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Seite Drei „Die Kehrseite des Evangeliums der Freizügigkeit“
Nachrichten Seite Drei „Die Kehrseite des Evangeliums der Freizügigkeit“
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22:25 01.03.2013
Klaus J. Bade bei einer Laudation im März in Göttingen anlässlich der Verleihung des Göttinger Friedenspreises 2012. Quelle: dpad
Lübeck

Der Migrationsforscher Klaus J. Bade (68) wirft der deutschen Politik vor, das Problem der Roma-Zuwanderung zu lange ignoriert zu haben.

Lübecker Nachrichten: Herr Bade, Deutschland freut sich über spanische Ingenieure und will arme Rumänen wieder loswerden.

Klaus J. Bade: Die Armutswanderung ist die Kehrseite des Evangeliums der Freizügigkeit. Viele haben wohl nur von erwünschten Hochqualifizierten mit passgerechten Berufs- und Sozialprofilen geträumt. Unerwünschte aber kann man nicht mehr ohne Weiteres zurückschicken, es sind heute EU-Bürger. Die zuwandernden Armen und auch die Roma unter ihnen sind zwar nur eine kleine, besonders auffällige Minderheit. Aber wo sie sich konzentrieren, entstehen mitunter erhebliche Sozialprobleme, die städtische Sozialbudgets überfordern können.

LN: Was muss passieren, damit daraus kein sozialer Sprengsatz entsteht?

Bade: Auf der nationalen Ebene, konkret in den Kommunen, geht es um Integration durch Qualifikation und besonders durch Bildung für die Kinder. Dafür brauchen die Kommunen Geld. Ideen haben sie selber. Wir brauchen eine Begrenzung der wanderungstreibenden Faktoren in den Ausgangsräumen. Eine Art Entwicklungspolitik mitten in Europa. Da ist vieles auf den Weg gebracht worden. Aber das Geld ist auch in den Taschen korrupter Politiker gelandet.

LN: Warum stehen die Kommunen der Roma-Zuwanderung so hilflos gegenüber?

Bade: Nach Deutschland kommen mit den Roma auch ihr altes Misstrauen nach außen und Zusammenschluss nach innen. Optimale Integrationsvoraussetzungen sind das nicht. Wir erreichen sie nur als Großfamilien.

LN: Was hat die deutsche Politik falsch gemacht?

Bade: Es wurde versäumt, die Menschen darauf vorzubereiten, dass diese Zuwanderung kommen wird. Bundesinnenminister Friedrich verwechselt die europäische und die soziale Integration, wenn er sagt: „Wir zahlen nicht zweimal“ — für Hilfen in den Ausgangsräumen und für die Leute, die trotzdem kommen. Friedrich macht Front gegen Armutswanderer und arbeitet so direkt den Rechtsradikalen in die Tasche.

LN: In Ihrem neuen Buch „Kritik und Gewalt“ (erscheint im Wochenschau-Verlag) werfen Sie Friedrich vor, die Einwanderungsgesellschaft nicht verstanden zu haben.

Bade: Er hat nicht verstanden, dass man heute Gesellschaftspolitik für alle machen muss, auch für die Mehrheit, sonst werden viele rebellisch.

Jan Sternberg

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