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Das ungeliebte Erbe

Lübeck Das ungeliebte Erbe

Morgen ist Tag des offenen Denkmals. Im Mittelpunkt stehen „unbequeme Denkmale“. Drei Beispiele aus der Region Lübeck.

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Der brüchige Zementadler ist Teil eines Ehrenmals für Gefallene des Ersten Weltkriegs auf dem Friedhof von Trittau (Kreis Stormarn).

Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck. I. Trittau: Der bröckelnde Adler

Hier muss das Ehrenmal sein. Hinter einem Gräberfeld auf dem Trittauer Friedhof wächst ein großer Rhododendron. Erst auf den zweiten Blick ist in dem Blattwerk ein steinerner Adler zu erkennen. Von nahem ist das Moos sichtbar, das auf seinen ausgebreiteten Schwingen wächst. Der Zement bröckelt, an den Flügelspitzen und den Klauen liegt der rostige Draht des Skeletts frei. Aber nicht der Adler ist das, was dieses Denkmal unbequem macht. Es ist der mannshohe Findling, auf dem der Adler sitzt, mit der eingemeißelten Inschrift: „Ehrlos das tapferste Heer / trifft es der Speer in den Rücken /

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Der Bunker ist ein Zeitzeuge von Krieg und Unrecht.“Ulrike Scholz vor dem Mühlentor-Bunker in Lübeck.

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Unfrei das freieste Volk, / wenn es sich selber verliert“.

Das ist eine Variation der Dolchstoßlegende. Diese Legende gab nicht der Übermacht der Feinde, sondern den Demokraten im Reich, vor allem den Sozialdemokraten, die Schuld an Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg. Sie ist längst widerlegt. Umstritten war sie schon, als das Trittauer Denkmal entstand. „Das mit dem Spruch hat schon 1919 erheblich Staub aufgewirbelt“, sagt Asmus Bergemann, der eine Broschüre über die Trittauer Ehrenmale geschrieben hat. „Die lokale SPD verwahrte sich dagegen. Es gab Demonstrationen.“ Aber das Denkmal blieb, und die Inschrift blieb.

1926 kam noch ein zweites Kriegerdenkmal auf dem Trittauer Friedhof hinzu, mit einer Felsengruft, die an das Grab Jesu erinnert, und einer Sonne als Auferstehungssymbol. Ein Monument, das zeigt, wie Nation, Krieg und Religion miteinander verquickt wurden. In den 50er Jahren kam ein Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs hinzu. Seit 2012 steht das Doppel-Ehrenmal unter Denkmalschutz.

Es ist saniert und von der Straße aus sichtbar. Das Denkmal mit dem Adler und der Dolchstoß-Inschrift aber ist nicht saniert worden. Der Zement bröckelt, der Rhododendron wächst, und die Inschrift ist nur noch mit Mühe zu lesen. „Der Spruch soll nicht vertieft und wieder neu lesbar gemacht werden“, erklärt Bergemann, „das zieht nur die falschen Leute an.“

II. Lübeck: Bunker für die Nachwelt

„Der Führer selbst“, schrieb der Lübecker Baurat Dr. Otto Hespeler 1942, „hat den Befehl ausgegeben, dass diese Wehrbauten ebenso wie die stolzen Burgen alter Zeiten für Jahrhunderte Denkmäler (...) unserer Zeit bilden sollen.“ Die „Wehrbauten“, die er meinte, waren Luftschutzbunker. Wie Hespeler sich seine neuen Denkmale vorstellte, kann man noch heute am Mühlentorplatz sehen. Dort steht ein roter Turm mit schiefergedecktem Helmdach kurz vor der Altstadt, den viele Touristen für einen Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung halten und viele Lübecker für einen alten Wasserturm.

Die Tür zum Erdgeschoss, wo der Verein für Familienforschung seine Räume hat, führt durch eine schmale Schicht Klinker und 1,13 Meter Beton. Die Decke ist niedrig und trägt die Abdrücke einer Holzverschalung. Außen Backstein, innen Bunker; außen Mittelalter, innen Weltkrieg. Heiner Freiesleben und Ulrike Scholz, die sich in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz engagieren, wollen solche Bauten auf Dauer erhalten. „Damit spätere Generationen einen Eindruck kriegen: Welche Spuren hat der Krieg hinterlassen?“, sagt Freiesleben.

Der Bunker am Mühlentor hat ein gefälliges Äußeres. Baurat Hespeler baute ihn in bewusster Anlehnung an das längst abgebrochene äußere Mühlentor aus dem 16. Jahrhundert. Inzwischen ist er sogar noch gefälliger als zu seiner Entstehungszeit. Die englischen Besatzer hätten ihn am liebsten gesprengt — aber das hätte die angrenzende Altstadt gefährdet. Also begnügten sie sich mit dem Einbau mehrerer Fensterfronten. „In einem Stadtführer vom Ende der 40er Jahre standen diese Bunker noch als Sehenswürdigkeiten“, sagt Freiesleben. Er würde gern noch weitergehen und nicht nur diesen Turm erhalten — sondern auch nackte Betonklötze wie den Bunker an der Ziegelstraße, den wohl kein Reiseführer aufnehmen würde. Ulrike Scholz sagt: „Das Denkmal will ja nicht immer nur schön sein.“

III. Bliesdorf: Die kühle Schönheit

Pastor Torsten Marienhagen steht hinter den Kirchenbänken der Kapelle von Bliesdorf und blickt in Richtung des Altars. Die gerundete Ziegelwand ist weiß getüncht. Das Licht kommt durch eine kreisrunde Öffnung in der Decke. „Ich hatte mal jemanden von einer Baufirma“, erzählt Marienhagen, „der guckte mich an und sagte: ,Warum machen Sie‘s nicht platt?‘“ Niemand würde ihn das in seiner anderen Kirche fragen, in der 800 Jahre alten Basilika von Altenkrempe, die rot leuchtend, romanisch, mächtig in die Landschaft ragt.

Beide Sakralbauten der Kirchengemeinde Altenkrempe stehen unter Denkmalschutz. Die alte Kirche findet fast jeder schön. Die neue Kirche nicht. „Das ist die Ausnahme, die den modernen Kirchenbau schätzt“, sagt Marienhagen. Die Kapelle in Bliesdorf liegt außerhalb des Ortes an der Bundesstraße. Ihr Eingang ist der Straße abgewandt. Die Siedlung, zu der sie einmal gehören sollte, wurde nie gebaut. Sonntagnachmittags wird sie für zwei Stunden geöffnet. Dann kann man sich Bilder von örtlichen Künstlern ansehen und einen Kaffee trinken. Im Sommer gibt es alle zwei Wochen einen Gottesdienst. Sonst nur an hohen Feiertagen.

Der Bau des Architekten Otto Andersen wurde 1966 fertig. Er war Teil eines Kapellenbauprogramms für Schleswig-Holstein, dessen Bevölkerung durch die Flüchtlinge aus dem Osten auf mehr als das Anderthalbfache gewachsen war. Fast 80 moderne, kleine Kirchen entstanden in den 60er Jahren, aus Holz, aus Backstein, aus Beton. Manche entstanden nach Musterbauplänen, andere waren Einzelstücke wie die in Bliesdorf. Heute ist es schwer, diese Bauten noch mit Leben zu füllen. Die Bethlehem-Kirche in Witzhave (Stormarn) wurde im Juni entwidmet. Steht der Kapelle in Bliesdorf ein ähnliches Schicksal bevor?

Pastor Marienhagen liebt diese Kapelle. „Sie hat eine wunderbare Akustik. Wenn die Sonne reinkommt, erstrahlt der Altarraum, das ist ein Wahnsinn!“, schwärmt er. Illusionen macht er sich trotzdem nicht. „Denkmalschutz ist ja schön und gut“, sagt er. „Aber die Diskussion wird kommen: Was erhalten wir, was machen wir platt?“

Tag des offenen Denkmals: Was ist wert, erhalten zu werden?
Rund 7500 historische Gebäude, archäologische Stätten, Gärten und Parks sind morgen am Tag des offenen Denkmals geöffnet. Das Motto lautet dieses Jahr: „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ Es geht dabei um die zentralen Fragen der Denkmalpflege: Was ist wert, erhalten zu werden und weshalb? Was macht Denkmale unbequem, wann und für wen?

Längst nicht alle der teilnehmenden Denkmale sind auf dieses Motto bezogen. „Jenseits des Guten und Schönen“ ist außerdem nicht so zu verstehen, dass unbequeme Denkmale nicht auch schön sein können. Denkmale, die an Krieg und Unrecht erinnern sind ebenso im Fokus wie Denkmale der Nachkriegsmoderne oder nicht mehr genutzte Industriebauten und historische Gebäude in strukturschwachen Gegenden.

Der Tag des offenen Denkmals ist der deutsche Beitrag zu den European Heritage Days. Alle 50 Länder der europäischen Kulturkonvention beteiligen sich im September und Oktober an dem Ereignis.

• www.tag-des-offenen-

denkmals.de

Hanno Kabel

Hier finden Sie eine Übersicht alle Denkmäler: http://maps.tag-des-offenen-denkmals.de/#/land/sh

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