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Der Tod an Gleis 4

Bad Kleinen Der Tod an Gleis 4

Vor 20 Jahren starben bei einer spektakulären Aktion auf dem Bahnhof von Bad Kleinen ein RAF-Terrorist und ein Beamter der GSG 9.

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Politisches Erdbeben nach dem letzten RAF-Gefecht - GSG-9-Einsatz wurde zum Desaster

Der Bahnhof von Bad Kleinen: Am 27. Juni 1993 war er Schauplatz eines tödlichen Anti-Terror-Einsatzes.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler, dpa

Bad Kleinen — Hans Kreher war mit seiner Tochter unten am See, gleich beim Bahnhof. Als sie zurück wollten nach Hause, ging das nicht mehr. Es war Polizei da, es war alles abgeriegelt, und abends im Fernsehen konnte er auch sehen, warum. Er selbst als Bürgermeister wurde erst drei Tage später offiziell informiert. Innenminister Rudolf Seiters rief an und erklärte ihm die Sache.

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„Es war wie Maschinengewehrfeuer. Und dann kamen von allen Seiten die Hubschrauber.“ Bürgermeister Hans Kreher (70, FDP)

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Die Sache, das war einer der spektakulärsten Terroreinsätze der Bundesrepublik. Ein Terrorist und ein Polizeibeamter verloren ihr Leben, wichtige Männer verloren ihre Ämter. Es kochten Gerüchte hoch, es geschahen seltsame Dinge. Es wurden Fragen gestellt, und es blieben Fragen unbeantwortet, einige bis heute. Es war der 27. Juni 1993, der Tag, an dem Bad Kleinen zu einem Datum in der deutschen Geschichte wurde.

Kaum etwas verändert

Heute liegt der Bahnhof in einem traumlosen Schlaf. Es hat sich kaum etwas verändert in den letzten zwanzig Jahren. Moderne Züge stehen auf den Gleisen, es herrscht Betrieb auf dem Bahnsteig, die Gebäude aber driften in eine grau-beigefarbene Dämmerung. Farbe blättert von den Wänden, Fugen kommt der Mörtel abhanden, oben im Bahnsteiggebälk gurren Tauben. Die Zeit ist über diesen Bahnhof hinweggegangen, und sie hat einiges mitgenommen.

Bad Kleinen hat heute 3800 Einwohner. Ein Dorf am Schweriner See, abgelegt in einer grünen, leicht welligen Landschaft. Es ist ein Ort wie viele andere in Mecklenburg, aber es ist ein Eisenbahnknotenpunkt, und das macht ihn bedeutend. Hier haben sich an diesem späten Juni-Sonntag die Terroristen Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld mit einem Spitzel des Verfassungsschutzes getroffen. Hier wurde Hogefeld verhaftet, hier starben Grams und der GSG-9-Beamte Michael Newrzella im Kugelhagel. Und hier hat Hans Kreher unten am See die Schüsse gehört. „Es war wie Maschinengewehrfeuer“, sagt er. „Und dann kamen von allen Seiten die Hubschrauber.“

Heute sitzt er im Bürgerbüro, ein grauhaariger Herr von 70 Jahren, der damals Bürgermeister war und es mit zehn Jahren Unterbrechung immer noch ist. Es war eine andere Zeit damals, sagt er, und die Menschen in Bad Kleinen mussten sich erst in ihr zurechtfinden. Ihr Leben fand seit drei Jahren mit anderen Vorzeichen statt. Sie sorgten sich um ihre Arbeit oder hatten sie schon verloren. Sie waren jetzt ein Volk mitten in Europa und mitten in einer rasenden Welt, und als die Schüsse auf dem Bahnhof fielen, dachten manche an ein fernes Echo des Golfkrieges, an Anschläge auf einen Munitionszug. Aber es war ein anderer Krieg, der sich da aus den Spekulationen schälte.

Es ging um Terroristen und die Rote Armee Fraktion, um Mordanschläge und revolutionäre Gewalt. Es ging um die dritte RAF-Generation, und es fiel schwer, das alles irgendwie mit Bad Kleinen zu verbinden. Hans Kreher wäre nie auf einen solchen Gedanken gekommen, sagt er. Er war Lehrer damals am Gymnasium im benachbarten Dorf Mecklenburg und Bürgermeister nebenher, und als bei der Amtsverwaltung die Weisung einging, der Bauhof solle die Papierkörbe in der nächsten Zeit nicht leeren, hat er sich nichts dabei gedacht. Aber als Innenminister Seiters drei Tage nach der Aktion bei ihm in der Schule anrief, da hatte er schon halbe Nächte am Telefon verbracht und versucht, Dinge zu erklären, die er gar nicht erklären konnte.

Eigentlich hätte der Zugriff gar nicht in Bad Kleinen stattfinden sollen, sagt er. Das sei für Wismar geplant gewesen, wo später ein Rucksack Birgit Hogefelds in einem Schließfach gefunden wurde.

Aber als beim Abhören der Terroristen der Satz fiel, dass sie in Bad Kleinen noch Freunde treffen wollten, seien die Pläne geändert worden.

Heute erinnert auf dem Bahnhof nichts an die Aktion von damals. Die Gaststätte, in der sich die Terroristen getroffen und Würzfleisch und Würstchen gegessen hatten, ist längst geschlossen. Türen sind verriegelt, Fenster vernagelt, in einem Kasten vergilben Aushänge hinter Glas. Im kargen Wartesaal sitzen zwei Mädchen, spielen mit ihren Handys, und wenn man sie fragt, ob ihnen der Name Wolfgang Grams etwas sagt und ob sie wüssten, was hier vor zwanzig Jahren passiert ist, gucken sie einen an und sagen mit einiger Entrüstung: „Wir sind sechzehn!“

„Hoffentlich nicht wieder“

Nebenan auf dem Bahnsteig steht Erik Lattemann, T-Shirt, Baseballkappe, 27 Jahre alt. Er kommt von der Arbeit und will jetzt nach Hause, nach Dorf Mecklenburg. Er kommt fast jeden Tag hier vorbei, wo die tödlichen Schüsse fielen, und er kann mit dem Datum auch etwas anfangen. „Ja“, sagt er, „das geht jetzt bei Facebook ganz schön rum. Ist schon ziemlich spannend. Und es gibt ja noch offene Fragen. Aber musste das sein? Mussten hier zwei Menschen sterben? Na, ist schon zwanzig Jahre her und kommt hoffentlich nicht wieder.“

Etwas weiter den Bahnsteig rauf steht ein Kiosk. Hier hat an diesem Nachmittag Joanna Baron einen jungen Mann die Treppe hoch stürzen sehen, verfolgt von anderen jungen Männern in Zivil. Es fielen Schüsse, es wurde geschrien. Es war der Einbruch des Ungeheuerlichen in die sonntägliche Schläfrigkeit eines Bahnhofs in der Provinz, und Joanna Baron ließ panisch die Rollläden herunter und wagte sich zwei Stunden nicht hervor.

Sie war eine wichtige Zeugin seinerzeit. Sie sagte, sie habe gesehen, wie Wolfgang Grams von einem der Beamten aus nächster Nähe erschossen wurde, aber Bürgermeister Kreher ist skeptisch. Er kannte Frau Baron sehr gut. Er hat früher mit ihr in einem Haus gewohnt, und er sagt, sie sei von der Geschichte überrollt worden. Journalisten hätten sie bedrängt und Dinge in sie hineingefragt: „Die Frau ist kaputt gemacht worden.“

Joanna Baron lebt heute nicht mehr in Bad Kleinen. Sie ist fortgezogen, ihr Kiosk wurde abgerissen. Heute steht da ein neuer. Er ist größer und moderner, darin bedient eine Verkäuferin, und sie erzählt, dass manchmal Reisende nach der Geschichte von damals fragen. Einer habe gar mal den Kassenbon haben wollen, um zu Hause zu beweisen, dass er hier gewesen ist. „Das war das Extremste, was ich erlebt habe“, sagt sie. „Da dachte ich auch: Was ist das denn jetzt? Aber er hat ihn gekriegt und gut.“

Ort mit Zuwachs
Bad Kleinen hatte vor zwanzig Jahren 3200 Einwohner. Heute sind es 600 mehr, der Ort hat Zuwächse gegen den Landestrend. Das ist auch eine Folge des Bahnhofs. Bad Kleinen liegt an zentraler Stelle und ist für viele Strecken Umsteigestation. Das Gebäude selbst aber müsste dringend renoviert werden. Er stehe seit Jahren in Verhandlungen mit der Bahn, sagt Bürgermeister Hans Kreher, aber es tue sich nichts. „Es ist ein Trauerspiel. Der Bahnhof ist für Bad Kleinen ein Schandfleck.“

Peter Intelmann

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