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Der Endspurt der Wahlkämpfer

Eine Woche vor der Bundestagswahl: Parteien und Kandidaten werben um jede Stimme. Der Endspurt der Wahlkämpfer

Die letzte Wahlkampfwoche hat begonnen. Die Parteien geben noch einmal alles. Eine Reise durch die Region.

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Sigmar Gabriel, SPD-Bundesvorsitzender, beantwortet auf dem Koberg Fragen aus dem Publikum.

Quelle: Fotos: Dirk Hourticolon

Sonnabend, 9 Uhr, Ahrensbök: Der Bundestagsabgeordnete Ingo Gädechens steht mit einer orangefarbenen Rose in der Hand im Autolärm. Auf der Plöner Straße ist viel Verkehr, aber Fußgänger gibt es nicht. Abgesehen von den Männern in dunkelblauen Jacken und Schirmmützen, auf denen „CDU Ahrensbök“ steht. Sie bringen die Kartons mit den Programmen, Broschüren, Kugelschreibern, Einkaufschips und Gummibärchen. „Was gut ankommt bei den jungen Leuten“, sagt Gädechens, „sind die iPhone-Cleaner.“

Schließlich greift er sich einen Strauß oranger Rosen und geht über den Parkplatz zum Lidl-Markt. Eine junge Frau, der er eine Rose entgegenhält, schüttelt lächelnd den Kopf und geht weiter. Eine alte Frau bedankt sich, als er ihr einen Einkaufschip und eine Rose in die Hand drückt. Sie reden ein bisschen über Ahrensbök und über gemeinsame Bekannte; Gädechens ist hier aufgewachsen. Glaubt er, auf diese Weise die Wahl zu beeinflussen? „Nein“, sagt er. „Ob ich damit die Wahlbeteiligung erhöhe, das ist die Frage, und das tun wir doch!“

10 Uhr, Reinfeld: Bis vor einem Jahr war Bernd Buchholz Vorstandsvorsitzender der Gruner + Jahr AG, eines großen Zeitschriftenverlags. Jetzt steht er vor einem Supermarkt in Reinfeld und verteilt Flugblätter, Windrädchen und Luftballons. Er hat beste Aussichten, in den Bundestag gewählt zu werden. „Diese Sache macht mir Spaß“, sagt er. „Es schadet einem auch nicht, wenn man einen Stand selber aufgebaut hat.“ Er reicht einem Mann ein Flugblatt. Der winkt ab und sagt: „Diese Gruseltruppe! Rösler und Brüderle. . .“ — „Aber hier geht‘s nicht um Rösler und Brüderle, hier geht‘s um mich“, sagt Buchholz.

Manchmal, gibt er zu, kämen diese Momente, in denen man sich frage: Warum machst du das hier alles? „Nach dem sechsten oder siebten Termin, wenn ich am Abend zu einer Veranstaltung gehe, die der politische Gegner organisiert hat, und der Saal ist voll mit Leuten, die ich sowieso nicht überzeugen kann.“ Nebenan steht die SPD. Es gibt keine Koalition, aber friedliche Koexistenz. „Wir wollen uns ja nicht gegenseitig überzeugen“, sagt der SPD-Mann. „Das bringt ja auch nichts.“

11 Uhr, Lübeck: Eine Frau tritt wortlos an den Infostand der Grünen in der Breiten Straße, nimmt sich drei Bleistifte und einen Kugelschreiber und geht wortlos davon. „Es kommen natürlich auch immer Leute, die einfach alles abgreifen“, sagt die grüne Wahlkämperin Hilde Klöckner. Aber es gibt auch Besucher am Stand, die sich für Politik interessieren. Atomkraft, sagt Hilde Klöckner, sei für viele noch immer ein wichtiges Thema. Auch die Steuerpläne der Grünen. „Das wurde nicht so gut verkauft.“ Und immer wieder: die Kriegseinsätze in Serbien 1999, denen die Grünen damals als Regierungspartei zustimmten. „Das werden wir nie ganz los.“

Ob man am Infostand Menschen politisch überzeugen kann — da hat Hilde Klöckner ihre Zweifel. „Da braucht es mehr als ein Gespräch. Letztlich“, sagt sie, „sind es alles nur Worte. Im Endeffekt kommt es auf das an, was man macht. Das ist natürlich ein bisschen schwierig in der Opposition.“

12 Uhr, Lübeck: Auf dem Koberg hat die SPD ein großes, rundes Zeltdach aufgebaut. Der Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel tritt auf die Bühne, sagt „Moin!“ und erzählt, dass er in seiner Kindheit oft bei seinem Onkel in Stockelsdorf war, der dort einen Schrebergarten hatte. „Für Erdbeeren und sowas hatten wir kein Geld.“ Lokaler Bezug, persönliche Anekdote, Herkunft aus kleinen Verhältnissen, alles in den ersten zwei Minuten. Sigmar Gabriel ist Profi.

Er kommt gerade aus Niendorf an der Ostsee, wo er die Direktkandidatin Bettina Hagedorn unterstützt hat. Gabriel hält vor den gut 500 Zuhörern in Lübeck keine Rede, sondern antwortet auf Fragen aus dem Publikum. Virtuos schaltet er hin und her zwischen Volkston und politischem Argument. Er plaudert über den politischen Betrieb und zieht scheinbar sein Publikum ins Vertrauen: „Ich kann Ihnen versichern, im Bundesrat stimmen die Ministerpräsidenten nicht nach Parteifarbe ab. Was glauben Sie, wie oft der Schröder wegen mir in den Vermittlungsausschuss musste!“ Die Zuhörer wollen über Steuerrecht reden, über Studiengebühren, Waffenexporte, Tarifverträge, Kinderbetreuung, Integration von Einwanderern, über Syrien und immer wieder über Rente und Pflege. Gabriel ist auf alles gut vorbereitet.

Nur einmal scheint er es nicht zu sein, bei einer Frage zum Jugendstrafrecht. Aber er strauchelt nicht. „Ich bin kein Experte in Jugendgerichtsfragen“, sagt er. „Seien Sie vorsichtig bei Politikern, die sagen, sie verstehen von allem was.“ Dann pariert er die Frage: „Ich persönlich finde, weil ich Pädagoge bin, jede Maßnahme gut, die nicht Haft ist.“ Den Rest bestreitet er aus dem Parteiprogramm.

14 Uhr, Lübeck: Während Sigmar Gabriel am Koberg eintraf, haben die Linken in der Breiten Straße ihre roten Lastenfahrräder entladen und einen Stand aufgebaut, gleich neben der SPD. „Eigentlich mach‘ ich das hier echt gern“, sagt Katjana Zunft. Sie erzählt den Bürgern viel von sich selbst. Von ihren Sorgen als alleinerziehende Mutter, von ihrer Arbeit im Frauenhaus, von ihrem niedrigen Rentenbescheid. „Gerade Rente ist für viele ein Thema“, sagt sie, „auch für Jüngere.“ Katjana Zunft blickt die Breite Straße hinab zur SPD und den anderen. „Das Hauptziel aller Parteien“, sagt sie, „ist doch, die Leute zum Wählen zu kriegen.“

Der Norden im Bundestag

11 der 299 Bundestagswahlkreise liegen in Schleswig-Holstein: Flensburg-Schleswig, Nordfriesland-Dithmarschen-Nord, Steinburg-Dithmarschen-Süd, Rendsburg-Eckernförde, Kiel, Plön-Neumünster, Pinneberg, Segeberg-Stormarn-Mitte, Ostholstein- Stormarn-Nord, Herzogtum Lauenburg-Stormarn-Süd, Lübeck. Weil die bundesweite Nummerierung im Norden beginnt, tragen sie die Nummern 1 bis 11.

Die Wahlkreise folgen nicht den Grenzen der Landkreise und kreisfreien Städte. Zum Beispiel gehören einige Gemeinden des Kreises Segeberg zum Wahlkreis Steinburg-Dithmarschen Süd, und zum Wahlkreis Lübeck gehören Gemeinden im Norden des Kreises Herzogtum Lauenburg.

24 Abgeordnete aus Schleswig-Holstein sitzen zurzeit im Bundestag. Direkt gewählt sind neun CDU- und zwei SPD-Abgeordnete — einer für jeden Wahlkreis. Die übrigen 13 Abgeordneten wurden über die Landeslisten gewählt.

Die Zahl der Zweitstimmen entscheidet, wie viele Abgeordnete eine Partei im Bundestag hat. Wenn sie die Abgeordnetenzahl, die ihr zusteht, nicht mit direkt gewählten Kandidaten erreicht, kommen die Listenkandidaten zum Zuge. Über die Landesliste 2009 sind Kandidaten von SPD, FDP, Grünen und Linken in den Bundestag gekommen, aber keine von der CDU. Vor allem für die Kandidaten der kleineren Parteien, die so gut wie nie direkt gewählt werden, ist entscheidend, an welcher Stelle sie auf der Landesliste stehen.

Hanno Kabel

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