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Seite Drei „Die Menschen werden verrückt“
Nachrichten Seite Drei „Die Menschen werden verrückt“
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22:26 11.11.2013
Ein Bild der Hoffnungslosigkeit: Ein junger Überlebender der Katastrophe im verwüsteten Tacloban.
Tacloban

„Wir brauchen eine organisierte Brigade, die die Leichen einsammelt, Lebensmittel bringt und das Plündern stoppt.“ Joan Lumbre-Wilson steht gemeinsam mit Hunderten Hungernden und Durstenden vor einem der wenigen Hilfszentren in Tacloban. Am Freitag wurde die Hauptstadt der Insel Leyte vom Monster-Taifun „Haiyan“ dem Erdboden gleichgemacht. „Das ist vier Tage her“, sagt die 54-Jährige. „Wir brauchen endlich Wasser, etwas zu essen. Wir brauchen jemanden, der uns hilft.“

Der Kampf gegen Hunger und Verzweiflung ist in der Küstenstadt längst in Gewalt umgeschlagen. Ein Hilfstransport des Roten Kreuzes wurde vor der Stadt abgefangen und ausgeraubt. Läden und Einkaufszentren wurden geplündert. „Die Menschen werden verrückt. Sie plündern die Läden, um Reis und Milch zu finden“, berichtet der Lehrer Andrew Pomeda. „Ich habe Angst, dass sie sich wegen des Hungers in einer Woche gegenseitig umbringen.“

Die Polizei befürchtet Anarchie. Überall liegen Leichen, Verwesungsgeruch breitet sich aus. Die Seuchengefahr steigt rapide. Auf vielen Straßen türmt sich der Schutt meterhoch. Die philippinische Regierung erklärte die Region zum Katastrophengebiet.

Die Alarmschreie sind inzwischen in der Hauptstadt Manila angekommen. Gut 450 Polizisten trafen gestern in Tacloban ein. Hundert Soldaten wurden geschickt, um für Ordnung zu sorgen. Überdies seien 500 Pioniere um die Stadt herum im Einsatz, um Straßen freizuräumen, teilte ein Militärsprecher mit. Doch wirkt das beim Ausmaß von Zerstörung und Not wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. 220 000 Einwohner hatte Tacloban, bis es am Freitag von der fünf Meter hohen Welle überspült wurde. Von Dörfern an der Küste, in denen fast nur Holzhäuser standen, ist nur ein Trümmerfeld übrig.

„Alles ist zerstört, die Straßen unpassierbar, es gibt keinen Strom“, sagte der amerikanische Brigadegeneral Paul Kennedy, der gestern mit 90 US-Marines im Katastrophengebiet ankam und es zuvor überflog. „Jedes Dorf, jedes Gebäude ist entweder schwer beschädigt oder zerstört.“

Mehr als 10 000 Menschen, so eine vorläufige Schätzung der Polizei, sind allein in der Provinz Leyte in den Tod gerissen worden. Insgesamt seien auf den Philippinen 9,5 Millionen Menschen betroffen, 620 000 Menschen hätten ihr Obdach verloren, erklärte das UN-Büro für die Koordinierung von Hilfseinsätzen (OCHA).

Die internationalen Hilfsbemühungen liefen derweil mit Hochdruck an. Das Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) bereitete mit der philippinischen Regierung auf dem Flughafen der Insel Cebu die Einrichtung einer Luftbrücke vor.

44 Tonnen Energiekekse wurden aus Dubai auf den Weg gebracht. Mit eingeflogenen Containern, vorgefertigten Büroräumen und Generatoren sollen auf Cebu und in Tacloban operationelle Zentren für die Hilfsgemeinschaft eingerichtet werden. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef kündigte für heute ein Transportflugzeug mit 60 Tonnen Zelten und Medikamenten an, Ausrüstung für Sanitäreinrichtungen und zur Aufbereitung von Wasser sollen folgen. „Es ist sehr schwer, die am schlimmsten getroffenen Gegenden zu erreichen“, sagte der Unicef-Beauftragte Tomoo Hozumi. „Wir arbeiten rund um die Uhr.“ Auch das Technische Hilfswerk (THW) ist vor Ort.

Auch wenn Sicherheitskräfte und Hilfe eintreffen, erreicht sie Hunderttausende Opfer in den verwüsteten Landschaften kaum. Die Versorgungslage ist auch deshalb so prekär, weil der Flughafen von Tacloban schwer beschädigt ist.

Es drängt sich die Frage auf, ob die Behörden die Bevölkerung nicht besser hätten schützen können. Die Regierung weist Versäumnis-Vorwürfe zurück. „Man kann sich nicht auf einen Sturm mit 320 Stundenkilometern vorbereiten“, sagte Energieminister Jericho Petilla. „Alle Vorsichtsmaßnahmen nutzten bei solcher Gewalt wenig. Die ganze Provinz hätte vollständig evakuiert werden müssen.“

Und in Tacloban war die Zerstörung letztlich so groß, dass für viele ausgerechnet die Schutzunterkünfte zur tödlichen Falle wurden. Während die Regierung keine Versäumnisse sieht, sind Wissenschaftler resigniert. „Wir haben versagt, uns Gehör zu verschaffen“, sagt der Geologe Mario Aurelio von der Universität von Manila.

Präsident Benigno Aquino beschwor seine Landsleute: „Ich versichere allen: Die Hilfe kommt in den nächsten Tagen schneller an. Ich appelliere an alle: Bleibt ruhig, betet und helft einander. Nur so können wir diese Tragödie meistern.“

Spendenkonten
Diakonie Katastrophenhilfe: Kennwort „Philippinen“, Konto 502502, Evangelische Darlehensgenossenschaft Kiel, BLZ 210 602 37.


Caritas international: Kennwort „Nothilfe Taifun“, Konto 202, Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe,BLZ 660 205 00.

Misereor: Kennwort „Philippinen“, Konto 101010, Pax-Bank Aachen, BLZ 370 601 93.

Deutsches Rotes Kreuz: Kennwort „Wirbelsturm“, Konto 414141, Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00.


Ärzte ohne Grenzen: Kennwort „Philippinen und andere“, Konto 97097, Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00.


Aktion Deutschland hilft: „Taifun Haiyan“, Konto: 10 20 30, Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00

Jason Gutierrez

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