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Nachrichten Seite Drei Buckelwal-Sensation in der Ostsee
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09:33 26.07.2014
Ganz nah an der Küste: Die Buckelwalmutter und das Kalb vor dem dänischen Fallshöft. Quelle: Fotos: Palle Tørnquist/dpa, Archiv
Stralsund

Das Buckelwal-Rätsel in der Ostsee scheint gelöst: Dänische und deutsche Walforscher haben die von Wassersportlern in den vergangenen Tagen gemachten Bilder ausgewertet. Sie sind sich sicher, dass in der Ostsee eine Buckelwal-Mutter mit einem Kalb unterwegs ist.

„Das ist eine Buckelwalsensation hoch zwei“, sagte der dänische Walforscher Carl Kinze gestern. Sein deutscher Kollege, der Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, Harald Benke, ergänzte, die Bilder zeigten klar zwei Tiere, von denen eines deutlich kleiner sei. „Dass sich eine Mutter mit einem Kalb in die Ostsee verirrt, ist erstaunlich.“

Die beiden Tiere sind offenbar schon länger in der Ostsee unterwegs. So waren sie bereits am Donnerstag gemeinsam im dänischen Aarösund im Kleinen Belt gesichtet worden. Auch am Mittwoch hatten Kajakfahrer vor der dänischen Küste berichtet, dass sie zwei Tiere gesehen hätten. Die Forscher haben zudem noch ältere, bislang unbeachtete Aufnahmen vom 7. Juli ausgewertet, auf denen zwei Rückenflossen zu sehen sind. Die vordere Flosse sei der Mutter zuzuordnen, die hintere dem Kalb.

Was macht die Forscher so sicher, dass es sich um Mutter mit Kalb handelt? Die Haut des einen Wals mache einen „neuen“ Eindruck — wie bei einem Kalb, sagte Kinze. Zudem sei das eine Tier deutlich kleiner. Der kleinere Wal wird auf eine Länge von acht Metern geschätzt. Das größere Tier, das eine charakteristisch gefleckte Hautoberfläche habe, ist den Forschern zufolge rund zwölf Meter lang.

Das kleine Tier sei offenbar seiner Mutter sehr dicht gefolgt, und bei anderen Beobachtungen wahrscheinlich gerade unter die Wasseroberfläche getaucht.

Nach Angaben von Benke ist das Kalb im Winter vermutlich in der Karibik, dem natürlichen Geburtsplatz der Buckelwale, geboren worden. Im Sommer ziehen die Wale dann zum Jagen nach Norden. Jetzt seien die Meeressäuger vermutlich Fischschwärmen in die Ostsee gefolgt.

Die Mutter macht nach Angaben der Forscher einen wohlgenährten Eindruck, beim Kalb hingegen wirke der Rücken etwas eingefallen. Aus dem Säuglingsalter sei das Kalb heraus. Es müsse in diesem Alter unter Anleitung der Mutter lernen selbst zu jagen. Langfristig bräuchten die Buckelwale aber die arktischen Gewässer, um sich satt zu fressen und ihrem normalen Sozialverhalten nachgehen zu können.

Die Sommerquartiere liegen in polaren Meeren, die Winterquartiere in tropischen und subtropischen Gewässern.

Bis zu diesem Jahr waren nur vier Buckelwal-Sichtungen in der deutschen Ostsee dokumentiert: 1766, 1978, 2003 und 2008. In allen Fällen handelte es sich um Einzeltiere. Schon die Sichtung von zwei Tieren Anfang Juli in der Flensburger Förde werteten die Forscher insofern als Sensation.

„Buckelwale gehören zu den Bartenwalen, die gut mit den komplizierten und seichten Ostseegewässern zurechtkommen“, sagte Kinze. Nach Auffassung der Forscher gibt es genügend Nahrung in der Ostsee.

Die Buckelwale, die bis zu 15 Meter lang und bis zu 30 Tonnen schwer werden können, sind durch ihren Walgesang bekannt. Sie gelten laut Benke als „Abenteurer unter den Walen“, weil sie sehr neugierig seien. Das wird ihnen oft zum Verhängnis. Weil sie nahe an Schiffe heranschwimmen, wurden sie besonders oft gejagt.

Tradition oder Abschlachterei?
Klaksvík ist kein besonders auffälliger Ort im Norden der Färöer Inseln. Für Nils aber ist dieser Strand ein Ort des Schreckens: „Wo wir stehen, ist über die Jahre das Blut von Tausenden von Walen geflossen“, sagt der 27-jährige Hamburger.
Man kennt die Bilder, die Nils im Kopf hat. Sie spielen sich ab auf dieser zu Dänemark zählenden Inselgruppe im Nordatlantik, die zwischen Großbritannien, Island und Norwegen liegt. Männer in Neoprenanzügen stehen bis über die Hüfte in blutig-rotem Wasser, bewaffnet mit Seilen, Haken, Messern. Zwischen ihnen wälzen sich die Leiber von bis zu sieben Meter langen Grindwalen, tote Tiere liegen mit halb abgetrennten Köpfen in Reih und Glied am Ufer. Auf jeden lebenden Wal, der mit einem Metallhaken im Atemloch an Land gezogen wird, sticht einer der Männer mit einem speziellen Messer ein. Er zielt auf eine bestimmte Stelle des Rückenmarks. Trifft er, stirbt der Säuger sofort.
„Grindadráp“ nennen die Färöer die Jagd, die immer wieder einen regelrechten Volksauflauf auslöst. Leicht werden dabei mehr als 100 Tiere an einem Tag getötet. Im Vorjahr starben insgesamt weit mehr als 1000.
Damit sich ähnliche Schauspiele nicht wiederholen, will Nils von nun an den ganzen Sommer lang an den Stränden patrouillieren — zusammen mit mehr als 500 anderen Freiwilligen aus insgesamt 27 Nationen. Sie alle sind Sea-Shepherd-Aktivisten.
Die Naturschutzorganisation, die weltweit für die Ozeane kämpft, hat die Kampagne „GrindStop 2014“ ausgerufen. Mit Motorbooten und Wohnwagen zeigen die Meeres-Hirten vier Monate lang Präsenz auf den Inseln. Jeder der mehr als 20 Strände, die die Färöer Behörden für die Waltötungen freigegeben haben, wird von ihnen überwacht.
Viele der 50 000 Färöer dagegen sehen den Walfang als traditionellen Nahrungserwerb. Bis ins 16. Jahrhundert gehen die Bücher zurück, in denen die Tötungen aufgelistet werden. Die Wale würden nicht gesucht, aber wenn sie sich der Küste näherten, als „Gottesgeschenk“ angenommen. Das Fleisch werde nicht verkauft, sondern an die Bevölkerung verteilt. Und wer über das viele Blut erschrecke, solle sich ein Schlachthaus für Schweine oder Puten anschauen. Zu den gefährdeten Arten gehört der Grindwal nicht: Der Bestand im nördlichen Atlantik wird auf über 100 000 Tiere geschätzt.
S. Stosch
Gefährdete Wale
Ob und wo eine Art bedroht ist, hält die Weltnaturschutzorganisation IUCN in ihrer „Roten Liste“ fest.



Südkaper: Rund 7500 Tiere leben im Südpazifik und -atlantik; ohne Gefährdung. Im Nordatlantik und -pazifik gilt der Nordkaper mit 500 Tieren hingegen als „stark gefährdet“.


Grönlandwal: Mit 12 000 Walen in den arktischen Gewässern zu finden. Um Spitzbergen (Norwegen) gilt der Wal als „vom Aussterben bedroht.“


Blauwal: Das weltgrößte Lebewesen ist „gefährdet“. Es gibt 25 000 Tiere.


Pottwal: Wegen der Bejagung ist der Bestand von 200 000 Tieren gefährdet.
Buckelwal: Er ist in allen polaren bis tropischen Meeren verbreitet, selten aber in Küstennähe. Mit 63 000 Tieren ist er „nicht gefährdet“.
2008 kam „Bucki“
Ein Buckelwal namens „Bucki“ hatte im Sommer 2008 in der Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern für Aufsehen gesorgt. Auf diesen Namen war der etwa zwölf Meter lange Meeressäuger von der Allgemeinheit getauft worden. Erstmals gesichtet hatten ihn Einheimische im Juli vor Kap Arkona am Nordzipfel der Insel Rügen. Mehrere Wochen lang war „Bucki“ daraufhin immer wieder vor der Küste des Nordostens aufgetaucht. Dabei hatte sich sein Zustand immer mehr verschlechtert. Das Tier war während seiner Odyssee durch die Ostsee vollkommen abgemagert. Normalerweise haben Buckelwale ein Gewicht von 25 bis 30 Tonnen, sie finden ihre Nahrung in bis zu 50 Metern Tiefe und können daher auch im Flachwasser leben.
Für „Bucki“ hatte die Irrfahrt in der Ostsee vor MV aber doch noch ein glückliches Ende: In den letzten Augusttagen 2008 war der Buckelwal durch den dänischen Öresund, Kattegat, Skagerrak und Nordsee bis in den Atlantik gelangt.
Zuvor war am 24. August 1978 ein zehn Meter langer Buckelwal vor Rügen gesichtet worden. Dieser Meeressäuger war damals auf den Namen „Ossi“ getauft worden. bs
„Dass sich eine Mutter mit einem Kalb in die Ostsee verirrt, ist erstaunlich.“
Harald Benke, Direktor Meeresmuseum Stralsund

Martina Rathke

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