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Das Dorf der alten Leute

Nieby Das Dorf der alten Leute

In Nieby an der Ostsee wohnen prozentual gesehen die meisten über 75-Jährigen in ganz Schleswig-Holstein. Was ist das Geheimnis des Dorfes, in dem man offenbar so gut alt werden und alt sein kann?.

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Alt-Bäuerin Gertrud Fitzen (90) spielt auf ihrem Schifferklavier. Einmal pro Woche geht sie zur Akkordeongruppe. „Mittlerweile bin ich die Älteste.“

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Nieby. Grüne Wiesen und Felder, alte Bauernhäuser aus rotem Ziegelstein und ein Ortsschild: Nieby (Kreis Schleswig-Flensburg). Es riecht nach Gülle, das Wetter könnte besser sein. Und doch: Nieby hat‘s. Hier leben, gemessen an der Einwohnerzahl, die meisten über 75-Jährigen in ganz Schleswig-Holstein.

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In Nieby an der Ostsee wohnen prozentual gesehen die meisten über 75-Jährigen in ganz Schleswig-Holstein. Was ist das Geheimnis des Dorfes, in dem man offenbar so gut alt werden und alt sein kann?.

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„Ich kann da nicht mitreden.“ Hans Müller steht vor seinem im kanadischen Stil gebauten Holzblockhaus im Garten, die Deutschland-Fahne ist gehisst, vor dem Mast lehnt ein Anker an einem Findling. Er sei erst 74, wehrt er ab, seine Frau Inge auch, und er ist zugezogen. „Aus Kaiserslautern.“ 40 Jahre hat er in der Pfalz gelebt. „Aber ich dachte mir immer: Irgendwann ziehst du in den Norden.“

Warum? „Ich brauch‘ das Wasser“, begründet Müller, dessen Unterarme zünftige Seemannstätowierungen aufweisen. Durch seine Dienstzeit bei der Marine habe er den Norden erstmals kennengelernt, damals begegnete er auch seiner Frau. Sie stammt aus dem Nachbardorf Falshöft, das ebenfalls zur Gemeinde Nieby gehört. Hans Müller segelt, er singt im Shanty-Chor. Er habe viele Bekannte, sagt er.

Viele hier sind Zugezogene, genau wie Hans Müller. „50 Prozent der Häuser hier sind Zweit- und Ferienwohnsitze“, schätzt Horst Björnsen (74), der für die Wählergemeinschaft 30 Jahre im Gemeinderat war. Die Eigentümer der Ferienhäuser seien überwiegend Hamburger und Berliner. Im Übrigen sei es wie vielerorts auf dem Land: „Die Jungen sind weggezogen, die Alten sind geblieben.“

Die Alten aber werden auch besonders alt in Nieby. „Wir haben viele 90-Jährige“, sagt Jutta Schulke-Vandre (68), die in Falshöft das Café Lichthof betreibt. Es sei beschaulich: Kaum Verkehr, gesunde Luft, der Stress bleibe draußen. Gute Bedingungen für die Alten, meint sie. Zudem hätten die Bewohner sich eine gute Nachbarschaft bewahrt und würden einen festen Lebensrhythmus pflegen. „Das gibt ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.“ Ihr Hund etwa gehe jeden Morgen zu Nachbar Horst und hole sich ein Leckerli. „Wenn der Hund mal nicht kommt, sieht Horst nach, ob es mir gut geht.“

Wie nett es in diesem Zipfel Schleswig-Holsteins ist, der spitz in die Förde hineinragt, haben auch die Touristen längst bemerkt. Nieby grenzt an das Naturschutzgebiet Geltinger Birk, das mit einer reichen Flora und Fauna und einer Wildpferde-Herde lockt. An die 100000 Besucher kamen im vorigen Jahr, stellt Helmut Allenstein (69) fest, der die kleine Naturschutzstation in Falshöft ehrenamtlich leitet. „Von Jahr zu Jahr werden es mehr.“

Auch das Altersheim „Haus an der Birk“ in Nieby ist als Ruhesitz gefragt. Mit 28 Bewohnern zwischen 75 und 92 Jahren trägt es dazu bei, den Altersdurchschnitt im Ort zu heben.

Gertrud Fitzen (90) dagegen lebt nach wie vor in dem großen Bauernhaus, in das sie 1946 einheiratete. „Ich hab‘ mich hier immer wohlgefühlt“, bekennt die rüstige Seniorin. Sie erhebt sich aus ihrem lindgrünen Polstersessel und holt das Akkordeon, spielt ein paar Takte. „Am liebsten mag ich Bearbeitungen von Mozart, Beethoven und Haydn für Akkordeon.“ Schon als Kind lernte sie, das Instrument zu spielen und bis heute geht sie einmal die Woche zur Akkordeongruppe. „Da bin ich mittlerweile die Älteste.“

Wie sie so alt geworden sei? Viel Arbeit an der frischen Luft, gesunde Ernährung aus dem eigenen Garten. Und Abwechslung. „Man muss auch mal Feste feiern.“ Früher hatten sie 700 Hühner und eine Kälbermast, erinnert sich Gertrud Fitzen. Dazu hielt sie Haus und Garten instand. Drei Söhne hat sie großgezogen und nun genießt sie mit ihrem Dackel Angie und Katze Charlie den Ruhestand. Immer aber habe sie „Lust zu leben“ gehabt und „Lust zu arbeiten“. Besonders im Garten. „Man sieht etwas wachsen aus dem Samen, den man in die Erde gelegt hat. Das ist einfach schön zu beobachten.“

Nieby, das sei ohne Zweifel eine Umgebung, „in der man zur Ruhe kommt, in der man entschleunigt“, findet Ex-Bürgermeisterin Renate Mielenz (69). Stress sei fast ein Fremdwort. Wobei sie die Überalterung schon als Problem sieht. Nebenan hätten auf zwei Grundstücken junge Familien gebaut. „Wir haben das Bauland damals erschlossen und bewusst an Paare mit Kindern vergeben.“ Arbeit aber hätten die Väter im Ort nicht. „Der eine arbeitet in Flensburg, der andere als Dachdecker auf Baustellen in der Region.“

Trotz allen Friedens: Ein wenig Ärger gebe es doch. Gerade einige der zugezogenen Alten, seufzt Mielenz, würden die Entwicklung der Gemeinde blockieren. „Wir haben uns lange bemüht, in unserer ehemaligen Kaserne ein touristisches Unternehmen anzusiedeln.“ Inzwischen sei die Immobilie verkauft, der Investor plane den Bau von 42 Ferienhäusern. „Das ist vielen, die hier gebaut haben, nicht recht. Sie befürchten, dass so viele Urlauber zu viel Unruhe bringen und versuchen das Projekt mit Unterstützung des Naturschutzbundes im Gemeinderat zu blockieren.“ Die Ruhe, das Kapital von Nieby, ist sie wirklich in Gefahr?

Die Alt-Bürgermeisterin glaubt das nicht. Und für Inge Müller ändert all das ohnehin nichts daran, dass es in Nieby nun mal am schönsten ist. Die Gründe liegen für sie auf der Hand: „Die Ruhe, das Plattdeutsch, die Leute.“ Sie zuckt die Achseln. „To Hus is to Hus.“

Auch Ostsee-Bäder sind als Ruhesitz beliebt

Nieby (Kreis Schleswig-Flensburg) grenzt an das Naturschutzgebiet Geltinger Birk, es liegt auf einer Halbinsel an der Flensburger Förde. 41 der 139 Einwohner sind nach Angaben des Statistischen Amtes für Hamburg und Schleswig-Holstein über 75 Jahre alt. Das entspricht einem Anteil von 29,5 Prozent. Mehr als in jeder anderen Gemeinde Schleswig-Holsteins.

Den zweithöchsten Anteil über 75-jähriger hat Witsum (Nordfriesland) mit 28,9 Prozent. Kellenhusen an der Ostsee liegt mit 18,5 Prozent an 14. Stelle. Andere Ostsee-Bäder haben ähnliche Werte. In Bad Schwartau sind 15,2 Prozent der Einwohner über 75, in Mölln 14,5 Prozent, in Eutin 13,4 Prozent, Bad Segeberg 12,1 Prozent und in Lübeck 11,7 Prozent. Den geringsten Anteil über 75-Jähriger hat mit 3,1 Prozent Wallen (Dithmarschen).

Im Naturschutzgebiet Geltinger Birk mit seinen Salzwiesen brüten 200 Vogelarten. Es gibt eine Wildpferd-Herde.

Immer mehr Senioren in Schleswig-Holstein

Von 2010 bis 2025 wird die Einwohnerzahl in Schleswig-Holstein um rund 43000 (1,5 Prozent) auf rund 2,78 Millionen zurückgehen.

Steigende Einwohnerzahlen werden noch für Flensburg (plus 6,7 Prozent) und Kiel (plus 4,2 Prozent) sowie für die Kreise Stormarn (plus 5,3 Prozent) und Pinneberg (plus 2,2 Prozent) erwartet. In den anderen Kreisen und kreisfreien Städten fallen die Einwohnerzahlen, am stärksten in Neumünster (minus 8,1 Prozent).

Der Anteil der Senioren , die 60 Jahre und älter sind, wird bis 2015 von 27,3 Prozent auf 35 Prozent steigen und der Anteil der unter 20-Jährigen von 19,7 Prozent auf 16,7 Prozent zurückgehen. Das sind 93000 Kinder und Jugendliche weniger im Land und 204000 Menschen mehr über 60. Besonders stark steigt dabei die Zahl der Hochbetagten ab 80 Jahren (plus 100000).

Den größten Zuwachs an Älteren haben die Kreise um Hamburg und der Oberzentren. Die wenigsten Bewohner unter 20 werden Steinburg, Nordfriesland, Ostholstein (minus 26,1 Prozent) und Plön (minus 25,8 Prozent) haben. Quelle: Staatskanzlei

Von Marcus Stöcklin

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