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Brot, Türme, Ideen — was ist Welterbe?

Lübeck Brot, Türme, Ideen — was ist Welterbe?

Erstmals wird die Unesco deutsche Traditionen zum „immateriellen Erbe“ ernennen. Die Entscheidung wird nicht leicht.

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Das Bäckerhandwerk macht sich dafür stark, die deutsche Brotkultur zum Unesco-Welterbe zu erklären. Lübecks Türme gehören schon dazu.

Lübeck. Irgendwo im Süden der jütischen Halbinsel, irgendwann gegen Ende der Jungsteinzeit, saß ein alter Mann allein am Lagerfeuer und klagte über die junge Generation. Vor sich hatte er ein Sortiment perfekt gearbeiteter Feuerstein-Pfeilspitzen ausgebreitet. „Wer“, rief er, „macht so etwas heute noch? Wer lernt noch das Steinhandwerk? Die jungen Leute wollen nur noch Bronze gießen. Die wissen gar nicht, wie sich ein glatter Feuerstein anfühlt.“

Die Klage des alten Mannes half nicht. Bis zur Gründung der Unesco sollten noch 4000 Jahre vergehen, und da war es längst zu spät, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für das immaterielle Kulturerbe der Steinwerkzeug-Herstellung zu wecken. Von einer Jahrtausende alten Tradition blieb nichts als Reste im Boden.

Heute ist das anders. Wenn irgendwo auf der Welt ein Handwerk, ein Volksfest oder eine Musikform nicht mehr selbstverständlich ist oder gar vom Aussterben bedroht, können die Betroffenen sich seit 2003 an die Unesco wenden. Wenn sie Glück haben, wird ihre kulturelle Ausdrucksform zum „immateriellen Kulturerbe“ ernannt. Das hat zwar kaum praktische Auswirkungen, aber hohes Prestige. Im vergangenen Jahr trat Deutschland der Konvention bei.

Anfang 2015 wird entschieden, was Welterbe wird: die deutsche Brotkultur? Oder, um Vorschläge aus Norddeutschland zu nennen: das Grünkohlessen?

Die Musiktradition der geistlichen Konzerte des 18. Jahrhunderts in Ludwigslust? Das plattdeutsche Volkstheater? Das Biikebrennen in Nordfriesland?

Die Unesco-Liste kann nur

konservativ sein

Wenn man die befragt, die Anträge für die Unesco-Liste eingereicht haben, kommt das Gespräch schnell darauf, wie schwierig es ist, Tradition zu bewahren. „Die Globalisierung lässt die Menschen anonym werden“, sagt Wolfgang Börnsen, Vorsitzender des Niederdeutschen Bühnenbunds Schleswig-Holstein. „Sie sagen: Ich möchte ein Stück Identität sicherstellen für mich und meine Familie.“

Im Theater, nicht mehr im alltäglichen Gebrauch, sieht Börnsen noch eine Zukunft für die plattdeutsche Sprache. Frank Nickelsen, Geschäftsführer des Friesenrats, Sektion Nord, will mit dem Biikebrennen, dem traditionellen Feuer zum Ende des Winters, dem Verschwinden seiner Minderheit etwas entgegensetzen: „Klar hat jede kleine Volksgruppe Angst, noch kleiner zu werden. Die friesische Kultur kann an den Rand gedrängt werden, wenn nur noch der touristische Aspekt in den Vordergrund gerückt wird.“ Peter Becker, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, will die Struktur seines Gewerbes verteidigen: „Ich war gerade zehn Tage in Amerika und habe dieses schrottige Brotsortiment erlebt. Da gibt es nur noch wenige Handwerksbetriebe.“

Sie alle erhoffen sich Aufmerksamkeit, Anerkennung und, in unterschiedlichem Maß, Schutz. Das führt in ein Dilemma: Nur was schon bekannt und dokumentiert ist, kann auf die Unesco-Liste kommen — im Zweifel auf Kosten des (noch) Unbekannten, nirgends Dokumentierten.

Deshalb kann eine solche Liste nicht anders sein als konservativ. Darauf baut der Deutsche Bühnenverein, die mächtige Lobbyorganisation der größeren Theaterhäuser. Er hat für die Unesco-Liste des immateriellen Erbes „die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft“ vorgeschlagen — also eine etablierte, staatsnahe, professionell unterhaltene Struktur. Sie ist auf der Welt einzigartig — aber sagt das etwas über ihren Wert aus, über ihre Produktivität und ihre gemeinschaftsbildende Kraft in der Zukunft?

Eine lebenswichtige Fähigkeit: das Vergessen

35 Einträge stehen auf einer besonderen „Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes“. Mit dieser Liste macht die Unesco auf „vom Aussterben bedrohte Kulturformen“ aufmerksam. Das erinnert an bedrohte Tierarten. Doch die Ähnlichkeit trügt. Bedrohte Tierarten müssen vor dem Eingriff des Menschen in die Natur geschützt werden. Wie aber soll man die Kultur vor dem Eingriff des Menschen schützen? Menschen bringen sie hervor, verändern sie und, ja, lassen sie sterben. Das ist der Lauf der Welt. Zur Kultur gehört auch die Respektlosigkeit gegenüber der Tradition, der Angriff auf die Tradition und nicht zuletzt eine lebenswichtige Fähigkeit des Menschen und der Gesellschaft: das Vergessen.

Der englische Ausdruck für immaterielles Erbe ist „intangible heritage“: nicht greifbares Erbe, womit das Problem klarer benannt ist. Um eine mittelalterliche Kirche zu erhalten, braucht man Bauhistoriker, Ingenieure und gute Handwerker. Die Steine bleiben, was sie sind, und haben keinen Willen. Doch wie erhält man eine Tradition, etwas, was nicht greifbar und unendlich wandelbar ist?

Vielleicht wird die Tradition des plattdeutschen Volkstheaters in einer Form weiterleben, in der weder Plattdeutsch noch Theater vorkommen. Vielleicht wird die deutsche Brotkultur gar nicht in Deutschland fortgeführt. Vielleicht entsteht das Theater der Zukunft in diesem Augenblick in einem Lübecker Partykeller. Alles ist möglich. Das ist Kultur.

Deutsche Vorschläge

5 kulturelle Ausdrucksformen aus Schleswig-Holstein sind für die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes vorgeschlagen worden. Öffentlich bekannt sind davon bisher nur zwei: das niederdeutsche Volkstheater und das Biikebrennen, mit dem die Friesen den Winter verabschieden.
128 Vorschläge für die Unesco-Liste gibt es aus ganz Deutschland. 34 davon wird die Bundesrepublik bei der Unesco einreichen, die Anfang 2015 entscheidet.
327 kulturelle Ausdrucksformen, Traditionen und Bräuche hat die Unesco seit 2003 als immaterielles Kulturerbe anerkannt.

Hanno Kabel

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