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Der Chefkritiker der Deutschen

Lübeck Der Chefkritiker der Deutschen

Literaturpapst und Scharfrichter — ein Leben, das von Büchern bestimmt war, ist zu Ende: Marcel Reich-Ranicki starb gestern mit 93 Jahren.

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Ratlos: Thomas Gottschalk 2008 mit Reich-Ranicki.

Lübeck. Wenn man jetzt, da er tot ist, auf das Leben von Marcel Reich-Ranicki zurückblickt, erscheint einiges an der Wirkung dieses Mannes, der über sechs Jahrzehnte deutsche Kulturgeschichte mitgeschrieben hat, erstaunlich bis unwahrscheinlich. Da ist das Bild eines häufig schlecht gelaunten, zum harten Urteil neigenden Literaturkritikers, der mit knarrender Stimme, erhobenem Zeigefinger und überhaupt oberlehrerhafter Anmutung eine Fernsehsendung dominiert — das „Literarische Quartett“ (1988 — 2001). Und es gelang ihm doch — vorübergehend zumindest —, die Buchkultur im Fernsehen heimisch zu machen wie vor ihm keiner und nach ihm sowieso niemand mehr.

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So liebte ihn auch das Fernsehvolk: Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) mit skeptischer Miene, im Begriff, ein prägnantes Urteil zu fällen.

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Da ist das Bild eines alten Mannes, der unverblümt und öffentlich den Stumpfsinn der Fernsehunterhaltung anprangert, als ihm 2008 der Deutsche Fernsehpreis verliehen werden sollte. „Bei dem vielen Blödsinn, den ich heute Abend gesehen habe, glaube ich nicht, dass ich dazugehöre“, sagte er und lehnte die Ehrung ab. Er war sich dann aber nicht zu schade, sich neben seinen Duzfreund Thomas Gottschalk ins Fernsehstudio zu setzen und über seine Ansichten zum ungeliebten Medium zu dozieren. Dass das ZDF die halbstündige Abrechnung ins Nachtprogramm verbannte, dafür konnte Reich-Ranicki nichts.

Als literarische Instanz verehrt und gefürchtet

Bei aller Skurrilität des häufig imitierten und karikierten Reich-Ranicki: Er war der unterhaltsamste Intellektuelle, der je regelmäßig zum Fernsehvolk gesprochen hat. „Das „Quartett“ war die Basis seiner späten Popularität, von der aus er Angriffe auf den schlechten Geschmack startete und die aggressive Verteidigung der guten Literatur betrieb. Gute Literatur, das waren die Romane von Autoren seiner Generation, deutschen zumeist, von Wolfgang Koeppen, Arno Schmidt und Uwe Johnson. Die „Blechtrommel“ von Günter Grass rühmte er — drei Jahre nach Erscheinen; den Roman „Ein weites Feld“ zerriss er demonstrativ auf dem Titelblatt des „Spiegel“. Er rühmte die Klassiker, dazu die Mann-Brüder, Tucholsky und Brecht. Sein fünfbändiger „Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke“ führte sie alle auf — samt Begründung.

Verehrt und gefürchtet war Reich-Ranicki schon in seinem Vor-TV-Leben, als er bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ und im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ für Literatur zuständig war. Aus jenen Tagen stammt auch das als Schmähung gedachte Attribut „Literaturpapst“, die Respektsbezeichnung lautete „MRR“ — sein Autorenkürzel. Diejenigen, die von ihm kritisiert wurden, unterstellten Reich- Ranicki die Attitüde des Unfehlbaren. Dabei waren seine Artikel zu Neuerscheinungen vor allem kämpferisch, engagiert und mit Feuer geschrieben. Es war wohl diese Leidenschaft für das gedruckte und erzählende Wort, die später ein größeres Publikum mitriss.

Dass er als Jude aus Wloclawek eine maßgebliche Stimme in der deutschen Publizistik wurde, ist das eigentlich verblüffende Detail seiner Karriere. Denn er begann sie in einer Zeit — den 1950er Jahren —, als die Ressentiments der zu Demokraten gewendeten Deutschen sich noch unverblümt bemerkbar machten. Er hatte damals — wie später am denkwürdigen Fernsehpreis-Abend — häufig das Gefühl, nicht dazuzugehören. „Ich bin ein halber Pole, ein halber Deutscher und ein ganzer Jude“, bekannte Reich-Ranicki. Sein Buch „Über Ruhestörer: Juden in der deutschen Literatur“ machte den Lesern dann klar, welch reiche Tradition der Nationalsozialismus abgewürgt hatte.

Zusammen mit seiner Frau hatte er das Warschauer Ghetto überlebt, mit ihr, Teofila Langnas, genannt Tosia, blieb er zusammen bis zu ihrem Tod im April 2011. Danach ging es auch mit MRRs Gesundheit bergab. Im Januar 2012 hatte er seinen letzten öffentlichen Auftritt: Er sprach bei der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag. Als Überlebender des Warschauer Ghettos berichtete der damals 92-Jährige, wie er im Juli 1942 den Auftakt der Deportation der Warschauer Juden in die Todesmaschinerie der Nazis und ihrer Vernichtungslager erlebte. Mit kaum noch verständlicher Stimme berichtete er vom Abtransport der Juden aus dem Warschauer Ghetto nach Treblinka. „Was die Umsiedlung der Juden genannt wurde (...) hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck — den Tod.“

Im März dieses Jahres machte er seine Krebserkrankung öffentlich. Mit 93 Jahren starb er gestern in einem Wohnstift in Frankfurt am Main, wo er zuletzt gelebt hatte. „Marcel Reich-Ranicki prägte mehr als ein halbes Jahrhundert lang den literarischen Diskurs in Deutschland“, schrieb Felicitas von Lovenberg, Literaturredakteurin der „FAZ“, für deren Sonntagsblatt er bis zuletzt schrieb.

Am Ende seines Lebens wurde er nur noch verehrt, sein Tod von Schriftstellern und Politikern aller Parteien betrauert. Bundespräsident Joachim Gauck schrieb: „Er, den die Deutschen einst aus ihrer Mitte vertrieben haben und vernichten wollten, besaß die Größe, ihnen nach der Barbarei neue Zugänge zu ihrer Kultur zu eröffnen. Mit Marcel Reich-Ranicki verliert die deutsche Literatur ihren leidenschaftlichsten Streiter und ihren entschiedensten Anwalt.“

Daten und Zahlen — das Leben des Marcel Reich-Ranicki

1920 kommt Marcel Reich-Ranicki am 2. Juni im polnischen Wloclawek als Sohn eines jüdischen Fabrikbesitzers und einer Deutschen zur Welt. Nach dem Bankrott des Vaters lebt er ab 1929 bei wohlhabenden Verwandten in Berlin, wo er 1938 sein Abitur macht. Der Zugang zur Universität wird ihm aber wegen seiner jüdischen Herkunft verwehrt.

Ende Oktober 1938 wird er nach Polen ausgewiesen und geht nach Warschau, wo man ihn 1940 zur Umsiedlung ins Ghetto zwingt. Im Februar 1943 flieht er gemeinsam mit seiner Frau Teofila vor der Deportation und versteckt sich bis zum Eintreffen der Roten Armee. Nach dem Krieg arbeitet er für den polnischen Nachrichtendienst, landet aber wegen „ideologischer Entfremdung“ im Gefängnis. Ab 1951 versucht er sich als Schriftsteller, später geht er zum Rundfunk.

Während einer Studienfahrt nach Deutschland 1958 bleibt Reich-Ranicki in Frankfurt am Main, wo er bereits einen Monat später als Literaturkritiker der FAZ eingestellt wird. 1959 geht er nach Hamburg zur „Zeit“, 1973 kehrt er als Chef der Literaturredaktion zur FAZ zurück.

Von 1988 bis 2001 leitet er das „Literarische Quartett“ im ZDF, wofür ihm2008 der Deutsche Fernsehpreis verliehen wird. Unter dem spontanen Hinweis auf den „Blödsinn, den wir hier heute Abend zu sehen bekommen haben“, lehnt er die Auszeichnung aber ab — zum Entsetzen des Publikums und des verdutzten Moderators Thomas Gottschalk.

TV-Tipp: 23.15 Uhr, ZDF: Markus Lanz plaudert mit Weggefährten Reich-Ranickis; 0.45 Uhr: „Ich, Reich-Ranicki“, Porträtfilm (2006).

Michael Berger

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