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Seite Drei Das Salz der Erde
Nachrichten Seite Drei Das Salz der Erde
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18:32 21.01.2017

Tina geht stramm auf die 50 zu. Oder ist sie schon drüber? Egal. Sie ist immer noch gepierct, hat immer noch lila Strähnchen im schon schütteren Haar und beendet fast jeden Satz mit einem lauten kehligen Lachen.

Tina zapft und schleppt Bier in einer Kiez-Kneipe in Berlin-Kreuzberg. Davon leben kann sie kaum. Ihr Grundgehalt geht komplett für Miete, Essen, Versicherungen und den Hund drauf. „Ohne die Trinkgelder könnte ich mir nicht einmal eine Karte fürs Kino leisten“, sagt sie. Und lacht. Genauso wie über die Bandscheibe, die sie seit Jahren zwickt und quält. Oder die Reifen an ihrem Fahrrad, die ihr gerade irgendwelche Idioten zerstochen haben.

Mit der Reparatur wird sie wohl bis Februar warten müssen. „Nach Weihnachten und Silvester haben die Leute kein Trinkgeld mehr in der Tasche“, sagt sie. „Das kenne ich schon. Das ist jedes Jahr so.“Jetzt überlegt Tina, ob sie den 10-Gramm-Goldbarren verkaufen soll, den ihr ihr Vater „für Notzeiten“ zu Weihnachten geschenkt hat. „300 Euro müsste ich doch dafür bekommen, oder?“, fragt sie mich. Und zum ersten Mal bleibt ihr das Lachen im Hals stecken.

Tina ist eine von vielen, vielen Menschen in unserem Land, die sich jeden Tag zur Decke strecken müssen. Umso bewundernswerter, dass sie ihr Lachen nicht verloren hat. Im Gegenteil. „Wer jammert, lebt noch“, sagt Tina. Und plötzlich habe ich einen alten Song der Rolling Stones im Kopf: „Let's drink to the hard working people (...) Let's drink to the salt oft the earth.“ Ein Hoch auf die hart arbeitenden Menschen, das Salz der Erde.

Udo Röbel ist Autor in Berlin

LN

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