahlt habe.

Die Hansestadt Lübeck ließ sich nicht lange bitten und sagte zu, das Bild den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben. Rechtsanwalt Noll, der mit den Besitzern von Raubkunst auch schon andere Erfahrungen gemacht hatte, war davon sehr angetan: „Würden die österreichischen Behörden so freundlich, höflich und um die Sache bemüht sein wie die in Lübeck, hätte ich hier ein feines Leben“, sagte er den LN. Auch von den Bürgern Lübecks stellte niemand in Frage, dass das Gemälde nicht der Stadt gehöre. Im Sommer 2004 bildete sich eine Initiative, um das Geld für einen Rückkauf aufzubringen.

Zunächst sah es dafür auch gar nicht schlecht aus. Maximal 150 000 Euro, schätzten Experten, werde das Bild kosten. Aber als es im November 2004 beim Auktionshaus Sotheby‘s in London versteigert wurde, zerschlugen sich alle Hoffnungen: Zwei anonyme Bieter schaukelten sich gegenseitig hoch, bis der „Lübecker Markt“ für 450 000 Euro verkauft wurde.

kab

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