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Seite Drei Auf der Flucht
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11:05 25.06.2013
Von Stefan Koch
Seinen Häschern entflohen: Edward Snowden. Quelle: Fotos: dpa, AFP
Washington

Moskaus Diplomaten lieben die Ironie. Gegenüber einem russischen Journalisten sagte ein Kreml-Sprecher gestern Morgen: „Alles wurde getan, damit Snowden eine friedliche und geruhsame Nacht im flughafeneigenen Hotel verbringen konnte.“ Im Übrigen lägen gegen ihn in Russland keine Haftgründe vor. Einer zügigen Weiterreise nach Kuba stehe nichts im Wege.

Edward Snowdens Flucht hält die halbe Welt in Atem. Der Techniker, der den USA einen Skandal nach dem anderen beschert, scheint mit seiner Reiseroute der Öffentlichkeit auch gleich eine Lehrstunde in internationalen Beziehungen zu geben. Jedenfalls traten die Frontstellungen auf dem diplomatischen Parkett in den letzten 48 Stunden deutlicher zutage als auf so mancher UN-Sitzung.

Was für eine erstaunliche Karriere: Der 30-Jährige absolvierte keine Universität, auch gelang ihm der High-School-Abschluss nicht auf dem üblichen Weg. Bei der Firma, die ihm später den Zugang zu den hochbrisanten Informationen gewährte, heuerte er zunächst als Wachmann an. Aber er scheint genau im Blick zu haben, wer in der Staatenwelt mit wem noch eine Rechnung offen hat.

Enthüllte Überwachungsprogramme

Und er musste schnell reagieren, als Ende vergangener Woche das US-Justizministerium einen Haftbefehl wegen Diebstahls und Geheimnisverrats erließ und seinen Reisepass für ungültig erklärte. Sein Hotel-Versteck in Hongkong war nicht mehr sicher. Aber Peking hatte wenig Interesse an einer Festnahme. Warum auch? Snowden lieferte in den vergangenen Wochen all die Informationen, die der chinesischen Administration in die Hände spielen. China muss sich nun von Washington nicht länger vorhalten lassen, US-Wissenschaftszentren und Privatunternehmen auszuspionieren. Was seien seine „kleinen“ Aktivitäten schon im Vergleich zu dem gigantischen Spionageapparat der National Security Agency (NSA)? Mehr noch: Mittlerweile muss Peking sogar davon ausgehen, dass auch chinesische Mobilfunknachrichten und Datenleitungen der renommierten Tsinghua-Universität betroffen sind, ebenso die Pacnet-Glasfasernetze in Süd-Ost-Asien. Die staatseigenen Medien dürfen die USA mittlerweile als „Schurken“ beschimpfen, ohne dass die Zensurabteilungen einschreiten.

Snowden erscheint der chinesische Regierung daher als nützlicher Helfer, aber sie will sich seinetwegen keinen größeren Ärger mit den USA einhandeln. Beide Länder sind in ihren Handelsbeziehungen aufeinander angewiesen. China dient als verlängerte Werkbank der US-Volkswirtschaft und zugleich als wichtige Stütze der Finanzwelt. Nur so lässt es sich wohl verstehen, dass Snowden am Wochenende in aller Eile seinen Koffer packte und das Angebot Russlands dankbar annahm, direkt nach Moskau weiterzureisen. Für die ehemalige Supermacht ist es offensichtlich eine Genugtuung, dem alten Rivalen in die Quere zu kommen. Allerdings geht es in der Spionageaffäre nicht nur um Empfindlichkeiten. Immerhin lieferte Snowden Erkenntnisse, wonach Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew vor vier Jahren beim G20-Gipfel in London von den Briten abgehört worden sein soll.

Und beim Thema Auslieferungen werden in Moskau ohnehin ganz andere Erinnerungen wach: Der russische Waffenhändler Wiktor But, dem engste Beziehungen in den Kreml nachgesagt werden, wurde vergangenes Jahr im Bundesstaat New York zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Moskau hatte sich über Monate hinweg in höchsten Kreisen für den Mann eingesetzt, der im Westen als „Händler des Todes“ bezeichnet wurde, da er diverse Kriegsparteien ausgerüstet haben soll. Mit Blick auf Snowden spricht mancher in Moskau daher von einer „Revanche“.

Dennoch bleiben viele Fragen offen. Offenbar hat sich Snowden gestern im Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo aufgehalten. Bisher hat sich aber niemand zu Wort gemeldet, der ihn dort auch gesehen hat. Zunächst soll er auf einen Flug von Moskau nach Havanna gebucht worden sein, ging jedoch nicht an Bord. Und Julian Assange, Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks und selbst auf der Flucht vor den US-Behörden, sagte, er kenne den Aufenthaltsort des Flüchtenden. Außerdem werde Snowden eventuell in mehreren Ländern Asyl beantragen. Das Rätselraten geht weiter.

Edward Snowden — Verräter oder Patriot?
Edward Joseph Snowden kam am 21. Juni 1983 in Elizabeth City, North Carolina, zur Welt. Nach dem Abbruch seines Studiums der Informatik war er ab 2005 technischer Mitarbeiter der US-Geheimdienste CIA und NSA, danach Systemadministrator bei Booz Allen Hamilton, einer Firma, die die US-Geheimdienste berät.
Im Mai 2013 gab er geheime Unterlagen über Abhörpraktiken des amerikanischen und des britischen Geheimdienstes weiter. Im Einzelnen:
Prism (deutsch Prisma): Ein weiteres Programm des US-Geheimdienstes NSA, der gängige Netzwerke wie Google oder Facebook abschöpft.
Tempora: Ein gigantisches Programm des britischen Geheimdienstes Government Communications Headquarters (GCHQ), der Glasfaserkabel anzapft und Daten hortet.
Außerdem berichtete Snowden, die NSA habe chinesische Mobilfunknachrichten und wichtige Datenübertragungsleitungen an der Tsinghua-Universität in Peking ausspioniert.

Stefan Koch

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