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Nachrichten Seite Drei Boote flogen wie Geschosse durch die Luft
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20:28 11.11.2013

Lübeck — Es begann zu regnen, Böen rissen Äste vom Baum vor dem Hotel. Der Sturm wurde stärker und deckte Teile des Dachs ab. In einem verglasten Raum, aus dem Sebastian Herting (32) seine Verlobte Annika Leibküchler (30) kurz zuvor herausgeholt hatte, zerplatzten die Scheiben. Sie verschanzten sich in einem Zimmer, rückten die Möbel vor die Fenster und packten ihre Sachen, um notfalls schnell weg zu können. Draußen jagte und toste es, dann wurde es plötzlich still, der Wind drehte — und tobte umso stärker über die Bucht. Als der Taifun gegen Mitternacht fortzog, hinterließ er Tote, Verletzte und Verwüstung. Das war am Freitagabend, drei Tage nach ihrer Ankunft auf den Philippinen.

Dass ein Sturm kommen würde, wussten sie am ersten Tag. Aber es werde schon nicht so schlimm werden, sagten die Einheimischen in Coron im Norden der Insel Palawan. Sie sollten sich irren. Und als klarer wurde, was da kommt, war es für einen Flug raus aus der Region zu spät. Noch auf dem Weg zum Flughafen wurde die Maschine gecancelt. Sie suchten sich mit dem „Coron Westown Resort“ das stabilste Hotel in der Gegend, wo sie auch gestern auf einen Platz in einem Flieger warteten.

„Uns geht es ja noch gut“, sagte der Anwalt und Inhaber des Lübecker Kieser-Fitnessstudios am Telefon. Es gibt einen Generator im Hotel, sie haben Strom. Draußen aber liegen Strommasten und Stromleitungen durcheinander, Bäume dazwischen, Trümmer von Häusern. Der Taifun wirbelte Autos durch die Luft, mit mehreren Ankern gesicherte Boote flogen wie Geschosse umher. Wo vorher Laubwald stand, ist jetzt nichts mehr. Ganze Dörfer wurden ausradiert, am Flughafen fehlt der Tower.

Langsam läuft Hilfe in der Region an, sagt Herting. Das Rote Kreuz ist da, das Militär, aber die Not ist groß. Wasser und Nahrung werden knapp, es fehlen Medikamente. Und in dem kleinen Krankenhaus sind die beiden Ärzte völlig überfordert. Zwar werden die Hauptstraßen geräumt, aber es wird lange dauern, bis man die Menschen jenseits davon erreicht. Oder die auf den kleinen Inseln. Eigentlich hatte das Paar mit Tao Philippines Expeditions Inseltouren machen wollen, jetzt sind die Boote von Tao die einzigen, die diese Inseln noch anfahren können.

Plünderungen oder Gewalt hat Herting nicht erlebt. Die Menschen seien erstaunlich gefasst und versuchten, das Beste aus der Situation zu machen. „Aber wenn man etwas tiefer bohrt“, sagt er, „merkt man, wie tief der Schock sitzt.“ int

Ein Spendenkonto läuft auf den Namen des Tao-Chefs Eddie Brock: Deutsche Bank, Konto: 478 30 23; BLZ: 100 700 24; Stichwort: „Typhoon Donation“.

LN

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