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Das Schweigen des Norman L.

Schwerin Das Schweigen des Norman L.

In Schwerin hat gestern der Prozess gegen Norman L. begonnen. Der Lübecker soll die 29-jährige Joggerin Anna-Lena U. in Herrnburg ermordet haben.

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Die Anklage lautet auf Mord: Norman L. soll im Juli in Herrnburg die junge Joggerin Anna-Lena U. mit einem Stich in den Hals getötet haben. Vor Gericht schwieg er zum Prozessauftakt.

Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

Schwerin. Das Gesicht hinter einem Aktenordner versteckt, tritt Norman L. in den Saal 8 des Schweriner Landgerichtes. Unablässig klicken die Kameras der Pressefotografen, verfolgen jede Regung des Angeklagten. Mehrere Minuten lang. Erst als Richter Robert Piepel und seine Schöffen den Saal betreten und die Fotografen verschwinden, wagt es Norman L., sein Versteck aufzugeben.

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Staatsanwalt Jörg Seifert muss im Laufe der zehn Verhandlungstage ein Mordmotiv des Angeklagten beweisen.

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Viele hatten wohl etwas anderes erwartet. Eine brutale Person, einen Verbrechertypen, jemandem, dem man es zutrauen würde, aus sexuellen Motiven eine junge Frau überfallen, in den Hals gestochen und zum Sterben zurückgelassen zu haben. Das jedenfalls wirft die Schweriner Staatsanwaltschaft dem 45-jährigen Lübecker vor. Doch da sitzt nur ein Mensch, ein Jedermann in hellgrauem Pullover und mit leicht angegrautem Haar.

Palinger Heide

Es ist der erste von zehn Prozesstagen im Mordfall Anna-Lena U. Die Mutter eines kleinen Sohnes wurde am Sonntagvormittag, den 7. Juli, im Naturschutzgebiet Palinger Heide mit einem Stich in den Hals getötet. Im Laufe der Verhandlung will Staatsanwalt Jörg Seifert nachweisen, dass der Angeklagte die 29-Jährige vergewaltigen wollte und, als dies nicht gelang, sie aus „Frust“ und Angst vor Entdeckung mit seinem Butterfly-Messer ermordete. Das wichtigste Beweismittel der Anklage ist eben jenes Messer, das ein kleiner Junge im Wald gefunden hatte und das die DNA von Norman L. sowie des Opfers trägt.

Doch L. und sein Verteidiger Jörn Gaebell, das wird gestern deutlich, werden es der Anklage schwer machen, den Mord zu beweisen. Einzig seinen Namen und sein Geburtsdatum gibt L. preis und setzt dann sein langes Schweigen fort. „Herr L. wird keine Angaben zur Person und zur Sache machen“, erklärt Verteidiger Gaebell. Die Hoffnung vieler, der erste Prozesstag würde Aufschluss geben, warum Anna-Lena U. sterben musste, erfüllt sich vorerst nicht.

Vier Zeugen werden stattdessen gehört. Darunter ein Lübecker Kriminalpolizist, der als erster Beamter am Tatort war, der Notarzt, der den Tod des Opfers feststellte, und der Rechtsmediziner, der die Leiche begutachtete. Detail für Detail geht der für seine Akkuratesse bekannte Richter Piepel die Aussagen durch. Am Ende des ersten Tages steht fest: U., die in der Palinger Heide joggen war, hat zunächst mit ihrem Mörder gekämpft und versucht, das Messer abzuwehren, wie Schnitte an ihrer Hand zeigten. Der anschließende Stich in den Hals durchtrennte dann ihre Halsschlagader. Anna-Lena U. konnte sich noch zehn Meter weit schleppen, fiel dann auf den Rücken und starb am Blutverlust.

Die detailreichen Schilderungen — für den Großvater der jungen Frau müssen sie eine unvorstellbare Tortur bedeuten. Nur scheinbar gefasst verfolgt der Lübecker mit starrem Blick den gesamten Prozesstag von morgens um neun bis nachmittags um halb vier. Wie er das erträgt? „Ganz schwer“, sagt er knapp. Anna-Lenas Opa ist als einziger der Familie im Saal anwesend. Die anderen Familienangehörigen, die Eltern, der Ehemann und der kleine Sohn von Anna-Lena U., werden von Rechtsanwalt Henning Heintzenberg als Nebenkläger vertreten. Die Kraft, dem mutmaßlichen Mörder ihrer geliebten Tochter, Ehefrau und Mutter gegenüber zu treten, haben sie bisher nicht gefunden. Das Gericht setzte auch eine ursprünglich für morgen geplante Vorladung der Eltern als Zeugen zunächst aus.

Falls dagegen Norman L. das Prozessgeschehen berührt, ist es ihm nicht anzumerken. Ohne erkennbare Gefühlsregung verfolgt der Vater dreier Kinder den Prozesstag, wirkt weder nervös noch ängstlich.

„Erschreckend“, urteilt Detlef Hardt, Vorsitzender der Opferschutzorganisation Weißer Ring in Lübeck, der die Verhandlung verfolgt. „Keine Blässe, keine Röte, kein Schwitzen. Er tut so, als gehe es um ein Bagatelldelikt.“

Möglicherweise ist das Kalkül. L. und sein Verteidiger wollen den Vorwurf von Mord auf Totschlag abmildern. „Anhand der DNA-Spuren an der Waffe lässt sich nur schwer bestreiten, dass mein Mandat mit der Tat etwas zu tun hat“, räumt Gaebell ein. Da, wie Zeugenaussagen bestätigen, die Kleidung des Opfers unangetastet war, könne aber nicht von einem sexuellen und damit einem Mordmotiv ausgegangen werden, fügt er hinzu.

Möglicherweise hat Norman L. die Tat aber auch geplant. Zeuge Nummer vier, Holger B. aus Herrnburg, der nach eigenen Angaben vier bis fünf Mal in der Woche durch die Palinger Heide joggt, ist sicher, L. auf Zeitungsfotos wiedererkannt zu haben. Bereits zwei Tage vor der Tat habe sich L. nur 200 Meter entfernt vom Tatort aufgehalten. Wollte er einen günstigen Platz ausspähen? Die weiteren neun Prozesstage werden darüber vielleicht Klarheit bringen.

Prozess, Zeugen, Strafmaß
23 Zeugen sollen in der auf zehn Prozesstage angesetzten Verhandlung gehört werden. Unter ihnen sind auch Daniela E., frühere Lebensgefährtin des Angeklagten und Mutter seiner drei Kinder. Ob die Eltern der getöteten Anna-Lena U. als Zeugen vorgeladen werden, ist noch unklar. Ein Urteil wird am 8. Januar erwartet.

§Bei einer Verurteilung wegen Totschlags nach § 212 Strafgesetzbuch (StGB) kommt ein Strafmaß von fünf Jahren bis lebenslanger Haft in Betracht, bei Mord nach § 211 StGB in jedem Fall eine lebenslange Haftstrafe. Mörder ist, wer aus niederen Beweggründen oder zur Verdeckung einer anderen Straftat tötet.

Oliver Vogt

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