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Auf einen Apfelkuchen mit „Sir Vival“

Rausdorf Auf einen Apfelkuchen mit „Sir Vival“

Rüdiger Nehberg wird heute 80 Jahre alt. Seit dem Verkauf seiner Konditorei 1990 backt er nicht mehr. Für die LN macht er eine Ausnahme.

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Mit einem Löffel gibt Rüdiger Nehberg die Mischung über die Äpfel.

Rausdorf. Fröhlich winkt Rüdiger Nehberg aus dem Fenster und weist den Besuchern den Weg ums Haus. In der Küche im ersten Stock seiner umgebauten Mühle in Rausdorf (Kreis Stormarn) ist bereits alles vorbereitet. Die Äpfel sind geschnitten, der Hartweizengrieß, das Mehl und der Zucker vermischt. Mit einem Löffel streut Nehberg die weiße Mixtur über das Obst, das er in eine Springform gelegt hat. Dann haut er die rechteckige Backform ein paar Mal kräftig auf die Anrichte, um die Mischung gut zu verteilen, und schüttelt dabei den Kopf. „In der Konditormeisterprüfung wäre ich damit durchgefallen“, sagt Nehberg. Denn der Apfelkuchen seiner Schwester Ingeborg kommt ohne das Anrühren eines Teigs aus. „Ich hätte nie gedacht, dass das funktioniert.“

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Mit einem Löffel gibt Rüdiger Nehberg die Mischung über die Äpfel.

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Vor einem Jahr hat der Abenteurer den Apfelkuchen das erste Mal gegessen — und war begeistert. Für dieses Rezept stellt sich der Bäcker- und Konditormeister ausnahmsweise sogar wieder in die Küche. „Ich habe 40 Jahre gebacken“, sagt er. „Das ist Vergangenheit.“ Um die Verpflegung im Hause Nehberg kümmert sich seine Frau. „Annette ist eine sehr gute Konditorin.“ Einen Kuchen zu seinem 80. Geburtstag wird die 55-Jährige ihm morgen allerdings nicht backen. Dafür reicht die Zeit nicht. Anlässlich seines Ehrentags gibt es am Montag einen Empfang im Hamburger Rathaus. Einen Wunsch zu seinem 80. Geburtstag hat Nehberg nicht. „Ich bekomme so viel positive Energie durch die Arbeit für meine Organisation.“

Die Apfeltorte ist inzwischen im Backofen. Eine pinkfarbene Eieruhr stoppt die Zeit. Nehberg hat sich gesetzt, aber nur kurz. Immer wieder springt der 79-Jährige auf, um seine Erzählungen mit Vorführungen zu veranschaulichen. Im Stehen zeigt „Sir Vival“, wie er bei den Kampfschwimmern in Eckernförde trainiert hat und an Händen und Füßen gefesselt ins Wasser geworfen wurde. „Ich habe alles falsch gemacht und bin abgesoffen“, erinnert sich Nehberg und lacht. Mit Hilfe der erfahrenen Profis besiegte er seine Angst vor dem Wasser. Denn auch der Überlebenskünstler kennt solche Gefühle.

„Man muss die Angst in gesunde Bahnen lenken“, erklärt der Rausdorfer. Das hat er geschafft — wie seine spektakulären Aktionen belegen: 1972 gelingt ihm die Erstbefahrung des Blauen Nils in Äthiopien, 1981 wandert er 1000 Kilometer ohne Geld und Nahrung von Hamburg nach Oberstdorf. Auf der Tour ernährt er sich fast nur von Heuschrecken. „Die schmecken wie Nüsse.“ 2003 lässt er sich von einem Hubschrauber per Seil im brasilianischen Regenwald absetzen.

Schon als kleiner Junge war der gebürtige Bielefelder unternehmungslustig. Ganz allein machte er sich mit vier Jahren auf den Weg zu seiner Oma, allerdings verirrte er sich in der Stadt — da übernachtete er einfach in einem Rhododendronbusch. Mit 17 Jahren fuhr Nehberg auf einem selbstgebastelten Fahrrad nach Marokko. „Ich wollte alles über Schlangenbeschwörung lernen.“ Als Konditorgeselle in Hamburg fasste er den Plan, im Hansa-Theater als Schlangenbeschwörer aufzutreten, um sich schneller das Geld für seine Selbstständigkeit zu verdienen. „Das war die Voraussetzung für meinen Vater“, sagt Nehberg. „Der wollte, dass ich Banker werde, aber ich kann nicht still sitzen.“ Auch mit fast 80 und trotz eines künstlichen Knies gelingt ihm das kaum. Ein kurzer Blick auf den Kuchen, dann eilt Nehberg zurück an den Tisch. In Bewegung bleibt er dennoch — zumindest seine Hände. Sie fuchteln wild oder spielen mit dem Tischunterleger. Zwölf Kobras bestellte er damals in Kalkutta. Als sie kamen, war das Terrarium noch nicht fertig. Kurzerhand quartierte Nehberg die Tiere in einem leeren Aquarium ein. Am Morgen fehlte eine Kobra. „Ich rief beim Landesjagdverband an, weil Rauhaarteckel eine sehr gute Nase haben.“ Der Jäger wies ihn sogleich darauf hin, dass sein Dackel „Alexander von Humboldt“ teuer sei. „Ich dachte mir, lieber 5000 Mark als eine tote Ehefrau.“ Mit Erfolg: Dackel und Frau überlebten, die Schlange wurde in einem Topf gefangen.

Das Hansa-Theater wollte seine Show aber nicht zeigen. „Die Kobras sind dann nach und nach gestorben“, erzählt „Sir Vival“. „Sie haben nicht so eine Lebenserwartung wie ich“, fügt er an und grinst dabei wie ein kleiner Junge.

Dass er morgen seinen 80. Geburtstag feiert, hat Nehberg aber auch seinem großen Schutzengel zu verdanken. Bei einer weiteren Fahrt auf dem Blauen Nil 1975 wurde sein Kameramann Michael Teichmann erschossen. „Davon träume ich noch heute.“ Rückblickend war das die schlimmste Expedition seines Lebens. Anfangs trieb ihn die Neugier auf die Welt an. Als er im brasilianischen Regenwald sah, wie die Yanomami-Indianer ausgerottet wurden, begann sein Einsatz für ihre Rettung. Der Abenteurer wurde zum Aktivisten für Menschenrechte. Im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung und der Gründung seiner Menschenrechtsorganisation Target (englisch „Ziel“) fand er seine Erfüllung. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens.“

Das Buch Wüstenblume hatte ihn auf das Thema aufmerksam gemacht. Eine von Target 2006 initiierte Konferenz in Kairo brachte einen ersten großen Erfolg. Die hochrangigen islamischen Gelehrten ächteten die Mädchenverstümmelung. Als nächstes will er mit den Muftis von Mekka (Saudi-Arabien) sprechen. „Ich bin unter Druck“, sagt Nehberg angesichts seines Alters. So viel will der Menschenrechtler noch erreichen. Für lange Märsche oder Urwaldexpeditionen fehlt ihm inzwischen zwar die Kraft, aber allein mit seinen Worten reißt er alle mit. Der fast 80-jährige Abenteurer sprüht nur so vor Energie.

Kurz bevor die Uhr läutet, springt er auf und holt den Kuchen aus dem Ofen. Ein süßlicher Duft erfüllt den Raum. Er verspricht nicht zu viel. Der Kuchen schmeckt köstlich.

Ingeborgs Apfeltorte (ganz ohne Heuschrecken)
1. Springform sorgfältig mit Backpapier auslegen. Papier oben überstehen lassen, damit die Butter nicht in den Ofen läuft. Ofen auf 240 Grad vorheizen.


2. Trocken mischen: 1/4 Liter Mehl, 1/4 Liter Hartweizengrieß, 150 Gramm Zucker, 1/2 Päckchen Backpulver, eine Prise Salz.


3. Obstgemisch: Sechs normal große Äpfel achteln, Saft einer Zitrone, eine Handvoll Rum-Rosinen (gibt‘s fertig zu
kaufen), eine Schote echte Vanille oder ein Päckchen Vanillezucker, ein Teelöffel Zimt. Außerdem bereitlegen: 220 Gramm Butter, 100 Gramm gehobelte Mandeln.


4. Gemisch einfüllen: die Hälfte des Mehlgemisches in die Form streuen. Darauf das Obstgemisch verteilen. Restliches Mehlgemisch einstreuen. Butter scheibchenweise darübergeben.
5. Backvorgang: Torte 40 Minuten backen, dann Mandeln überstreuen, fünf weitere Minuten backen.

Julia Konerding

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