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Seite Drei Die Advokaten der Beate Zschäpe
Nachrichten Seite Drei Die Advokaten der Beate Zschäpe
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23:04 29.04.2013
Von Michael Wittler
Otto Schily (80) war von 1975 bis 1977 Verteidiger im Stammheimer RAF-Prozess. Das Gründungsmitglied der Grünen wechselte 1990 zur SPD. Von 1998 bis 2005 war er Bundesinnenminister.
München

Natürlich bleibt Spott nicht aus, wenn die drei Anwälte im größten Neonazi-Mordprozess seit Gründung der Bundesrepublik mit Nachnamen Heer, Stahl und Sturm heißen. Da müssten die Vertreter der Anklage eigentlich „Friedrich Schutz und Claudia Staffel heißen“, meinte die für jede unpassende Bemerkung gute Satire- Zeitschrift „Titanic“.

Über derlei können Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm längst nicht mal mehr lachen. Sie sind die Pflichtanwälte der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, die als einzige Überlebende der NSU-Terrorgruppe auf ihren Prozess vor dem Staatsschutzsenat des Münchner Oberlandesgerichts wartet.

Drei Unbekannte in der großen Justiz

Zu einem Rechtsstaat gehört auch, dass Angeklagte einen Verteidiger notfalls gestellt bekommen — die drei Juristen, allesamt um die 40 und damit für ein so gewichtiges Verfahren noch relativ jung, sind Zschäpes Pflichtverteidiger. Sie vertraten zuvor Islamisten, Mafiosi, Mörder, Hanfanbauer oder Manager — zu den ganz großen Namen in der Juristenwelt zählen sie laut „Spiegel online“ noch nicht; das könnte sich mit diesem Verfahren ändern.

Finanziell ist ein solches Verfahren auch nicht ganz uninteressant: Bis zu 1000 Euro pro Verhandlungstag kann ein auswärtiger Strafverteidiger vor einem Oberlandesgericht fordern — Heer stammt aus Köln. Und noch weiß niemand, wie lange das Verfahren wohl dauern wird. 84 Verhandlungstage sind angesetzt — zunächst einmal.

Dafür wird den Anwälten aber auch einiges abverlangt. 488 Seiten Anklageschrift waren akribisch zu durchforsten, um die 1000 Aktenordner mit rund 300 000 Seiten kamen hinzu. Erste Pfeile schoss man bereits ab: „Skandalös und respektlos gegenüber unserer Mandantin und ihrer Verteidigung“ sei es gewesen, dass der Generalbundesanwalt erst die Öffentlichkeit und dann die Verteidiger über die Anklageschrift informierte, wetterte das Trio schon im Vorfeld gegen Generalbundesanwalt Harald Range.

„Gewagt“ findet Stahl die Vorwürfe Ranges, Zschäpe sei quasi als bürgerliche Tarnung de facto „Mittäterin“ gewesen und damit für die Mordserie des NSU genauso verantwortlich wie deren männliche Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. In der Pressemitteilung der Bundesanwaltschaft „bekommt die Unschuldsvermutung nicht gerade besonders viel Raum“ — das sei „schwer erträglich“.

Es dürfte manche heftige Wortwechsel geben in dem Verfahren, in dem neben Heer, Stahl und Sturm und den Anklagevertretern auch noch 50 Nebenklage-Anwälte, Hunderte Zeugen und zahlreiche Sachverständige mitmischen. Manche Kollegen sehen in dem Prozess ein „Himmelfahrtskommando“ — Heer spricht lieber von einer „Riesenherausforderung“. Kollegin Anja Sturm — die als einzige bereits Prozess-Kontakt zum knorrigen und zuletzt umstrittenen Vorsitzenden Manfred Götz hatte, was auch ein Grund für ihre Hinzuziehung durch Wolfgang Heer war — sieht ein „historisches Verfahren“ und „möchte dazu beitragen, dass der Angriff gegen unsere demokratische Grundordnung mit einem besonderen Maß an Rechtsstaatlichkeit beantwortet wird“.

Mit der Ideologie ihrer Mandantin wollen alle drei nichts zu tun haben, sie sind keine „Szene-Anwälte“. Er „gehe absolut nüchtern an diese Sache heran“, sagt Stahl, seine private Meinung sei „vollkommen irrelevant“. „Man ist mental ruhig, man geht professionell an den Fall ran, das ist unser Beruf“, sagt auch sein Kollege Heer.

Kämpferische Qualitäten

Mentale Ruhe und der Verzicht auf theatralische Auftritte dürften dabei nicht mit Konfliktscheu verwechselt werden: Er könne vor Gericht kämpfen, und er „habe keine Furcht davor, die Interessen meines Mandanten selbstbewusst und konfliktbereit zu verfolgen“, kündigte Heer an. Was für alle drei gelten dürfte: Sie kennen sich schon länger und seien „Typen mit ähnlichen beruflichen Ansichten“.

Mammutprozess in München
Im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht sind Beate Zschäpe sowie vier mutmaßliche Unterstützer der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) angeklagt. Der Hauptangeklagten Zschäpe wirft die Bundesanwaltschaft Mittäterschaft bei zehn Morden, mehrfachen Mordversuch und besonders schwere Brandstiftung vor — bei einer Verurteilung durch die fünf Richter unter Vorsitz von Manfred Götzl droht ihr eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Michael Wittler

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