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Der letzte Holzschuh-Meister

Preetz Der letzte Holzschuh-Meister

Früher produzierten Preetzer Holzschuhmacher für Bauern, Fischer, Waschfrauen und Werften. Ein einträgliches Geschäft. Heute gibt es nur noch einen einzigen Meisterbetrieb: Lorenz Hamann ist es gelungen, das alte Gewerbe in die Neuzeit zu retten.

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Extra breit: Holzschuhe für Torfstecher.

Preetz. Es ist ein kleines, unauffälliges Haus irgendwo in Preetz und wer Holzschuhe braucht oder nur mal gucken will, der geht einfach hintenrum: Durch die Gartentür zum Hinterhaus. Da ist die Werkstatt.

„Kann ich helfen?“, ruft Lorenz Hamann (74). Er trägt eine alte Lederschürze — und — natürlich — Holzpantinen. Sie sind hinten, am Absatz, etwas abgelaufen, aber das dürfen sie auch sein. „15 Jahre hab‘ ich die schon“, winkt Hamann ab. Das sei ja das Problem, bemerkt er ironisch und man merkt, wie stolz er in Wirklichkeit auf seine Arbeit ist. „Die halten viel zu lange.“

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Den Werftarbeiterschuh gab es bis 1970.

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Im Hinterhaus, in der alten Werkstatt, hat Meister Hamann sein Handwerk gelernt. Von seinem Vater. Und der von seinem Vater — und so weiter. 300 Jahre sei das Haus alt, erzählt Hamann, die Firma besteht seit 1846 — seit bald 170 Jahren also.

Damals, sagt Hamann, gab es in Preetz 400 Häuser — und in 300 davon wohnten Schuhmacher. Die „Tüffelmoker“, wie sie auf plattdeutsch heißen, prägten die Stadt, bis heute nennt sie sich „Schusterstadt Preetz“. Der gesamte norddeutsche Raum wurde von dort aus beliefert, bis nach Fehmarn, Lübeck, Flensburg. 25 Pfennig kostete ein Holzschuh noch vor etwa 100 Jahren, ein Tageslohn. Nur die Fehmarner Bauernschuhe waren teurer, da aufwendig verziert — 75 Pfennig, drei Tage Arbeit. „Die hatten große Höfe“, sagt Hamann. „Und mehr Geld.“ Es gab bemalte Hochzeitspantoffeln, die nur zur Feier getragen wurden und dann in die Vitrine kamen. Es gab Fischerschuhe, Waschküchenpantoffeln und Fabrik-Arbeitsschuhe. Ein einträgliches Geschäft. Bis Ende der 60er Jahre arbeiteten 16 Leute in der Hamannschen Werkstatt nur für die Lübecker Flender-Werft und für HDW in Kiel: Sie produzierten den praktisch unzerstörbaren Werftarbeiterschuh. Aus dickem, schwarzem Naturleder — mit Holzsohle.

„Dann kamen neue Sicherheitsvorschriften“, erinnert sich Hamann. „Die Arbeitsschuhe mussten absolut rutschfest sein und flexible Sohlen haben.“ Das Aus für den Holzschuh. „Alles brach zusammen.“

Lorenz Hamann, der 1970 an sich in die Fußstapfen seines Vaters treten und den Betrieb übernehmen wollte, musste umschulen. Er ging zur Sparkasse. „Ich dachte, ich bin im Paradies“, erinnert er sich.

„Morgens kam ich in ein beheiztes Büro, jeden Monat kam das Geld wie von selbst, sogar im Urlaub. Ein Gefühl, als hätte ich im Lotto gewonnen.“ Und die Rente war auch sicher. „Hier musst du bleiben“, sagte sich Hamann und das tat er. Erfolgreich. Später wurde er Sparkassendirektor in Kiel. Er hatte ein gutes Einkommen, konnte die Schulden des Betriebes bezahlen — und ihn weiterführen. Denn ans Aufgeben, daran dachte Lorenz Hamann nie. Im Grunde seines Herzens war er immer Holzschuhmacher geblieben.

„Den Umgang mit Holz und Leder“, schwärmt er, „das kann mir keine Bank der Welt ersetzen.“

Heute ist seine Werkstatt der letzte eingetragene Holzschuhmacher-Meisterbetrieb im Norden. Noch immer steht er regelmäßig an der Werkbank. Und das macht ihn glücklich. „Es geht uns wirtschaftlich wieder richtig gut“, erklärt er. Es gibt zwei Mitarbeiter in Dänemark, die für ihn produzieren. In Preetz macht er Sonderanfertigungen, mit den alten Maschinen. „Meine Frau steht im Laden.“ Der Absatz läuft prima. Dank Internet. Für eine Gräfin hat Hamann neulich Stiefel mit Wildschweinfell-Besatz gemacht. Und derzeit arbeitet er an einer Bestellung aus Australien. „Wenn das mein Vater sehen würde“, sagt er.

Dabei sieht es in der Werkstatt aus wie vor 100 Jahren. Da steht die alte Bandsäge, die 1910 in Leipzig gebaut wurde, die urige Schleifmaschine. Da sind uralte Werkzeuge, Arbeitsschemel und wohl 300 Jahre alte Leisten. „Schauen Sie mal“, sagt Hamann. Die Holsteiner Pantoffeln, die aus diesem Leisten gefertigt wurden, waren Meisterschuhe. Das konnte man an den drei Streifen erkennen, die sich in das Oberleder prägten.“

Auch Adidas habe seine drei Streifen übrigens von den Preetzer Holzschuhmachern, ist Hamann überzeugt. Denn: Als 1954 „Das Wunder von Bern“ geschah und Deutschland zum ersten Mal nach dem Weltkrieg Fußball-Weltmeister wurde, sei das einer Erfindung aus Preetz zu verdanken gewesen: Den Schraub-Stollen. Für diese habe 1948 der Preetzer Albert Bünn das Patent beantragt. „Die waren ursprünglich aus Holz“, sagt Hamann. Und Adidas habe die Idee dann samt Meisterstreifen übernommen.

Das wichtigste Material für die Preetzer Schuhe ist Erlenholz. „Das wächst am Wasser, kann Feuchtigkeit ab und ist nicht so teuer, weil es vergleichsweise schnell nachwächst.“ Das Holz wird an der Säge zugeschnitten. Dann wird das Leder festgenagelt. Handgegerbtes Naturleder, das Hamann von einem alteingesessenen Kellinghusener Betrieb bezieht.

Um die Zukunft brauche die Firma sich derzeit keine Sorgen mehr zu machen, glaubt der Meister. Dieses Jahr kamen 3000 Besucher und einen Nachfolger hat Hamann auch schon ausgesucht. Bloß: Wer jetzt schon bei ihm seine Tüffeln kaufe, der werde zu Lebzeiten wohl gar keine neuen mehr brauchen, sagt er augenzwinkernd.

Schon im Mittelalter beliebt
Holzschuhe waren schon im Mittelalter verbreitet. In Deutschland vor allem in der Nordhälfte, von Nordrhein-Westfalen bis zur dänischen Grenze.


Als Arbeitsschuhe wurden sie von Bauern und Handwerkern getragen. Sie waren robust und — im Vergleich zu Lederschuhen — preisgünstig. Holzschuhe gehörten auch im Hüttenwesen und in Gießereien zur Berufsbekleidung.



Die Holzschumacherei Hamann in Preetz (links ein Foto von 1929) wurde vor 170 Jahren gegründet. Bis heute produziert sie zahlreiche traditionelle Holzschuhmodelle (www.preetzer-holzschuhe.de).

Marcus Stöcklin

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