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Die Neue in Lübecks Museumslandschaft

Lübeck Die Neue in Lübecks Museumslandschaft

Dagmar Täube (55) leitet seit der vergangenen Woche das St. Annen-Museum, das Holstentor und die Katharinenkirche. Sie bringt viel Erfahrung als Kunsthaus-Direktorin mit. Das Versilbern von Kunstschätzen wird es mit ihr nicht geben.

Lübeck. Ein Paradoxon haftet der Stadt Lübeck an: Sie ist seit vielen Jahren in finanziellen Schwierigkeiten – wenn man unhöflich ist, nennt man sie pleite.

Gleichzeitig ist sie Besitzerin eines unermesslichen Schatzes: der Kunst, die in den zahlreichen Museen ausgestellt wird und in deren Depots lagert.

Seit wenigen Tagen ist Dagmar Täube Leiterin des St. Annen- Museums, des Holstentors und der Katharinenkirche mit ihrem bedeutenden Gemälde des venezianischen Malers Tintoretto. Die promovierte Kunsthistorikern ist damit verantwortlich für einen großen Teil des Lübecker Reichtums. Allein die mittelalterlichen Altäre und überhaupt die sakralen Kunstwerke, die im St. Annen-Museum zu sehen sind, gelten als Preziosen.

„Man darf die Finanzprobleme der Stadt und die Kunstwerke der Museen nicht zueinander ins Verhältnis setzen“, protestiert Dagmar Täube umgehend gegen die Zumutung dieser Aufrechnung. „Was die Museen aufbewahren, ist kein Schatz, den man zu Geld machen darf. Es ist das Gedächtnis der Stadt und der Menschheit.“ Die Exponate, die das St. Annen-Museum bewahrt, seien Zeugnisse von Generationen, die das Leben in Lübeck und in Norddeutschland geprägt hätten – gerade auch die Repräsentationsstücke der bürgerlichen Kunst und Kultur Lübecks, die aus Bürgerhaushalten ins St. Annen-Museum kamen und nicht aus Adelshäusern.

Sie verweist auf die Grundsätze des International Council of Museums. Darin heißt es: „Das Museum ist eine nicht gewinnbringende, ständige Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die für die Öffentlichkeit zugänglich ist und materielle Belege des Menschen und seiner Umwelt zum Zwecke des Studiums, der Erziehung und der Freude erwirbt, erhält, erforscht, vermittelt und ausstellt.“ Die Versilberung der Kunstschätze sei also rundweg abzulehnen. „Ich warne davor, eine Schleuse zu öffnen.“

Dagmar Täube kommt aus dem Rheinland und hat an renommierten Ausstellungshäusern in Köln und Umgebung gearbeitet. Ihre vielleicht schillernste Station: In Jerusalem hat sie am Aufbau des Terra Sancta Museums mitgewirkt. „Die Franziskaner haben dort in ihrem Kloster neben der Grabeskirche 700 Jahre lang eine Sammlung zusammengetragen“, erzählt sie. „Viele Pilger brachten Geschenke mit. Das ergab eine riesige Menge an Artefakten, die bisher unter Verschluss gehalten worden waren.“ Ein Museum sollte eine sichere Verwahrung mit sich bringen – das Konzept lieferte Dagmar Täube.

Im Leitungsteam des Museums Schnütgen in der Kölner Altstadt hatte sie es bereits mit sakraler Kunst zu tun – und mit alten Gemäuern: „Das Museum ist in einer romanischen Kirche von 1260 untergebracht, ein denkmalgeschützter Ort mit allen Problemen, die das mit sich bringt.“ Und dann war sie über viele Jahre Leiterin des renommierten Deutschen Glasmalereimuseums von Linnich.

„In einer finanziell angespannten Situation und mit wenig Personal zu arbeiten, bin ich von damals gewohnt“, sagt sie lachend – es könne sie nichts mehr schrecken, auch nicht die prekäre Finanzlage Lübecks. Als Kunsthistorikerin mit einem besonderen Faible für Tafelmalerei sitze sie hier sozusagen im Schlaraffenland.

Doch an der neuen Wirkungsstätte findet sie auch Baustellen vor. Da ist vor allem das Holstentor, das Wahrzeichen der Stadt, dessen Innenleben – Zeugnisse der Handelshistorie und Schreckensinstrumente des lübischen Rechts – dringend erneuert werden sollte. Die Hansegeschichte deckt inzwischen das Hansemuseum an der Untertrave ab, was hat sie also vor mit dem schiefen spätgotischen Bau?

„Wichtig ist, dass das weltweit bekannte Symbol Lübecks die Stadt auch weiterhin repräsentiert.“ Sie wolle mit den Mitarbeitern des Holstentores in einen Dialog treten und die Interessen und Vorstellungen, die es anderswo in der Stadt gibt, einholen. „Ich möchte nicht als eine, die von außen kommt, meine Vorstellung drüberstülpen“, sagt sie vorsichtig. Ob Teile der geschlossenen Völkerkundesammlung einziehen sollten, ob eine Schau zum Thema Heimat/Fremde aufgebaut werden sollte? Etwas mehr Bezug zur Stadtgeschichte müsste es schon sein.

Im Museumsquartier St. Annen muss sich Barbara Täube damit abfinden, dass die grandiose Jahrhundertausstellung „Lübeck 1500“ im vergangenen Jahr Maßstäbe für alle weiteren Präsentationen gesetzt hat.

„Das war eine markante Ausstellung“, konzediert sie. Doch sie hat auch wahrgenommen, dass „Lübeck 1500“ vor allem nach Norden ausgerichtet war – inhaltlich und auch in Bezug auf die Werbung. „Schon im Rheinland hat man sie nicht mehr wahrgenommen.“ Ausstellungen mit dieser Schlagkraft seien nicht jedes Jahr zu finanzieren, aber die nächste sollte den Ruf des St. Annen-Museums auch in andere Himmelsrichtungen tragen. Ideen dafür habe sei bereits, zunächst aber: Psst!

Immerhin kann sie auf eine ähnlich herausragende Ausstellung wie „Lübeck 1500“ zurückschauen: Im Jahr 2011 verantwortete Dagmar Täube im Museum Schnütgen die Schau „Glanz und Größe des Mittelalters“

mit dem Untertitel „Kölner Meisterwerke aus den großen Sammlungen der Welt“. Im Katalog schrieb sie, die Ausstellung solle „uns einen Einblick geben in das Denken und Fühlen, aber auch in die Lebensweise der Menschen, die unsere kulturellen Wurzeln geprägt haben“. Das will sie auch in Lübeck versuchen.

 Michael Berger

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