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Seite Drei Die Rückkehr der schwarzen Riesen
Nachrichten Seite Drei Die Rückkehr der schwarzen Riesen
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20:15 01.11.2013
Tierarzt Lothar Härtelt verschießt mit seinem Betäubungsgewehr die Spritzen, mit denen die Genproben genommen werden.
Damerow

Es ist ein Bild wie aus der Urzeit. Der massige Wisentbulle, ein Berg aus Muskeln und dunklem Zottelfell, äugt misstrauisch zum Rand der Wiese. Die Atemstöße aus seinen Nüstern gleichen weißlichen Dampfwölkchen. Kaum ein Tier könnte mehr Kraft und Ursprünglichkeit ausstrahlen. Höchstens ein Mammut. Vor 10 000 Jahren bevölkerten beide Urrassen Europa in großen Herden. Das Mammut ist längst ausgestorben. Den Wisent aber gibt es noch. Bloß: Wie lange?

„Der Bestand ist immer noch stark gefährdet“, stellt Tierarzt Lothar Härtelt fest. „Der Wisent gehört zu den seltensten Tierarten Europas und ist nach wie vor vom Aussterben bedroht.“ Der Wisent-Spezialist steht mit seinem Betäubungsgewehr am Rand des Gatters auf dem Damerower Werder (Müritzkreis), einer Halbinsel am Kölpinsee. Geladen ist die Waffe mit einer Spritze. Er visiert den Bullen an und drückt ab. Der Pfeil trifft das Tier am Hinterteil. Der Bulle zuckt zusammen, macht einige tänzelnde Schritte und schaut dann irritiert in Richtung des Schützen. Auch die anderen Tiere im Gehege, drei Kühe und ihre Kälber, sind verunsichert. „Das macht es für mich natürlich schwerer, die alle heute noch zu markieren“, ahnt der Tierarzt. Er betreut seit Jahrzehnten die kleine Herde der insgesamt 32 Damerower Urrinder.

Gen-Datenbank in Warschau

Mit der Spritze, die gleich wieder abfällt, wird nur eine Gewebeprobe entnommen. Was hier geschieht, ist Teil eines europaweiten Genprojekts zur Auffrischung des Wisentbestandes. „Wir wollen herausfinden, welche Tiere den variantenreichsten Gencode haben“, so Härtelt. „Mit denen soll dann weiter gezüchtet werden.“

Denn das Problem der Wisentpopulation lässt sich auf ein Wort reduzieren: Inzucht. Der Genpool der Wisente ist klein. Zwar scheint es noch genügend Wisente in Zoos und Tierparks zu geben. Der Eindruck aber trügt. Viele der Tiere neigen zu Krankheiten, haben ein geschwächtes Immunsystem. Oder sie sind deutlich kleiner als ein gesundes Tier eigentlich sein müsste.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Bestand so gut wie ausgerottet“, erläutert Härtelt. Nur 52 Tiere hatten überlebt. Die meisten von ihnen waren nicht zuchttauglich. „Sämtliche 4600 Wisente in Europa stammen von nur zwölf Gründertieren ab.“

Diesen Genpool aufzufrischen ist nicht leicht. Zwar gibt es noch den amerikanischen Bison, dieser aber lasse sich, trotz ähnlichen Aussehens, nicht ohne Weiteres mit dem europäischen Wisent kreuzen, sagt Härtelt.

Die Nachkommen der zwölf Alttiere sind auf ganz Europa verteilt. Wisente gibt es heute in Polen, Russland, Schweden, den Südkarpaten, in Italien und Portugal. Die wenigsten aber leben in freier Wildbahn. In Deutschland gibt es erst seit diesem Frühjahr im Rothaargebirge bei Bad Berleburg wieder acht Tiere in Freiheit. Eine Auswilderungsaktion in Zusammenarbeit mit der Naturschutzorganisation WWF.

Immerhin: In ganz Europa hat man das Problem des bedrohten Bestandes erkannt. Die Folge ist das internationale Genprojekt, das seit September 2012 läuft. Die Kosten von 140 Euro pro Tier tragen in Deutschland die Sielmannstiftung, die deutsche Bundesstiftung Umwelt und der Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC). Auch von den Landesregierungen kommt Geld. Die EU finanziert die zentrale Untersuchung der Proben an der Universität Warschau, wo eine zentrale europäische Gen-Datenbank entsteht.

Nicht nur im Norden, auch in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland hat Tierarzt Härtelt schon Genproben genommen, die allesamt nach Warschau geschickt wurden. Härtelts Frau Viola sitzt in einem zum fahrbaren Büro ausgebauten Wohnmobil, tütet die Gewebeproben ein und beschriftet sie, um sie nach Warschau zu schicken.

Wenn alle Länder sich zusammentun und die richtigen Tiere miteinander kreuzen, könnte der europaweite Wisentbestand schon in einigen Jahrzehnten so gefestigt sein, dass ganze Herden Nationalparks durchstreifen, ähnlich wie die Büffel in den USA, hoffen Naturschützer. Das wäre nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein denkbar. Derzeit werden beispielsweise in Kropp (Schleswig-Flensburg) und Fredeburg (Herzogtum Lauenburg) bereits Wisente gehalten.

Wisentherden im Oderdelta?

Das in Holland angesiedelte Projekt „Rewilding Europe“, an dem der WWF und andere Naturschutzorganisationen beteiligt sind, hat die Schaffung neuer Naturreservate zwischen Atlantik und Ostsee zum Ziel. In Frage käme dabei auch das Oderdelta, zu dem Teile der Insel Usedom und des Stettiner Haffs zählen. In diesen Gegenden könnte der Wisent, ähnlich wie der Wolf, neben anderen seltenen Arten angesiedelt werden.

Dennoch: „Es handelt sich um ein Jahrhundertprojekt“, schränkt WWF-Sprecher Roland Gramling ein. Zwar werde derzeit eine Studie erstellt, die klären soll, wo in Deutschland Naturparks dieser Art möglich wären. „Eine wissenschaftliche Arbeit, die alleine schon Jahre dauern kann“, so der Naturschützer. Selbst die Vorbereitungszeit für eine Freilassung betrage mindestens vier Jahre, wie auch im Rothaargebirge. Denn immer bei solchen Vorhaben seien auch die Befürchtungen groß. Gramling: „Man muss die Menschen mitnehmen.“

Härtelt jedenfalls beprobt nach dem Wisentbullen „Daaks“ noch die Kälber „Dawitja“ und „Dawita“. Ein Mitarbeiter muss ins Gehege, um die Spritzen einzusammeln. Der gefährliche Bulle wird derweil mit einer einfachen Plastiktüte in Schach gehalten. „Davor hat er Angst“, grinst Härtelt.

Der Wisent
Zoologischer Name: Bison bonasus

Vorkommen: Europa, Asien, große Waldgebiete mit hohem Laubwaldanteil.

Größe: Bis zu zwei Meter Widerristhöhe.

Gewicht: Kühe 500-600 Kilo, Bullen bis 1000 Kilo.

Ernährung: Baumtriebe, Gras, Rinde, Sträucher.

Paarungszeit: August, September. In freier Wildbahn bringt eine Kuh etwa alle drei Jahre ein Kalb zur Welt.

Tragzeit: 265 Tage.

Geschlechtsreife: Mit zwei Jahren. Ausgewachsen: Mit sechs Jahren.

Fluchtgeschwindigkeit: 60 Stundenkilometer.

Marcus Stöcklin

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