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Dem Gold der Ostsee auf der Spur

Prerow Dem Gold der Ostsee auf der Spur

Nie war er wertvoller als heute: Bernstein. Mit dem Experten Carsten Gröhn auf Schatzsuche auf dem Darß.

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Seit 25 Jahren im Bernsteinfieber: Carsten Gröhn aus Glinde durchkämmt mit seiner kleinen Harke frisches Schwemmgut auf dem Darß bei Prerow.

Quelle: Fotos: Petra Haase, Carsten Gröhn

Prerow. Prerow. Der Wind kam über Nacht aus Nordost und ist abgeflaut. Wir sind auf der mecklenburgischen Halbinsel Darß unterwegs in Richtung Nordstrand. Viel Hoffnung auf Funde macht Carsten Gröhn nicht. Zu wenig Wind die letzten Tage. Und größere durchwühlte Haufen Schwemmgut deuten darauf hin, dass die Einheimischen schon alles abgesucht haben. „Neues Material“ finden wir dicht am Ufer. Seetang mit schwarzem Treibholz. Carsten Gröhn durchwühlt alles mit seiner Harke, ich nehme die Finger. Ist das nicht...? Nein, nur eine hellbraune Muschel. Aber da! Ein erbsengroßes, dunkelbraunes Stückchen. „Bernstein?“ Der Experte nickt. Mein erster Fund! Nur wenig später hat Carsten Gröhn einen schönen, gelben Stein entdeckt. Unglaublich, in so kurzer Zeit schon zwei Treffer.

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Auf der Nordseeinsel Neuwerk haben meine Frau und ich in drei Tagen 1,6 Kilo Bernstein gefunden.“ Carsten Gröhn mit den beiden größten Fundstücken

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Peanuts für den Experten. Seit 25 Jahren hat sich der pensionierte Biologie-Lehrer aus Glinde (Kreis Stormarn) dem Bernstein verschrieben, hat mehrere Standardwerke dazu verfasst und ist als Vorsitzender des Arbeitskreises Bernstein des Geologisch-Paläontologischen Instituts der Uni Hamburg dem fossilen Nadelbaumharz wissenschaftlich auf der Spur. Seine Urlaube plant er mit seiner ebenfalls bernsteinbegeisterten Frau Jutta nach dem Kalender: Im Herbst und Winter an Nord- und Ostsee. Ansonsten reisen sie zu Bernstein-Hotspots weltweit oder suchen in Kiesgruben. Und alljährlich zur Jahreswende sind sie in Mecklenburg- Vorpommern auf dem Darß.

Die Finger sind eiskalt. Schietegal, wenn zwischen Rollholz und Seetang vielleicht der ultimative Stein wartet. Carsten Gröhn greift ein braunglänzendes Teil, das sich als Pflaumenkern entpuppt. Und hier? Nur eine von Steinen glattgeschmirgelte Flaschenscherbe. Lauter Blender, die sich als Bernstein ausgeben. Aber was leuchtet dort zwischen Holz und Seetang? Ich greife ein daumennagelgroßes Stück. Kein Blender. Bernsteinglück, das man nicht kaufen kann. Aber an diesem Strand, meint Gröhn, sei nichts mehr zu holen. Etwa 20 Meter frisches Schwemmgut haben wir abgegrast. Zeit, zum Weststrand zu radeln.

Börnsteen, Brenn-Stein, hat man früher gesagt, denn Bernstein ist brennbar, weil er im Gegensatz zum echten Edelstein kein Mineral ist, sondern aus organischem Material besteht. Aus 40 Millionen Jahre altem Kiefernharz. Also eigentlich gar kein Stein. Fasziniert hat er die Menschen schon immer, als Schmuck und Heilmittel, doch den neuen Hype um das alte Harz haben wir ausgerechnet den Chinesen zu verdanken. Honiggelbe Steine und ovale Ketten sind dort trendy, und so wie die Preise in den vergangenen Jahren nach oben geschossen sind, jagen Bernsteinaufkäufer durch den Norden auf der Suche nach den wahren, schönen Stücken. Ein TV-Beitrag über das „Bernsteinmobil“, wo für Omas Klunker schon mal bis zu 1000 Euro gezahlt wurden, heizten den Jieper von Schmuckbesitzern und Hobby-Sammlern an den Ostseeküsten zusätzlich an — weckten allerdings auch völlig falsche Erwartungen, denn hohe Preise erzielen nur sehr wenige Stücke.

Am Darßer Weststrand sind heute viele Menschen unterwegs. „Wer sich bückt, ist ein Feind“, lautet ein Sammlerspruch. Die Spaziergänger sind keine Konkurrenz für uns. Frisches Schwemmgut ist allerdings nicht zu sehen. Also weitergehen, getrieben von der Hoffnung auf einen schönen Stein. „Auf der Nordseeinsel Neuwerk haben wir mal 1,6 Kilo Bernstein gefunden“, sagt Gröhn.

Bei aller Bernsteinverrücktheit — den derzeitigen Hype um teure Steine findet er „grauselig“. Für den Biologen haben die Fossilien ohnehin einen ganz anderen Wert. Den gebürtigen Möllner fasziniert der Blick in eine Welt vor Millionen von Jahren, denn er sammelt Einschlüsse: Käfer, Mücken, Pflanzenteile, konserviert wie in einer Zeitkapsel. „Sie sind perfekt erhalten.“ Säugetiere standen vor 40 Millionen Jahren am Anfang der Entwicklung, und Nachweise davon lassen sein Herz höher schlagen. Etwa 200 bisher nicht bekannte Insektenarten hat er entdeckt, 60 wurden nach ihm benannt. Zusammen mit den 210 Mitgliedern des Arbeitskreises Bernstein und mit Wissenschaftlern weltweit forscht Carsten Gröhn über eine Welt vor unserer Zeit. „Eine vollständige Eidechse im Bernstein fehlt mir noch. Aber um die bezahlen zu können, müsste ich mein Auto verkaufen.“

Eine halbe Stunde sind wir am Strand gewandert, bis wir an einer kleinen Landzunge Schwemmgut entdecken. Da! Nein, wieder nur eine Scherbe. Aber hier! Ein flaches, sonnengelbes Bernsteinstück. Zwar ohne Einschluss, aber von leuchtender Schönheit. „Dieses Gefühl, wenn man etwas gefunden hat, ist unbeschreiblich“, weiß Carsten Gröhn. Er hat mehr als 10000 Stücke in seiner archivierten Sammlung, nicht alle selbst gefunden. „Die meisten Stücke, darunter auch die wertvollsten, habe ich dem Museum des Geologisch-Paläontologischen Instituts vermacht.“

Das Schwemmgut ist durchwühlt. Wir beschließen, die Suche zu beenden. Gut zwei Stunden waren wir insgesamt unterwegs, vier Steine sind die Ausbeute. Carsten Gröhn wird in den nächsten Tagen auf günstigen Wind hoffen. Und ich spüre leichte Infektionserscheinungen. Bernsteinfieber.

Ribnitz-Damgarten — die Bernsteinstadt des Nordens
Ribnitz-Damgarten. Sie hat ein Museum, eine Schauwerkstatt, eine Bernstein-Sauna, schreibt einen Kunstpreis für Bernstein aus, feiert das Bernsteinfest und kürt, natürlich, eine Bernsteinkönigin: Die Stadt Ribnitz-Damgarten in Mecklenburg-Vorpommern ist eng mit dem „Gold der Ostsee“ verbunden. Schon in den 1930er Jahren war der mit Bernstein besetzte „Fischlandschmuck“ von Goldschmied Walter Kramer sehr beliebt. Zu DDR-Zeiten entstand daraus der volkseigene Betrieb „Ostsee-Schmuck“ und entwickelte sich zum größten Schmuckhersteller in der DDR. Bernsteinschmuck war der Exportschlager. Bis zu 650 Mitarbeiter haben dort gearbeitet, erzählt Geschäftsführer Thomas Radtke (44). Er selbst lernte dort das Goldschmiedehandwerk. „Wir haben vorwiegend für westliche Großkunden gearbeitet. Als die D-Mark kam, wurde unsere Arbeit plötzlich zu teuer.“
Es kam zu Entlassungen — und zur Idee, als Schaumanufaktur Touristen anzuziehen. 26 Mitarbeiter arbeiten heute in der Manufaktur. Zwölf Goldschmieden kann man bei der Arbeit über die Schulter schauen, Reparaturen werden wenn möglich gleich erledigt. Der gängige Bernsteinschmuck werde auf Messen eingekauft, hochwertige Stücke in Ribnitz-Damgarten produziert.
„Vor drei Jahren waren die Vitrinen noch voll mit Bernsteinschnitzerei, aber dann kamen etliche Chinesen und haben alles weggekauft“, erzählt Radtke. Das widerspreche dem Konzept des Hauses. „Wir verkaufen Schmuck fürs Volk.“ Es gibt zwar noch wenige teure Einzelstücke wie eine Bernsteinkogge für 59000 Euro, doch man kann auch für 50 Cent ein Bernsteinandenken mit nach Hause nehmen oder selber basteln.
Die bedeutendste Bernstein- Sammlung Deutschlands findet man im Deutschen Bernsteinmuseum. Die Dauerausstellung im ehemaligen Ribnitzer Kloster umfasst 24 Kapitel von der Entstehung des Bernsteins bis zu moderner Kunst. 1600 Exponate zeigen imposante Einschlüsse von Tieren oder Pflanzenteilen, Schmuckstücke, mittelalterliche Amulette, adlige Geschenke aus der Blütezeit der Bernsteinschnitzkunst im 16. und 17. Jahrhundert bis zu Alltagsgegenständen aus Bernstein.
Weitere Infos:

www.ostseeschmuck.de
www.deutsches-bernsteinmuseum.de
Vom Suchen und Finden
Im Herbst und Winter lohnt sich die Suche. Bei vier Grad Celsius hat das Wasser seine größte Dichte — dann ist Bernstein besonders leicht und wird von den Wellen transportiert. Allerdings: Nur etwa fünf Prozent des küstennahen Bernsteins wird im Laufe der Zeit an Land geworfen.


Der Wind sollte immer vom Meer kommen. Bei Sturm ist die Suche nicht ratsam, sondern erst, wenn der Wind abgeflaut ist. Die größten Chancen hat man dort, wo schwarzes, kohlehaltiges Holz, Gehäuse von Seewürmern und Algen als Spülsaum angeschwemmt worden sind. Auch an Buchten zwischen Molen kann man gute Ausbeute haben. Ebenso an Strandabschnitten, an denen frischer Meeressand aufgespült wird.


Den meisten Ostsee-Bernstein findet man an den Küsten Polens, der Enklave Kaliningrad und Litauen, aber auch auf dem Darß, Hiddensee, vor Rügen und Usedom. An der Nordsee ist die Elbmündung ein gutes Revier zum Suchen.


Auch Kiesgruben, Steinbrüche, Baustellen sind gute Fundgruben. Man darf dort allerdings nicht ohne Genehmigung herumbuddeln.
LESEN & SEHEN
Mehrere Bücher hat Carsten Gröhn beim Wachholtz- Verlag veröffentlicht, u.a. „Alles über Bernstein“ (208 S., 29,90 Euro), „Einschlüsse im Baltischen Bernstein“ (424 S., 49,80 Euro), „Bernstein — Suchen und Finden“ (96 S., 7,90 Euro).


Im Internet findet man ausführliche Infos rund um den Bernstein unter www.ambertop.de

Die Ausstellung „Zeitkapsel Bernstein“ im Naturhistorischen Museum Braunschweig zeigt bis zum 22. Mai Bernsteine und ihre Inklusen aus drei bedeutenden Privatsammlungen.
DREI FRAGEN AN...

1 Wie wertvoll ist Bernstein?
Den Wert von Bernstein kann man pauschal nicht beziffern. Er richtet sich in erster Linie nach der aktuellen Nachfrage, die zur Zeit zum größten Teil aus China kommt. Es werden außerdem sehr hohe Ansprüche an Größe, Qualität und Farbe der Steine gestellt, diese Kriterien führen zu ganz erheblichen Preisunterschieden des Bernsteins — von fünf Cent bis fünf Euro pro Gramm.
2Wie hat er sich in den vergangenen Jahren verteuert?
Die Preise für Bernstein sind etwa in den letzten drei Jahren um 500 Prozent gestiegen. Dass ein Gramm Bernstein teurer als ein Gramm Gold ist, wie manchmal behauptet wird, trifft nur auf sehr seltene museale Schmuckstücke zu. Unverarbeiteter Rohbernstein ist in seinem Wert nicht mit dem Goldpreis vergleichbar.
3Lohnt es sich, in Bernstein zu investieren — oder sollte man seinen Bernsteinschmuck verkaufen?
In Bernstein zu investieren wäre sehr riskant. Sollte der chinesische Markt gesättigt sein, was sich bereits leicht andeutet, könnten die Bernsteinpreise auf den Stand von 2012 zurückfallen.
Bernsteinschmuck oder Rohbernstein kann man als Liebhaber oder Sammler kaufen und sich daran erfreuen. Um seinen Bernsteinbestand zu verkaufen, ist die Zeit momentan genau richtig.

Petra Haase

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