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Seite Drei Der erste Europäer hatte dunkle Haut
Nachrichten Seite Drei Der erste Europäer hatte dunkle Haut
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23:24 25.10.2013

Sie kommen zu Lande, zu Wasser und wenn sie können auch durch die Luft: Flüchtlinge aus dem armen Afrika oder aus dem Osten. Sie alle haben nur ein Ziel: Europa, ein für sie unermesslich reicher Kontinent. Und sie treffen dort auf eine Art Türsteher-Mentalität: Ihr kommt hier nicht rein. Fast überall in Europa billigen Mehrheiten den harten Kurs gegen die Fremden. Was sie dabei oft vergessen: Ihre eigenen Vorfahren stammen ebenfalls mit großer Sicherheit von dunkelhäutigen Afrikanern ab — und ihre Kultur und Sprache ist womöglich ein Import aus der osteuropäisch-asiatischen Grenzregion zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer.

Die Zunft der Vorgeschichts-Forscher sorgt mit ihren Forschungsergebnissen derzeit für reichlich Widerhall in der medialen Öffentlichkeit. Sie bietet neue Erkenntnisse über die Herkunft der heutigen Europäer, ihrer Sprache und Kultur, den Niedergang der entfernten Verwandtschaft in Gestalt der Neandertaler — und die Entwicklung des menschlichen Stammbaums generell.

Verbunden ist damit auch eine übergeordnete Erkenntnis, die die Anhänger eines kritischen Rationalismus nicht überraschen wird: Wissenschaft ist stets der gegenwärtige Stand des Irrtums.

Die Entwicklung der Technik trägt das ihre dazu bei. Eine große „Spiegel“-Titelgeschichte aus dem Frühjahr 2000 ging noch aufgrund der Analyse von Fundstätten und Hinterlassenschaften davon aus, dass der Neandertaler keineswegs ein tumber Troglodyt war, kein keulenschwingender Höhlenbewohner mit Zottelhaar und Grunz-Sprache. Sie entwarf vielmehr das Gegenbild vom „voll kultivierten menschlichen Wesen“, das über „hochstehende Kulturzentren“ von Südfrankreich bis Italien verfügte.

Inzwischen gelangen die Vormenschenkundler laut dem Magazin „Bild der Wissenschaft“ zu neuen Erkenntnissen, die das gerade frisch gezeichnete Bild wieder grundsätzlich in Frage stellen. Demnach starb der Neandertaler nicht, wie bisher aufgrund der Radiokarbonmethode ermittelt, vor 28 000 Jahren aus — auf diesen Zeitpunkt datierten die Forscher seinerzeit die jüngsten Neandertaler-Wesen zugeordneten Zahn- und Knochenreste aus einer Höhle in Andalusien. Vielmehr sei das Ende des Eiszeit-Veteranen schon mehr als 10 000 Jahre eher eingetreten — und viele dem Neandertaler zugeschriebenen Kulturleistungen von Schmuckdesign bis zu Höhlenmalerei und Waffenkonstruktion seien daher eher seinem Konkurrenten, dem sogenannten Cro-Magnon-Menschen, zuzuordnen. Der hatte Europa vor etwa 40 000 Jahren erreicht — als Abkömmling der neuen, in Afrika entstandenen Menschenart, die seither als einziger Vertreter des Homo sapiens das Erdenrund beherrscht.

So schnell also können Titelstorys kommen und vergehen — bis hin zum Titelbild: Zeigte der „Spiegel“ anno 2000 noch zwei hellhäutige Rivalen — den Neandertaler und den Jetzt-Menschen —, so müsste auch diese Ansicht jetzt revidiert werden: Der Neandertaler würde nach den Erkenntnissen von Genetikern der Universität Porto einem Schwarzen ins Antlitz schauen.

Erst vor 11 000, maximal 19 000 Jahren hätten sich demnach jene Genvarianten durchgesetzt, die für bleiche Haut und deren bessere Lichtverarbeitung sorgen. Die wäre im Norden der Erde nötig, weil dort die Sonneneinstrahlung und damit die lebenswichtige Vitamin- D-Versorgung geringer ist. Was aber auch bedeuten würde, dass die Neuropäer aus Nahost und Afrika rund 20 000 Jahre lang ihr Überleben in den Tundren und Wäldern am Rande der eiszeitlichen europäischen Gletscherwelt trotz dieses Mankos zu sichern gewusst hätten. Die Neudatierungen der Funde haben mit der Arbeit von Forschern wie Tom Higman an der Universität Oxford zu tun: Er und sein Team haben die neue Methode der Ultrafiltration benutzt, die organische Reste jüngeren Datums „säubert“, um Verunreinigungen zu beseitigen, die falsche Rückschlüsse auf das tatsächliche Alter zulassen.

Allzu lange aber hat der gerade erst gebleichte Neuropäer seine Monopolstellung auch nicht halten können. In der Steppe zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer gelang dort siedelnden Nomaden einer ebenfalls neuen Theorie zufolge vor rund 6000 Jahren erst die Zähmung des Pferdes sowie kurz danach die Erfindung von Rad und Wagen.

Diese kulturelle Überlegenheit, so die Vertreter der „Steppen-Hypothese“, setzten die nunmehrigen Reiternomaden hoch zu Ross, in unbezwingbaren Streitwagen und mit vierrädrigen Karren im Siedler- Gefolge in Eroberungszüge in alle Richtungen um: Diese Indogermanen oder auch Indoeuropäer stießen in Richtung Indien, Iran, Orient und Europa vor; ihre seltsamen Riten, zum Beispiel ein schamanisch begründeter Wolfskult, würden sich noch heute in alten Sagen ihres sich rasch erweiternden Siedlungsgebietes wiederfinden.„Attacke der Werwölfe“, titelte der „Spiegel“ diesmal.

Die Eliten der alten Europäer hätten den Eroberern nichts entgegenzusetzen gehabt, so der US-Archäologe David Anthony, deren Sitten und Gebräuche und vor allem auch ihre Sprache, das Indogermanische, prägten fortan die Völker der Alten Welt und entwickelten sich mit diesen allmählich zu eigenständigen Einheiten.

Nicht alle Wissenschaftler mögen solche Herleitungen ohne weiteres glauben. Der neuseeländische Forscher Quentin Atkinson brachte die Mühsal seiner Profession auf den Punkt: „Es ist nicht einfach, die menschliche Vorgeschichte zu untersuchen.“ Es sei „ein bisschen so, als würde man eine Kerze über einen Abgrund halten. Man muss jeden Hinweis nutzen, den man kriegen kann.“ Da ist noch Raum für manche neue Theorie.

Komplizierte Messung
Die Radiokarbonmethode, in den 59er-Jahren des 20. Jahrhunderts vom US-Chemiker Willard Frank Libby erfunden, ist eine sehr häufig angewandte Methode, das Alter bestimmter Funde zu analysieren.

Es geht um einst lebende organische Materie, die während ihrer Lebenszeit Kohlenstoff (chemisches Kürzel: C) aufnimmt — unter anderem Kohlenstoff mit 14 Nukleonen, also Protonen und Neutronen. Sterben Mensch oder Tier, nehmen sie nach dem Zeitpunkt des Todes kein C14 mehr auf — ab jetzt zerfällt es.

5730 Jahre später ist nur noch die Hälfte vorhanden. Diese Zeit wird auch die Halbwertszeit genannt. Aus dem radioaktiven Zerfall des Kohlenstoff-Isotops kann man dann also das Alter ablesen. Ein Problem bleibt aber: Die Funde dürfen nicht älter als 50 000 Jahre sein. Denn dann ist die Menge an C14 einfach zu klein.

Und: Der Gehalt an Kohlenstoff in der Erdatmosphäre müsste über lange Zeiträume konstant gewesen sein. Ist er aber nicht, weshalb eine Fehlermarge von zehn Prozent gilt.

Michael Wittler

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