Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Seite Drei Bildschöne Fälschungen
Nachrichten Seite Drei Bildschöne Fälschungen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:10 26.10.2013
Burg

Unterm Laken schläft ein alter Käfer, davor steht ein Sechszylinder-Golf und mitten im Raum das Skelett eines Sportwagens. Kleine Schätze sind das, man muss sich um sie kümmern.

Dann steigt man eine enge Treppe hoch und stößt auf weitere Schätze. Zu Hunderten und Aberhunderten liegen sie hier auf dem Dachboden. Sie liegen im Regal und in großen Truhen, in Kommoden und in Schränken, sie lehnen an der Wand oder wurden irgendwann irgendwo abgelegt und dann nicht mehr angerührt. Und wenn da eben von Schätzen die Rede war, dann muss man vorsichtig sein, denn das stimmt, sagen wir, nur ungefähr.

Was hier auf dem Dachboden ruht, im hinteren Teil eines abgelegenen Hauses in Dithmarschen, sind die Ausläufer eines Skandals. Es sind Bilder und Drucke von Edgar Mrugalla, einem gebürtigen Berliner, der erst ein wenig durchs Leben mäandert ist und dann mitten hinein in einen der größten Kunst-Eklats der jüngeren deutschen Geschichte. Draußen rauschen die Pappeln, Gänse und Hähnen fallen sich ins Wort, Gräben zerteilen Wiesen und Weiden, und hier drinnen unter einer hohen Decke, von der die Dämmwolle auf einen herunterblickt, lagert, was andernorts im Museum hängt.

Nolde, Macke, Zille

Franz Marc und Emil Nolde tauchen da auf, Carl Spitzweg und Marc Chagall. Es gibt russische Moderne von Alexej Jawlensky und Berliner Milljöh von Heinrich Zille. Es gibt Expressionistisches von Egon Schiele und Otto Mueller, die monströsen Spießer von George Grosz und die Farbexplosionen August Mackes. Das alles ist hier versammelt, die ganze Herrlichkeit, und doch ist das Ganze das Unwahre.

Es sind Fälschungen, Kopien, es sind nachgemachte Werke, und erschaffen hat sie Edgar Mrugalla. Er ist heute 75 Jahre alt und nicht mehr sehr gesund. Er hat Parkinson, seit Jahren schon, und lebt bei seiner Tochter in Düsseldorf. Sein Sohn Richard (33) hat jetzt ein Auge auf die Dinge hier in der Scheune. Er hat selbst eine Weile im Haus gewohnt, nun lebt er in Hamburg. „Die Bilder werden nicht besser hier auf dem Boden“, sagt er. Einige hätten schon Lagerschäden von den feuchten Dithmarscher Wintern. Er wäre deshalb froh, wenn er sie verkaufen könnte.

Edgar Mrugalla hatte schon eine Reihe von Berufen hinter sich, als er Ende der Sechzigerjahre in Berlin Wohnungen entrümpelte und einen Trödelladen aufmachte. Er verstand nicht viel von Kunst und fand eines Tages einen echten Caspar- David Friedrich. Er wusste nicht, was er da in Händen hielt, verkaufte das Bild für 150 Mark an einen Händler, und dann wurde es teuer versteigert. So geht Edgar Mrugallas Geschichte, und wenn man ihr folgen mag, waren die ganzen Fälschungen hinterher so etwas wie ein Rachefeldzug gegen fadenscheinige Kunsthändler und Machenschaften in diesem Gewerbe.

Mrugalla begann sich für Malerei zu interessieren, er arbeitete sich in sie hinein. Er machte sich kundig, beschaffte sich Bücher. Er kaufte „Malmaterial und seine Verwendung im Bilde“ von Max Doerner, er besorgte sich „Werkstoffe und Techniken der Malerei“ von Kurt Wehlte, ein Buch wie ein Ziegelstein, fast 900 Seiten dick und damals 135 Mark teuer. Er tauchte hinab in dieses Wissen. Er lernte die Alchemie der Farben und Bindemittel kennen, die geheimen Dinge hinter den Dingen auf der Leinwand, er erlernte das Kunsthandwerk. Er stieß auf Urangelb und Bremer Blau, auf Frankfurter Schwarz, Elfenbeinschwarz und Lampenschwarz. Bienenwachs begegnete ihm in diesen Büchern, Carnaubawachs und Punisches Wachs. Es gab Kolophonium darin, Schellack und Kutschenlack. Wissen über Balsame wohnte in diesen Seiten, über Harze, rektifiziertes Terpentinöl und abgebaute Stärkeleime. Indisch Gelb wurde aus dem eingedampften Urin von Kühen gewonnen, denen man vorher Mangos zu fressen gegeben hatte, und für einen Steinkreidegrund brauchte man neben Zinkweiß und Litophon Jurakalk, fein oder grob.

Mrugalla holte Blei aus alten Rohren, wenn er welches für seine Farben brauchte. Er verwendete die Pendel alter Uhren, es sollte alles seine Richtigkeit haben, natürlich. Vor allem aber legte er eine unglaubliche Fertigkeit an den Tag, die über Jahre Kunstexperten, Sammler und Museen zum Narren hielt. Etwa 3000 Bilder hat er wohl kopiert, sagte er später. Picassos, Van Goghs, Rembrandts, Gaugins, Monets, Manets, Liebermanns, die Kunstgeschichte rauf und runter. Er malte in Öl, zeichnete, machte Holzschnitte, er war flexibel. Und er war sehr gut. Eine Kuratorin des Louvre in Paris soll ihn als „genial“ bezeichnet haben.

Aber er war nicht genial genug, nicht aufzufliegen. 1987 war das, es waren einfach zu viel Noldes und Picassos auf dem Markt, und dann stand die Kripo vor der Tür. Er lebte damals schon in Schleswig-Holstein, in Fiel, ein paar Kilometer nördlich der Scheune, wo seine Bilder heute lagern. Er wurde in Meldorf zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, vor sieben Jahren starb seine Frau, und jetzt lebt er bei seiner Tochter im Rheinland.

„Wie ein kleines Kind“

Er male immer noch, sagt sein Sohn Richard, ein gelernter Elektroinstallateur und inzwischen selbst Maler und Bildhauer. Aber die Hände wollten nicht mehr recht gehorchen. „Es ist so, als wenn ein kleines Kind malt“, sagt er.

Der Sohn war sieben, als sein Vater plötzlich in den Zeitungen stand und dann vor Gericht. Er wusste natürlich, dass er malte. Da waren ja immer all die Bilder, da war ja immer das Leuchten der Farben. Aber dass die Werke anderen Werken bis aufs Haar glichen, das wusste er nicht. Heute liegen sie hier im Regal, Richard Mrugalla zieht eines heraus und sagt: „Mit einem Rahmen drum? Na, so 700 Euro würde es wohl kosten. Bei anderen kann ich froh sein, wenn ich 100 dafür kriege.“ Und wenn man ihn fragt, ob noch irgendwo im Museum Bilder seines Vaters hängen, lächelt er und sagt:

„Bestimmt.“

www.richard-mrugalla.de

Er wollte auch St. Marien in Lübeck bemalen
Edgar Mrugalla (Foto r. mit einer Gaugin-Kopie) wird 1938 in Berlin geboren. Er verlässt die Schule früh und schlägt sich mit diversen Berufen durch. Ende der 60er Jahre kommt er zur Malerei, beginnt zu fälschen und fliegt 1987 auf. Ermittelt wird zudem gegen etwa zwei Dutzend dubiose Kunsthändler. Zu seinen Kunden zählten neben Ganoven auch Banker und seriöse Galeristen.
Angeblich sollen Werke im Gesamtwert bis zu 20 Millionen Euro kursiert haben.

In Büsum eröffnet der Vater von drei Kindern 1990 mit seinem Sohn Richard eine Galerie, in der neben seinen Fälschungen eigene Bilder zu sehen sind. Er stellt aber auch in der gesamten Republik aus, 2007 etwa im Wirtschaftsministerium in Kiel und 2004 in Lübeck, wo er anbietet, die Marienkirche innen so auszumalen, wie sie einmal ausgesehen hat.
50 Maler etwa hat Edgar Mrugalla in seiner aktiven Fälscherzeit kopiert. Reich sei er dabei nicht geworden, sagt er. Das große Geld hätten andere verdient.

Peter Intelmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!