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Nachrichten Seite Drei Der Kampf gegen die Kälte
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20:54 15.10.2015
Ahmad (22) und Achmed (23) aus Damaskus haben es aus dem Bürgerkriegsland Syrien nach Hamburg-Jenfeld geschafft.

Es ist nass, es ist kalt im Jenfelder Moorpark. Ein Bauzaun neben Mietskasernen, hinter dem ein grünes Netz als Sichtschutz angebracht ist. Dahinter ragen im Nieselregen die weißen Dächer des Zeltlagers auf, in dem aktuell 800 Flüchtlinge auf ein besseres Leben warten.

„Alle Zelte sind jetzt beheizt“, hatte gestern Vormittag Frank Reschreiter, Sprecher der Behörde für Inneres bei der Stadt Hamburg erklärt. Die Realität sieht, zumindest gestern in Jenfeld, anders aus.

„Wir frieren“, sagt Framerz (52), ein Holzingenieur aus dem Iran. In seinem Zelt seien an die 20 Menschen untergebracht, darunter Frauen und Kinder. „Nachts schreien die Babys, weil ihnen so kalt ist“, erklärt der Flüchtling. „Niemand kann schlafen.“

Leider fehlen auch wärmende Decken. „Sie können sich vorstellen, was los ist, wenn 800 Leute gleichzeitig eine Decke wollen“, berichtet Thore Voller (22), der an der benachbarten Otto-Hahn- Schule arbeitet. Dort haben sie Kleiderspenden gesammelt, und nun ist er mit Decken, Schlafsäcken und einem Mantel unterm Arm auf dem Weg in das Flüchtlingslager. Eine junge Mutter aus Eritrea, die einen Kinderwagen schiebt, ist eine dankbare Abnehmerin. Sogleich bedeckt sie ihr Kind mit dem wärmenden Überwurf.

Ein junger Mann, ebenfalls aus Eritrea, weist auf seine Flipflops. „Andere Schuhe habe ich nicht“, behauptet er. Dabei ist der Boden matschig, vom Regen aufgeweicht. Über einen Monat ist er schon in der eilig errichteten Zeltstadt. Zu essen gebe es genug, meint er. Aber es sei eben kalt. „Very cold.“

Ein Stück weiter ist ein Mann aus Stormarn mit dem Auto vorgefahren. Auch er will warme Sachen spenden, Kinderkleidung vor allem. Leihweise auch zwei Heizpilze. „Die nehmen wir gerne“, freut sich Uwe (61), der für „Fördern und Wohnen“, den Träger des Lagers, in der Kleiderkammer arbeitet. „Die warmen Sachen geben wir zuerst den Frauen und Kindern“, berichtet der Helfer, der seine Haare zu einem grauen Pferdeschwanz gebunden hat und eine gelbe Regenjacke trägt. Für die Männer reiche es nicht immer. Doch ständig kämen neue Spenden. Auch Schuhe seien an sich genug da. „Aber viele junge Männer wollen modische Sportschuhe. Welche aus Leder nehmen sie nicht. Dann müssen sie eben in Flipflops laufen.“

Tatsache sei, weiß Uwe, dass an einer Heizung für die Zelte gearbeitet werde. Aber das könne dauern, vermutlich bis zum Wochenende.

Bald, kündigt Behördensprecher Reschreiter an, würden die meisten der insgesamt 4200 Plätze in Zelten ohnehin durch solche in Holzhäusern ersetzt. Spätestens Anfang November sei das abgeschlossen.

750 Plätze seien in wintertauglichen Zelten, die bleiben sollen. „Die sind von der Bundeswehr und haben ein eigenes Heizsystem.“

Der frühe Wintereinbruch habe die Behörde überrascht, gibt Reschreiter zu. Das sei aber nicht nur in Hamburg so. Bundesweit seien 46000 Flüchtlinge in Zelten untergebracht.

Als Antje Zeisberg (48), die in der Nachbarschaft wohnt, im Sommer den Aufbau der kleinen Zeltstadt im Moorpark beobachtete, wusste sie sofort, dass sie helfen wollte. Auch sie arbeitet in der Kleiderkammer. Gemeinsam mit zwei jungen Syrern. „Die habe ich heute Abend zum Essen eingeladen“, verrät sie. „Das sind ganz nette junge Männer, die in ihrer Heimat Jura studiert haben.“ Das Studium würden sie am liebsten hier fortsetzen. Stattdessen sitzen sie seit Wochen im Lager fest. Und jetzt auch noch die Kälte. „Das frustriert die Menschen hier.“

Gut, dass es nicht weit entfernt das Jugendzentrum Jenfeld gibt. Der orangefarbene Flachdachbau ist in der Woche von 12.30 Uhr bis abends um 20 Uhr geöffnet. Dort ist es warm, dort gibt es Snacks, sogar einen Internetzugang. Draußen stehen Bänke um einen Feuerkorb, der behagliche Wärme verbreitet.

Drei junge Männer aus Eritrea sitzen davor. Das Internet nützt ihnen nicht viel. „Wir haben keine Verbindung mehr zu unseren Familien“, sagt Abdul (24) traurig, der vor jahrelangem Zwangs-Militärdienst aus der Heimat geflüchtet ist. 1200 Euro zahlte er dem Schlepper, Geld, mit dem ihm Freunde aushalfen. „Wer Glück hat, schafft es auf ein Boot“, erinnert sich der junge Technologiestudent. „Andere sterben oder werden ausgeraubt.“ Über den Sudan gelangte er nach Libyen, wo er in einem überfüllten Fischkutter gemeinsam mit 700 Leidensgenossen nach Griechenland übersetzte. Trotz der Kälte ist er froh, hier zu sein. Doch es ginge ihm besser, wenn er zumindest wüsste, wie lange er in Jenfeld bleiben muss. „Es ist ein Problem, dass für meine Landsleute fast nie jemand da ist, der ihre Sprache spricht.“

Wegen der vielen Nationalitäten im Lager gebe es oft Streit und Schlägereien, sagt Lieth (19) aus Damaskus. Was die Polizei bestätigt. 1057 Einsätze in Erstaufnahmeeinrichtungen verzeichneten die Hamburger Ordnungshüter seit Jahresbeginn. 93 mal rückten sie wegen Körperverletzung aus, zudem gab es 28 Suizidversuche.

Zwischen den teils streitlustigen jungen Männern leben schwangere Frauen, stehen Kinderwagen, kleine Jungen und Mädchen laufen zwischen den Zelten herum. Sie alle hoffen auf eine lebenswerte Zukunft.

Wie sollten sie nicht, kommentiert Framerz achselzuckend. „Wir sind Menschen.“

Bundestag verschärft das Asylrecht
Berlin/München/Brüssel. Mehr Härte gegen Flüchtlinge ohne Asylanspruch, mehr Hilfe für Schutzbedürftige: Im Eiltempo hat der Bundestag gestern das Asylrecht verschärft (s. rechts). Menschen ohne Asylanspruch müssten das Land schneller verlassen, sagte Kanzlerin Angela Merkel. Schutzbedürftige bekommen dagegen effizientere Hilfe. Der Bundesrat soll das Gesetzespaket schon heute billigen.
CSU-Chef Horst Seehofer verlangte von Merkel erneut eine Begrenzung der Zuwanderung. Andernfalls drohe ein „grandioses Scheitern“ der staatlichen Gemeinschaft in Deutschland und Europa.
Die Organisation Pro Asyl sprach von einem „Programm der Entwürdigung von Menschen“, die Linke vom schärfsten Angriff auf das AsylGrundrecht seit den 90er Jahren.
Im Bundestag votierten 475 von 600 Abgeordneten für die Pläne, 68 dagegen, 57 enthielten sich. Die Grünen hatten vorab eine Enthaltung angekündigt. Es zeichnet sich aber ab, dass sie den Plänen im Bundesrat zur Mehrheit verhelfen werden. Zwei Länder mit grüner Regierungsbeteiligung — Baden-Württemberg und Hessen — hatten Bereitschaft zu einem Ja signalisiert.
Angela Merkel warb für Asylverschärfungen einerseits und eine grundsätzliche Aufnahmebereitschaft andererseits. Abschottung sei in Zeiten des Internets auch „eine Illusion“, sagte die CDUChefin, bevor sie nach Brüssel flog, wo am Nachmittag die EU-Staats- und -Regierungschefs zu einem weiteren Gipfel zur Flüchtlingskrise zusammenkamen. Merkel forderte zu Beginn des Treffens die europäischen Partner auf, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Vor allem eine bessere Sicherung der Außengrenzen sei wichtig. Abschließende Beschlüsse seien von dem eintägigen Gipfel aber nicht zu erwarten. Vor allem geht es um bereits beschlossene Hilfen.
Erst am Mittwochabend war die Kanzlerin bei einer Veranstaltung in Schkeuditz (Sachsen) der Unmut der CDU-Basis über ihre Flüchtlingspolitik entgegengeschlagen. In der Wählergunst ist die Union nach einer aktuellen Umfrage auf den tiefsten Stand seit der Bundestagswahl 2013 gefallen. CSU-Chef Seehofer machte denn auch erneut Druck auf die Kanzlerin. Er forderte ein Signal Merkels an die Weltöffentlichkeit, dass Deutschlands Aufnahmekapazitäten begrenzt seien — und Taten von der Bundesregierung anstelle schlauer Sprüche oder „warmer Worte“. Auf einen offenen Bruch mit Merkel oder ein Scheitern der Großen Koalition will er es aber nicht ankommen lassen. „Ich will ja nicht, dass hier irgendetwas bricht oder zerreißt“, sagte er nach der Debatte.
Auch die SPD drängelte erneut. Fraktionschef Thomas Oppermann mahnte, Merkels Willkommensgeste müsse mit Leben gefüllt werden: „Wir müssen vom ,Wir schaffen das‘ zum ,Wir machen das‘ übergehen.“ „Die Zahl derer, die in diesem Jahr zu uns kommen, ist einfach zu hoch“, sagte Innenminister Thomas de Maizière (CDU). Die Sorgen der Menschen in Deutschland „werden größer. Das dürfen wir auch aussprechen.“
Flüchtlinge im Norden
31000 Flüchtlinge leben derzeit in Hamburg in Erstaufnahmeeinrichtungen. In diesem Jahr hat die Stadt 13179 Menschen aufgenommen, im September waren es 10100.
Hauptherkunftsländer sind Syrien, Afghanistan, Albanien, Irak, Eritrea.


Anders als in Hamburg sind die 13000 Flüchtlinge in Erstaufnahmen Schleswig-Holsteins fast alle in festen Unterkünften untergebracht. In Mecklenburg-Vorpommern leben rund 12
000 Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen, die meisten in Containern.
Umstrittene Verschärfungen: Das Asyl-Gesetzespaket
Der Bundestag hat ein Paket mit umfangreichen — und umstrittenen — Änderungen im Asylrecht beschlossen. Die wichtigsten Punkte im Überblick:
Sichere Herkunftsstaaten: Die Westbalkan-Länder Albanien, Kosovo und Montenegro werden auf die Liste sicherer Herkunftsstaaten gesetzt. Anträge von Asylbewerbern aus diesen Ländern können in der Regel in schnelleren Verfahren als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt werden.
Längerer Verbleib: Asylbewerber sollen künftig bis zu sechs statt drei Monate in der Erstaufnahmeeinrichtung bleiben. Ziel ist es, Asylverfahren bereits währenddessen abzuschließen und abgelehnte Asylbewerber von dort zurückzuschicken, bevor sie auf die Kommunen verteilt werden.
Abschiebungen: Sie dürfen künftig nicht mehr vorher angekündigt werden. Dies soll ein Untertauchen der Betroffenen verhindern.
Sozialleistungen: In Erstaufnahmeeinrichtungen sollen wieder vorrangig Sachleistungen statt Bargeld ausgegeben werden.
Gesundheitskarte: Die Einführung der Gesundheitskarte, die Flüchtlingen einen Arztbesuch ohne vorherige Bürokratie ermöglicht, bleibt den einzelnen Ländern überlassen.
Baustandards: Die Bundesregierung will Standardabweichungen im Bauplanungsrecht für Flüchtlingsunterkünfte erlauben. Das soll die Schaffung von Flüchtlingsunterkünften erleichtern.
Integration: Die Integrationskurse werden für Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive geöffnet. Zudem sollen sich Jobcenter frühzeitig um die Eingliederung in den Arbeitsmarkt bemühen.
Legale Zuwanderung: Für Migranten aus Balkan-Staaten, die in der Regel nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, schafft das Gesetz die Möglichkeit legaler Einwanderung. Einreisen darf, wer einen Arbeits- oder Ausbildungsvertrag zu geltenden tarifvertraglichen Bedingungen hat.

Marcus Stöcklin

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