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Seite Drei Die Jagd auf die Reemtsma-Millionen
Nachrichten Seite Drei Die Jagd auf die Reemtsma-Millionen
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20:24 21.10.2013
Thomas Drach auf dem Weg in die Freiheit: Gestern morgen bestieg er gegen 6.30 Uhr vor der Haftanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel eine Limousine und fuhr davon. Quelle: Fotos: dpa
Hamburg

In der Dunkelheit, morgens um halb sieben, öffnet sich für Reemtsma-Entführer Thomas Drach nach mehr als 15 Jahren das Tor in die Freiheit. Sein Anwalt holt ihn mit dem Auto aus dem Hamburger Gefängnis Fuhlsbüttel ab. Doch mit Drachs Entlassung gestern morgen ist die Geschichte um Verbrechen, Gier und Geld noch nicht zu Ende.

Von dem Lösegeld von umgerechnet rund 15 Millionen Euro, das er und seine Komplizen 1996 von der Familie des entführten Unternehmenserben Jan Philipp Reemtsma erpressten, sollen noch mindestens 8 Millionen Schweizer Franken (6,5 Millionen Euro) vorhanden sein. Dafür interessieren sich staatliche Ermittler, Privatdetektive im Auftrag des Opfers — und vermutlich Kriminelle.

Der notorische Schwerverbrecher Drach gilt in Polizei- und Sicherheitskreisen auch weiterhin als brandgefährlich. Fast die Hälfte seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht und alle Angebote zur Resozialisierung ausgeschlagen. Stattdessen kultivierte er in der Öffentlichkeit immer wieder die Pose des Gesetzlosen.

„Das haben Sie in 15 Jahren nicht erfahren, und das werden Sie auch heute nicht erfahren“, sagte er zum Beispiel 2011, als er wegen Drohungen gegen seinen Bruder nochmals vor Gericht stand und nach dem Lösegeld gefragt wurde. Die Brüder sind verfeindet. „Ich traue der Ratte nicht“, schrieb Thomas Drach einst in einem Brief. „Der soll auf keinen Fall noch mal auf meine Kosten leben.“ Die Justizbeamten, die ihm auf der Fahrt vom Gefängnis zum Gericht eine Schlafbrille aufgesetzt haben, herrschte er an: „Sagt mir den Namen von der Schwuchtel, die das angeordnet hat!“ Und er drohte:

„Ich werde euch im kommenden Jahr mit einer Kalaschnikow besuchen.“ Da rechnete er noch damit, schon 2012 wieder freizukommen.

Nach Einschätzung der Ermittler ist Drach der Meinung, das Lösegeld stehe ihm durch die lange Haft quasi zu. Dieter Langendörfer, der ehemalige Leiter der Kripo- Sonderkommission, die Drach in den 90er Jahren verfolgte, sieht das anders. „Dass hinter dem Geld auch andere her sein werden, also Kriminelle, das kann ich mir gut vorstellen“, sagte Langendörfer dem NDR. „Ich denke, dass von dieser Gesellschaft von Kriminellen, die ihn eventuell fragen, wo das Geld ist, eine wesentlich größere Gefahr ausgeht als von anderen.“

Drach selbst ist schon lange polizeibekannt. Mit 13 Jahren knackte der Sohn einer Sekretärin und eines Miele-Angestellten aus der Nähe von Köln Autos, hatte in der Jugend Kontakt zu Drogen und kassierte mit 18 seine erste Gefängnisstrafe. Gutachter beschreiben Drach als durchaus intelligent, aber unreif und uneinsichtig in das von ihm begangene Verbrechen.

Tatsächlich hat Thomas Drach während der Prozesse gegen ihn nie ernsthaft Reue gezeigt. Dass ihm jedes Mitgefühl fehlt, bewies er, als er sich allen Ernstes mit dem Hinweis auf seine angebliche Milde verteidigen wollte. Die Entführer hätten ihrem Opfer ja auch einen Finger abschneiden können, erklärte er. „Dass Reemtsma hier heute unverletzt sitzen kann, hat er nur dem besonnenen Verhalten der Täter zu verdanken.“

Viel spricht dafür, dass von dem Geld bereits einiges aufgezehrt ist. Zwei Jahre lang war Thomas Drach nach der Entführung auf der Flucht, bevor er in Buenos Aires von einem argentinischen Spezialkommando verhaftet wurde. Er hat, kann man sagen, nicht gerade gedarbt. Zuletzt lebte er in einer Villa im Nobel-Badeort Punta del Este in Uruguay. Monatsmiete: 30 000 Dollar. Die 125

000 Dollar für sein Auto, ein anthrazitfarbenes Mercedes-Cabrio, zahlte er in bar.

Andererseits ist es selbst mit einem üppigen Lebensstil nicht leicht, in zwei Jahren eine so gewaltige Summe durchzubringen. Der Großteil des Geldes gilt noch immer als verschollen. Drach hatte sich das Lösegeld zur Hälfte in Schweizer Franken übergeben lassen; der D-Mark-Anteil galt frühzeitig als gewaschen und in andere Währungen umgetauscht. Dass er durchaus noch über erhebliche Beträge verfügt, zeigt ein Vorschlag, den er 2007 einer Richterin machte: 450 000 Dollar bot er, falls er vorzeitig freikäme.

Angeblich will sich Drach jetzt so schnell wie möglich ins Ausland absetzen — hindern könnte ihn daran niemand. Bliebe er in Deutschland, müsste er laut dem Hanseatischen Oberlandesgericht eine elektronische Fußfessel tragen. Zu den Auflagen gehört auch, dass sich Drach bei der Agentur für Arbeit melden muss. Das Ziel: Er soll arbeiten. Insofern könnte das Leben in Freiheit für ihn eine ganz neue Erfahrung bereithalten. Auch im Gefängnis hätte er arbeiten und sich etwas verdienen können. Er hat dies in den 15 Jahren nicht ein einziges Mal getan.

Erpressung in Deutschland: Die Beute bleibt meist verschwunden
Nach spektakulären Entführungen tauchen erpresste Lösegelder selten wieder auf. Prominente Beispiele aus Deutschland:


Reemtsma: Nach der Entführung des Hamburger Millionenerben Jan Philipp Reemtsma 1996 wird ein Lösegeld von umgerechnet 15,3 Millionen Euro gezahlt — bisher wurde nur ein kleiner Teil der Beute entdeckt. Helfer hatten die Scheine hinter Fußleisten versteckt, unter einem Gartenteich vergraben, in einer Waschküche eingemauert und an einer Autobahn verbuddelt. Komplizen geben an, dass das Geld verbraucht oder durch Fehlinvestitionen verloren sei.

Schlecker: Nach der Entführung der beiden Kinder des Drogerie-Unternehmers Anton Schlecker 1987 erpressen die Kidnapper 9,6 Millionen Mark (4,9 Millionen Euro) Lösegeld und fliehen. Die Jugendlichen können sich selbst befreien. Die Täter werden erst 1998 nach einem Bankraub gefasst. Später schildern sie, dass sie drei Millionen Mark problemlos in Paris umtauschten — trotz registrierter Scheine. Sie investierten ihre Beute in Luxuswohnungen und Autos sowie in Wertpapier- und Immobilienspekulationen — und machten dabei enorme Verluste.

Oetker: 1976 wird der Münchner Industriellensohn Richard Oetker, damals 25, entführt und in eine enge Kiste gesperrt. Die Familie zahlt ein Lösegeld von 21 Millionen Mark (10,7 Millionen Euro). Oetker wird schwer verletzt gefunden und behält körperliche Behinderungen zurück. Die Polizei fasst Täter Dieter Zlof zwei Jahre später, weil er registrierte Scheine aus der Beute bei seiner Hausbank einzahlt. Er wird zu 15 Jahren Haft verurteilt. Danach will er seine Beute heben, die er in Plastiksäcken vergraben hatte. Doch ein großer Teil ist verrottet. Bei dem Versuch, erhaltene Tausend-Mark- Scheine in London umzutauschen, wird Zlof erneut verhaftet und wegen Geldwäsche nochmals zu zwei Jahren Haft in Großbritannien verurteilt.

Eckart Gienke und Thorsten Fuchs

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