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Seite Drei Angela Merkel überholt Helmut Schmidt
Nachrichten Seite Drei Angela Merkel überholt Helmut Schmidt
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23:17 07.04.2014
Helmut Schmidt (*23. Dezember 1918, Hamburg) wird als Hamburger Innensenator 1962 beim Kampf gegen die Sturmflut bekannt. Nach Willy Brandts Rücktritt wird er 1974 Bundeskanzler, 1982 stürzt ihn Helmut Kohl durch konstruktives Misstrauensvotum. Er ist Mitherausgeber der „Zeit“ und seit 1998 Ehrenbürger Schleswig-Holsteins. Angela Merkel (*17. Juli 1954, Hamburg) wächst in der DDR auf. Nach dem Mauerfall wird sie 1990 Vize-Regierungssprecherin der DDR. Sie tritt in die CDU ein. 1991 beruft Helmut
Berlin

Das Porträt von Helmut Schmidt hängt an fünfter Stelle an einer Steinwand im Kanzleramt. Der Maler Bernhard Heisig zeigt ihn in typischer Pose: Arm aufgestützt, Zigarette in der Hand. Zu seiner Rechten die Kanzler vor ihm: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt. Zur Linken seine Nachfolger Kohl und Schröder. Für Nummer acht in der Riege der Bundeskanzler gibt es noch kein Gemälde. Angela Merkel regiert noch.

Merkel überholt Schmidt

Am 10. April ist sie länger als Schmidt im Amt und damit länger als alle drei SPD-Kanzler. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Schmidt vor ein paar Jahrzehnten einmal von sich gegeben. Er spielte damals aber nicht auf politische Ziele, sondern auf Halluzinationen an. Man darf annehmen, dass Merkel nicht in Schmidts Sinne zum Doktor muss. Darin ähneln sie sich: norddeutsch nüchtern, pragmatisch, krisenfest. Für Merkel erfüllte sich aber eine Vision, die sie selbst nie hatte.

Nicht im Traum hätte die Physikerin in der DDR daran gedacht, dass sie einmal Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland sein würde. Wie Schmidt ist sie in Hamburg geboren, aber aufgewachsen in Brandenburg. Als er 1974 Kanzler wurde, war sie gerade 20 Jahre alt und studierte in Leipzig Physik. Während Schmidt über den Nato- Doppelbeschluss verhandelte, schrieb Merkel an ihrer Diplomarbeit über bimolekulare Elementarreaktionen. Erst nach dem Mauerfall ging Merkel in die Politik. Und nun ist sie seit mehr als acht Jahren und vier Monaten in der dritten Legislaturperiode Bundeskanzlerin.

Merkel ist heute 59, Schmidt ist 95 Jahre alt. Er wurde am 1. Oktober 1982 von dem CDU-Politiker Helmut Kohl mit einem Misstrauensvotum gestürzt. Merkel ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Dass sie sich schon im nächsten Jahr aus dem Amt zurückzieht, wie ein Journalist vor einem Jahr schrieb, gilt als ausgeschlossen.

CSU-Chef Horst Seehofer geht sogar von einer vierten Kanzler-Kandidatur Merkels 2017 aus. Er findet, dass sie mit jetzt acht Jahren erst die Hälfte ihrer Amtszeit hinter sich habe. 16 Jahre Kanzlerschaft, das hat in der Bundesrepublik bisher nur Kohl vollbracht, der zwei Jahre länger regierte als Konrad Adenauer. Nur diese beiden hat Merkel nun noch vor sich.

Was sie plant, verrät sie nicht. Ihr Privatleben schottet Merkel ab. Keine Homestorys, selten Auftritte mit Ehemann Joachim Sauer, dem Chemieprofessor, keine Äußerungen über ihre Mutter oder ihre beiden Geschwister, nach außen keine Gefühle, keine Witze. Dabei ist Merkel schlagfertig und selbstironisch.

Im Wahlkampf 2013 lockerte sie diese Abriegelung etwas. Seit einer Veranstaltung der „Brigitte“ weiß man von Merkels „kamelartigen Fähigkeiten“, die sie in die Lage versetzen, EU-Gipfel nächtelang auch ohne Schlaf durchzuziehen. Man erfuhr auch, dass sie an Männern schöne Augen mag und Frauen in der Politik nicht immer nett zueinander sind.

Für die Partei läuft es seit langem gut mit Merkel. Unter ihr hat sich die CDU weit in die Mitte bewegt und damit bei der Bundestagswahl 41,5 Prozent der Stimmen gewonnen. Die CDU werde aber immer beliebiger und verliere an konservativem Profil, beklagen ihre wenigen Kritiker in der Partei.

Merkel hat es allen gezeigt. Den Männern in ihrer Partei: Kohl, Koch, Merz, Wulff. Den US-Präsidenten Bush und Obama. Und irgendwie auch Putin, der wegen seiner Annexion der Krim aus dem Kreis der G8 geworfen wurde.

Sie steckt Schlappen wie die gegen ihren Willen 2012 von der FDP durchgesetzte Nominierung Joachim Gaucks zum Bundespräsidenten weg. Sie lässt Härte walten wie bei der Entlassung von Umweltminister Norbert Röttgen und sie meistert Krisen — als Generalsekretärin in der CDU-Spendenaffäre oder als Kanzlerin in der globalen Finanzmisere. Das trug ihr den Ruf ein, eiskalt sein zu können.

„Unter Nervenschwäche leidet sie jedenfalls nicht“, sagt ein Politiker, der Merkel seit 2005 nahe ist. Er verweist darauf, dass die SPD nach ihrer ersten Koalition mit Merkel auf 23 Prozent abstürzte und die FDP nach vier Jahren Schwarz- Gelb aus dem Bundestag flog. Er ist gespannt darauf, wie es SPD-Chef Sigmar Gabriel 2017 ergehen wird.

Kristina Dunz

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