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Der unsichtbare Tod

Paris Der unsichtbare Tod

Chemiewaffen wurden im Ersten Weltkrieg erstmals eingesetzt. Seither sind sie international geächtet — doch nicht alle Staaten haben das unterschrieben.

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Britische Soldaten, durch Tränengas vorübergehend erblindet, auf dem Weg zu einem Lazarett in Flandern 1918.

Quelle: Fotos: Archiv, Süddeutsche Zeitung

Paris. Der Einsatz von Chemiewaffen in militärischen Konflikten, wie er in Syrien erfolgte, ist seit langem international ein Tabu. Vor allem das Trauma des Ersten Weltkriegs, in dem chemische Kampfstoffe unsägliches Leid verursachten, hat sich tief in das kollektive internationale Gedächtnis eingegraben. Dies sei der „erste moderne Chemiewaffen-Krieg“ gewesen und bleibe „die Mutter aller Chemie-Kriege“, sagt der Chemiewaffen-Experte Olivier Lepick von der Stiftung für strategische Studien (FRS) in Paris.

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Fritz Haber (1868-1934)

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Ebenso wie in Frankreich wurden in Großbritannien Pläne zu einem Tränengas- und Stickgas-Einsatz entworfen. Tränengase wie Chloraceton und Benzylchlorid und Gase wie Schwefeldioxid wurden für den Einsatz erwogen. Die Anfänge des Gaskrieges liegen in der Verwendung von Tränengas durch Frankreich. Mit dessen Hilfe sollte der Feind aus seinen Deckungen in den Feuerbereich der konventionellen Waffen getrieben werden.

Die deutscher Seite experimentierte bei Kriegsbeginn mit dem potentiell tödlich wirkenden Phosgen. Der preußische Kriegsminister und Chef des Großen Generalstabs Erich von Falkenhayn setzte sich für die Verwendung chemischer Kampfstoffe ein und bat den Chemiker Walther Nernst um Hilfe. Der wiederum gewann Carl Duisberg als Miteigentümer und Generaldirektor der Bayer-Farbenfabriken in Leverkusen für das Vorhaben. Das Kriegsministerium setzte im Oktober 1914 die Nernst-Duisberg-Kommission ein, der die späteren Nobelpreisträger Otto Hahn, Gustav Ludwig Hertz und Max Planck sowie Fritz Haber angehörten. Haber schlug vor, aus Druckflaschen tödliches Chlorgas auf die feindlichen Stellungen zu blasen.

Am 22. April 1915 setzte die deutsche Armee erstmals bei Ypern in Belgien über den feindlichen Linien Chlorgas frei. Der Beginn des Gaskrieges. 15 000 Soldaten starben. „Der erste Einsatz durch die Deutschen an der Front wurde sofort als Kriegsverbrechen empfunden“, sagt die Historikerin und Expertin für den Ersten Weltkrieg, Annette Becker. Doch trotz der Empörung setzte wenig später auch die Gegenseite chemische Kampfstoffe ein. Otto Hahn (1879-1968) berichtete später über einen Giftgasangriff an der Ostfront: „Ich war damals tief beschämt und innerlich sehr erregt. Erst haben wir die russischen Soldaten mit Gas angegriffen, und als wir dann die armen Kerle liegen und langsam sterben sahen, haben wir ihnen mit unseren Rettungsgeräten das Atmen erleichtern wollen, ohne jedoch den Tod verhindern zu können.“

Das berüchtigte Senfgas blieb ebenfalls lange grausig in Erinnerung. „Viele Franzosen haben in ihren Familien Erzählungen über einen Großvater gehört, der in Verdun vergast wurde und entweder daran starb oder davon Folgeschäden davontrug“, so Lepick. Becker fügt hinzu, dass die chemischen Kampfstoffe als die großen Todeswaffen des Ersten Weltkrieges angesehen wurden, „wenngleich sie einige zehntausend Tode verursachten im Vergleich zu den Millionen Soldaten, die durch Granaten oder Kugeln ums Leben kamen“.

Nach 1918 bemühte man sich, diese Kampfstoffe abzuschaffen. Das Ergebnis war zunächst das Genfer Protokoll von 1925, das den Einsatz chemischer und biologischer Waffen untersagte, nicht aber deren Entwicklung.

Im Zweiten Weltkrieg fand Giftgas an europäischen Fronten keine Anwendung mehr. Allerdings erhielt die von Fritz Haber gegründete Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch) eine schaurige Rolle: Sie entwickelte das Gas Zyklon B, das im Auftrag der IG Farben und der Degussa produziert und in den Gaskammern von Auschwitz in tödlicher Konzentration eingesetzt wurde.

Erst nach dem Einsatz von Chemiewaffen durch den Irak gegen den Iran in den 1980er Jahren wurde 1993 die Konvention von Paris unterzeichnet mit dem völligen Verbot der Entwicklung, Herstellung, Lagerung und dem Einsatz von Chemiewaffen.

Syrien ist neben Nordkorea eines der wenigen Länder, das die Chemiewaffenkonvention nie unterzeichnete. Im syrischen Bürgerkrieg sind zwar bereits mehr als 100 000 Menschen ums Leben gekommen, doch erst der mutmaßliche Chemiewaffen-Einsatz vom 21. August mit mehreren hundert Toten führte nun dazu, dass westliche Länder ein militärisches Eingreifen in den Konflikt vorbereiten.

„Das zeigt die sehr besondere Stellung von Chemiewaffen im gesamten Waffenarsenal“, sagt Lepick. „Es gibt eine starke psychologische Dimension. Die Menschen verbinden Chemiewaffen mit einem schmerzhaften Tod durch Erstickung und Atemnot.“ Zudem würden sowohl Zivilisten wie Militärs getroffen.

Auch der Luftwaffenoffizier Emmanuel Goffi, der internationales Recht unterrichtet, erinnert daran, dass diejenigen Waffen international verboten sind, die „unnötiges Leid“ verursachen, darunter auch Tretminen und Streubomben.

Aber mehr noch sind es moralische Prinzipien und Angst vor einem Domino-Effekt, die heute von den USA im Falle Syriens vorgebracht werden. Ein hoher US-Vertreter sagte diese Woche: „Welche Botschaft wird an die Welt ausgesendet, wenn eine Regierung ungestraft die abscheulichsten Waffen, Chemiewaffen, gegen sein eigenes Volk einsetzen kann?“

Der Vater der Giftgaswaffen war Deutscher
Fritz Haber entstammte einer jüdischen Familie. Der Vater handelte in Breslau mit Farben, Lacken und Drogen. Fritz Haber studierte Chemie, wurde 1898 Professor in Karlsruhe und arbeitete eng mit der Chemiefabrik BASF zusammen. 1911 ging Haber nach Berlin und wurde Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institutes für physikalische Chemie und Elektrochemie. Seine Versuche mit Phosgen und Chlorgas, die er — gegen den Willen seiner Frau Clara (ebenfalls Chemikerin) — bei Kriegsbeginn aufnahm, machen ihn zum Vater der Giftgaswaffen. Tage nach dem ersten deutschen Giftgas-Einsatz am 22. April 1915 bei Ypern beging Habers Frau Selbstmord mit seiner Dienstwaffe. Zunächst als Kriegsverbrecher gesucht, erhielt dieser 1919 den Nobelpreis. Ab 1925 war er im Aufsichtsrat der I.G.

Farben. 1933 emigrierte er nach England.

Fabrice Randoux

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